Paraguay

„Kinder als Hausangestellte“ – eine Form der modernen Sklavenhaltung


(Lima, 22. Juni 2016, noticias aliadas).- Ungefähr 47.000 Kinder und Jugendliche beider Geschlechter sind in Paraguay in der Situation, als Hausangestellte arbeiten zu müssen – ähnlich wie ein persönlicher Dienstbote. Diese Art der Arbeit wird in Paraguay ‚criadazgo‘ genannt, abgeleitet von dem Wort ‚criados‘ – Hausangestellte. Das belegen Zahlen des Nationalen Sekretariats für Kinder und Jugendliche SNNA (Secretaría Nacional de la Niñez y Adolescencia).

Kinderarbeit 7 Tage die Woche

Dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF gemäß ist ‚criadazgo‘ eine noch gebräuchliche kulturelle Praxis, nach der „Mädchen und Jungen aus armen, ländlichen Familien in Haushalten Dritter wohnen, um dort Hausarbeiten zu verrichten. Im Gegenzug erhalten Sie dafür Unterkunft und Essen. Häufig gehen sie nicht zur Schule und sind Missbrauch ausgesetzt“. Laut UNICEF arbeiten 45 Prozent der Mädchen und Jungen, die sich in dieser Situation des ‚criadazgo‘ befinden, an sieben Tagen der Woche; 26 Prozent haben täglich nur zwei Stunden Pause.

Für die Vertreterin der UNICEF in Paraguay, Regina Castilla, ist ‚criadazgo‘ eine Form der modernen Sklavenhaltung, die die Mädchen und Jungen ihrer Familien sowie ihrer Kindheit beraube. Diese Praxis habe auch nichts mit einer Adoption oder der Übertragung der Vormundschaft zu tun, da die Kinder abgegeben worden seien und den ganzen Tag arbeiteten.

Die Staatsanwältin María Teresa Martínez, die in der der Staatsanwaltschaft angegliederten, spezialisierten Stelle für ‚Kampf gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung von Jungen, Mädchen und Jugendlichen‘ tätig ist, informierte auf dem Treffen der Richter*innen zum Thema ‚Menschenhandel und Organisierte Kriminalität‘, welches vom Vatikan Anfang Juni organisiert wurde, dass die festgestellten Gründe für ‚criadazgo‘ „Armut, Ungleichheit und das Fehlen von Beschäftigungsmöglichkeiten“ in Paraguay seien.

Misshandlung und sexueller Missbrauch

Der Tod der vierzehnjährigen Carolina Marín, die im Januar 2016 an den Schlägen verstarb, die ihr der Lebensgefährte jener Frau versetzt hatte, die ihr Vormund gewesen war, zeigt einmal mehr die Gefahr, in der sich diese Jungen und Mädchen befinden.

Tomás Eligio Ferreira, ein ehemaliger Soldat, bestrafte Marín, die als Angestellte im Haus von Ramona Melgarejo arbeitete, indem er sie auf Rücken und Beine schlug und dabei lebensnotwendige Organe verletzte. Das Mädchen war im Alter von drei Jahren in das Haus von R. Melgareja gekommen. Zuvor hatte es, nachdem die Justiz der Mutter das Sorgerecht für die Kinder entzogen hatte, mit seinen Geschwistern in einem Kinderheim gelebt. Nach dem Tod des Mädchens erklärte der Kinder- und Jugendminister Carlos Zárate, dass „jede Art von „’criadazgo‘ die Rechte der Mädchen, Jungen und Jugendlichen“ verletze.

Auch wenn diese Praxis „kulturell akzeptiert“ sei, bedeute dies nicht, dass sie nicht missbräuchlich angewendet werde. „Oftmals glauben Familien, die ein Kind weggeben, im Haus eines Dritten habe es das Kind besser. Und dem ist dann nicht so“, sagte der Minister auf einer Pressekonferenz.

„Vorstufe von sexueller Ausbeutung“

„Ein Kind, das der Situation des ‚criadazgo‘ ausgesetzt ist, läuft große Gefahr, Opfer von Misshandlung und sexuellem Missbrauch zu werden“, sagte der Minister. „Diese Praxis könnte man als die Vorstufe von sexueller Ausbeutung ansehen.“

Zárate gab zu, dass das umfassende Gesetz gegen den Menschenhandel das Thema ‚criadazgo‘ nicht mit einschließe. „Man kann aber durchaus einen anderen Vergleichsbestand als Grundlage nehmen, um ‚criadazgo‘ als Straftat zu ahnden, und dass ist der der ‚persönlichen Dienstbarkeit‘. Wir arbeiten mit der Legislative daran, die Gesetzgebung anzupassen und die Situation des ‚criadazgo‘ genau zu umfassen, damit niemand der Strafe entkommt“.

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