Paraguay

Kampf um den Chaco


von Luis Rómboli

Chaco: Abgeholzt und für Soja-Anbau vorbereitet / Ostrosky Photos, CC BY-NC-ND 2.0, Flickr(Montevideo, 19. Juni 2012, la diaria).- Inmitten des sich zuspitzenden Konflikts innerhalb des paraguayischen Agrarsektors bestätigte Emiliano Camacho, Kontrolleur des Nationalen Instituts für ländliche Entwicklung Indert (Instituto Nacional de Desarrollo Rural y de la Tierra) gegenüber la diaria, dass man eine „starke Präsenz uruguayischer Staatsbürger“ bemerkt habe, die als Eigentümer*innen jener Grundstücke aufträten, die der lokalen Bevölkerung im Zuge der Agrarreform zugeteilt worden seien.

Bericht legt illegalen Landerwerb offen

Laut Camacho, einem juristischen Berater des (inzwischen entmachteten) Präsidenten Fernando Lugo, wurden jene Ländereien an paraguayische oder ausländische Unternehmer*innen – vor allem aus Brasilien und Uruguay – verkauft. Als Lugo feststellte, dass seit Jahren staatliche Ländereien unrechtmäßig übertragen wurden, schaltete er sich in die Angelegenheiten des Indert ein und enthob den damaligen Direktor aus dem Amt. Nach dreimonatiger Arbeit legte Camacho seinerseits einen detallierten Bericht der Situation vor, in der er „illegalen Verkauf von Ländereien und die Schaffung von Scheinsiedlungen durch das Institut selbst“ vorfand, die „von skrupellosen Personen, sowohl aus dem privaten als auch dem öffentlichen Sektor ausgeführt wurden“.

Für das Erstellen des Berichts untersuchte Camacho alle Regionen des Landes, in denen das Indert Ländereien verteilt hatte. Vor allem im Departamento Alto Paraguay, das in der Region des Chaco Central an der Grenze zu Bolivien liegt, stieß das Indert auf eine beachtliche Präsenz von Uruguayer*innen, die dort Land aufkauften. „Es liegen beide Arten von Käufern vor“, erklärte Camacho. „Solche, die das Land mit Hilfe von Strohmännern erwarben und andere, die den Kauf legal abschlossen. Letztere sind die Mehrheit“. In einigen Fällen handle es sich um Arbeiter*innen oder Personen, „die zuweilen als Verwalter“ der Anwesen aufträten.

In seinem Bericht legte Camacho der Regierung nahe, die Region Chaco „nach Territorien zu unterteilen“, sowie die öffentlichen Ländereien zurückzugewinnen und mit der Agrarreform fortzuschreiten. La diaria gegenüber räumte er jedoch ein, dass er den Prozess mit „Pessimismus“ verfolge, da „die Justiz sehr langsam ist“.

Grundstücke in Händen ausländischer ViehzüchterInnen

Siedler in Brasilien mit Viehwagen / Eduardo Amorim, CC BY-NC-ND 2.0 flickrDie paraguayische Tageszeitung ABC berichtete am 1. Juni dieses Jahres von einer Siedlung namens María Auxiliadora in der Region des Chaco, die über 38.000 Hektar Land verfüge. Davon seien 35.000 Hektar „in Händen von brasilianischen und uruguayischen Viehzüchtern, während 3000 Hektar von 35 paraguayischen Familien bewohnt sind“. Claudio Deleón, Präsident der Komission Protierra der Siedlung María Auxiliadora erklärte, dass „die Ausländer die Grundstücke der ursprünglich Berechtigten durch Beihilfe der korrupten Beamt*innen des Indert erworben haben“.

Laut dem von Camacho vorgelegten Bericht seien „die Bewohner über die Präsenz der Ausländer beunruhigt, die mittels Pachtverträgen auf den Anwesen der mutmaßlichen Strohmänner arbeiten“. Die Zeitung ABC weist darauf hin, dass sich Camacho mit den Bewohnern getroffen und dabei versichert habe, dass „er die Beurkundung der legal bewohnten Ländereien vorantreiben und Fall für Fall überprüfen werde. Ebenso wolle er die Überprüfung der Grundstücke veranlassen, die von nicht Begünstigten in Anspruch genommen werden“.

Grüne Wüste

Anfang 2011 begann die Guaraní-sprachige Presse von der massiven Präsenz uruguayischer Unternehmer*innen Notiz zu nehmen, die Land aufkauften. Die in Asunción ansässige Zeitung „La Nación“ veröffentlichte im Februar 2011 einen Artikel, in dem der Uruguayer Rodrigo Artagaveytia vermutete, dass uruguayische Investor*innen im Chaco etwa eine Million Hektar Land erworben hätten. Artagaveytia, Eigentümer des Beratungsunternehmens Estudio 3000, begann über das Fernsehen Vieh zu verkaufen und bot am Ende in Paraguay Land an.

Allein im Jahr 2010 verkaufte das Beratungsunternehmen 100.000 Hektar Land an Uruguayer*innen, die „ab 100 US-Dollar pro Hektar zahlten und in den Feuchtgebieten zwischen 300 und 350 US-Dollar“, so Artagaveytia. In Uruguay dagegen wird der Hektar durchschnittlich zu 3.500 US-Dollar gehandelt. Der Artikel von La Nación wies darauf hin, dass es sich um Viehzuchtfarmen mittlerer Größe und großen Unternehmen handle, die weiter expandieren wollten.

Streit um Ländereien in Puerto Guaraní

Der Investor Southern Cone zum Beispiel, kaufte im Departamento Boquerón vergangenes Jahr etwa 3.200 Hektar Land. Die aus Frankreich stammende, aber in Montevideo ansässige Firma Abialor SA erwarb in Puerto Guaraní, im Departamento Alto Paraguay, 28.000 Hektar. Dahingegen fordern 353 Familien der Gemeinde vom paraguayischen Staat die Übertragung von 20.000 Hektar dieser Ländereien und begannen daher einen Rechtsstreit. Die Familien, die dort bereits mehr als 50 Jahre leben, versichern, sie würden über Papiere verfügen, die ihren Besitz an den Grundstücken beglaubigten.

Gründe für uruguayische Investitionen im Chaco

Menschen auf dem Weg zu einer Dorfversammlung im Chaco / Fiona L Cooper, CC BY-NC-ND 2.0, FlickrDer Anstieg uruguayischer Investitionen in der Viehzucht lässt sich damit erklären, dass der Chaco 60 Prozent der Fläche Paraguays einnimmt, dort aber nur zwei Prozent der Bevölkerung leben. Außerdem wurde die Viehzucht vor dem Hintergrund des expandierenden Sojaanbaus in diese Region verlagert.

Die landwirtschaftlichen Abgaben und der Betrag an der Grund- und Bodensteuer, welche die Viehzüchter*innen dort entrichten müssen, sind zudem viel geringer als in anderen Teilen der Region.

FAO untersucht Landkauf in Paraguay

Eine Studie der UN-Welternährungsorganisation FAO (UN-Food and Agriculture Organization), die Anfang Juni veröffentlicht wurde, analysiert das Phänomen des land grabbing in Lateinamerika und der Karibik.

Das Kapitel, das sich mit Paraguay befasst und von dem Soziologen Luis Galeano geschrieben wurde (“El caso de Paraguay. Dinámicas del mercado de la tierra en América Latina y el Caribe: concentración y extranjerización”), erklärt die neue Tendenz in Richtung einer Internationalisierung der Ländereien in Paraguay. In der Untersuchung wird darauf hingewiesen, dass der Anteil ausländischer Besitzer*innen an den Gebieten im Departamento Alto Paraguay im Chaco einen bedeutenden Anstieg erlebt hätte.

Investor*innen aus Südamerika, USA und Europa

Auch wenn die Dominanz brasilianischer Unternehmer*innen offenkundig sei, existierten weitere, die „aus Argentinien, Uruguay und den USA kommen“. Diese Produzent*innen „aus Brasilien und anderen Ländern sind bezüglich der Anzahl gehaltener Rinder von großer Bedeutung“ (Brasilien 39 Prozent, andere 13 Prozent). Neben den Brasilianer*innen investieren seit einigen Jahren auch „Unternehmer aus Uruguay und einigen europäischen Ländern“.

In einer Graphik wird darauf hingewiesen, dass bis zum Jahr 2010 die brasilianischen, uruguayischen und nordamerikanischen Unternehmer*innen im Alto Paraguay 2,5 Millionen Hektar Land gekauft hätten. Insgesamt seien im ganzen Land 5.825.000 Hektar an Ausländer*innen verkauft worden.

 

Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenschwerpunkts:

banner teilhabe-2012

 

 

 

Weiterlesen:

Die Studie der FAO ist abrufbar unter: http://www.rlc.fao.org/es/publicaciones/dinamicas-mercado-tierra/

poonal

Der Gran Chaco – Billigland und abgebrannt | Von Laura Zierke | poonal 874

 

Weiterhören:

onda
Der Gran Chaco – Billigland und abgebrannt | Von Laura Zierke | Feature vom 05.11.2009



CC BY-SA 4.0 Kampf um den Chaco von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Ex-Staatssekretär versteckt Millionen im Kloster (Montevideo, 15. Juni 2016, la diaria).- Der ehemalige Staatsekretär im argentinischen Bauamt, José López, wurde bei dem Versuch festgenommen, acht Millionen Dollar im Kloster Nuestra Señora de Fátima zu verstecken. López war zwölf Jahre lang die Nummer zwei im Planungsministerium. Das gesamte politische Spektrum Argentiniens beeilte sich, das Verhalten von López zu verurteilen. In einer Pressekonferenz am 14. Juni erklärte Kabinettschef Marcos Peña, López sei “keine unbedeut...
Fall Victor Jara: US-Prozess gegen chilenischen Militärangehörigen (Montevideo, 14. Juni 2016, la diaria).- “Wie Sie sich vorstellen können, ruft dieser Moment, dieser Prozess viele Erinnerungen und Gedanken wieder wach”, erklärte die 89-jährige Joan Jara gegenüber der Presseagentur EFE. Die Witwe des chilenischen Musikers Victor Jara ist eine von über 20 Zeug*innen im Zivilprozess, der am 13. Juni von einem US-Gericht gegen Pedro Pablo Barrientos Núñez eröffnet wurde. Der chilenische Militärangehörige war einer der Oberstleutnants, die währ...
Kriminelle Umweltzerstörung im Nordwesten Mexikos Von Victor M. Quintana(Mexiko-Stadt, 6. Mai 2016, la jornada).- Nicht jeden Tag genießt man ein solches Vorrecht. Die pastoralen Mitarbeiter*innen der Diözese der Sierra Tarahumara, einer Gebirgsregion im Nordwesten Mexikos, luden mich zu ihrer Versammlung zum Thema Seelsorgeplan der Diözese ein. Die Dynamik dieser großen Gruppe, die sich aus Laien, Nonnen, Mönchen und Priestern zusammensetzt, erregte meine Aufmerksamkeit. Anfang des Jahres hatten sie einen Seelsorg...
Interview mit Verónika Mendoza: Das kleinere Übel wählen Von Stephanie Demirdjian(Montevideo, 01. Juni 2016, la diaria).- Mendoza kommt zu spät zum Interview, sie hat sich in den Straßen von Montevideo verlaufen, empfindet das aber nicht als Zeitverlust: „So lerne ich die Stadt ein bisschen besser kennen.” Ihre Ernennung als Präsidentschaftskandidatin lief eigentlich ähnlich ab: Bis in den Dezember hinein stellte die Kandidatin der Partei Frente Amplio mit ihren Umfragewerten das Schlusslicht; die Medien nahmen kaum Notiz v...
Protestcamp in der argentinischen Provinz Feuerland gewaltsam geräumt (Montevideo, 01. Juni 2016, la diaria).- Vor mehr als drei Monaten hatten Beamt*innen, überwiegend Lehrer*innen, in der Provinzhauptstadt Ushuaia vor dem Sitz der Landesregierung ein Camp errichtet, um gegen Rentenreformen zu protestieren. Die Reformen hatte die Chefin der Regionalregierung, Rosana Bertone, auf den Weg gebracht. Am vergangenen Dienstag wurde das Camp von der Polizei geräumt. Bei dem in den frühen Morgenstunden begonnenen Einsatz wurden mehrere Arbeiter*innen ...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *