Mexiko

Journalist*innen zwischen Gewalt und Zensur


Von Sara Lovera

Gewalt gegen Journalist*innen

Gewalt gegen Journalist*innen ist in Mexiko an der Tagesordnung / Foto: SemMexico

(Mexiko-Stadt, 3. Januar 2016, semmexico).- América Maribel Alva Larrazolo, Fernsehmoderatorin eines mexikanischen Lokalsenders in Chihuahua, wurde am 18. Dezember 2015 vor ihrem Haus in der Siedlung INFONAVIT Oasis in Ciudad Juárez hingerichtet. Die 27-Jährige war mit ihrem knapp siebenjährigen Sohn unterwegs. Zoila Edith Márquez verschwand am 7. Dezember 2013 in Zacatecas. Bis heute gibt es keine Spur von ihr, und niemand weiß, was mit ihr geschehen ist.

An 20. November wurde die Wohnung der Journalistin Gloria Muñoz Ramírez durchsucht. Muñoz Ramírez ist Leiterin des Web-Nachrichtendiensts DesInformémonos, schreibt für die Tageszeitung La Jornada und ist Mitherausgeberin der Beilage Ojarasca. Die Journalistin Anabel Hernández gab bekannt, dass ihre Wohnung am 4. November durchsucht worden war. Das Eindringen der vier Personen, drei Männern und einer Frau, konnte von den Überwachungskameras aufgezeichnet werden.

Unterschiedliche Gründe für Angriffe

Journalist*innen werden angegriffen, weil sie öffentlich machen, was passiert, oder weil sie die Forderungen der Bevölkerung publik machen. Die direkten Anlässe sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können: Vom Widerstand gegen eine Preiserhöhung über Korruptionsvorwürfe bis zum kritikwürdigen Verhalten von Politiker*innen niederen Ranges ist alles dabei. Pedro Canché aus Quintana Roo beispielsweise verbrachte 271 Tage im Gefängnis, weil er Fotos von einem Protestmarsch gegen die Erhöhung der Trinkwasserpreise veröffentlicht hatte. Er wurde am 30. August 2014 verhaftet und kam erst am 30. Mai 2015 wieder frei.

Natürlich werden Bedrohung und Belästigung gegen Journalist*innen in der Öffentlichkeit wahrgenommen, wenn es sich um bekannte Persönlichkeiten handelt wie zum Beispiel Carmen Aristegui, die den mexikanischen Präsidenten öffentlich kritisiert hatte. Das gilt jedoch nicht für die 656 gezählten Angriffe auf Journalist*innen der ersten Hälfte des Jahres 2015, deren Opfer keinen persönlichen Schutz genießen, in weniger sicheren Wohnvierteln leben oder für weniger bedeutende Medien arbeiten. Diese Menschen sind am stärksten betroffen, und ihre Gefährdung bleibt für die Öffentlichkeit unsichtbar.

Einem Bericht der Initiative Casa de los Derechos de Periodistas (Haus der Journalist*innenrechte) zufolge richten sich 94 Prozent der Aggressionen gegen Männer und 6 Prozent gegen Frauen. Ein besonders extremer Fall war die Ermordung von Regina Martínez, die sich für Indígenas und für die arme Landbevölkerung eingesetzt und regelmäßig Ortsvorsteher denunziert hatte, die sich von regionalen Interessenlobbies hatten einwickeln lassen und unter deren Schutz standen.

Analyse: Straflosigkeit und Abhängigkeit als Hauptproblem

Lorena Gómez Puertas von der Universidad Pompeu Fabra in Barcelona hat eine umfassende Studie über journalistisches Arbeiten in Mexiko vorgelegt und dafür den Zeitraum der letzten Jahre bis Mai 2015 untersucht. Anhand der Untersuchungsergebnisse wird deutlich, dass die Aggressionen gegen Journalist*innen in kleinen Ortschaften und Machtbereichen örtlicher Kaziken von Behörden und der Polizei ausgehen. Die Verfasserin der Studie “Zwischen Gewalt und Zensur” nennt als eins der Hauptprobleme hinsichtlich der Aggression, sofern die Betroffenen nicht über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen, die Straflosigkeit: 89 Prozent der Strafanzeigen bleiben wirkungslos. Ihrer Ansicht nach ergibt sich die Gefährlichkeit der journalistischen Arbeit aus dem Abhängigkeitsverhältnis sowohl der nationalen, mächtigen als auch der lokalen, weniger einflussreichen Presse mit allen Bereichen der Macht – angefangen bei der mexikanischen Revolution bis hin zum von Felipe Calderón entfesselten Krieg gegen das organisierte Verbrechen und zur heutigen Unregierbarkeit des Landes.

Am 21. November 2015 wurden in Xalapa die Pressefotograf*innen Carol Sánchez und Raziel Roldán überfallen und ihr Equipment entwendet. Am 22. November nahmen Polizist*innen der Pressefotografin Melissa Díaz ihr Handy ab, als sie dabei war, Polizeiübergriffe gegen Lehrer*innen zu dokumentieren. Anschließend zerstörten die Polizeikräfte das Telefon und verweigerten ihr die Rückgabe.

Diese und weitere Beispiele aus der Studie von Gómez Puertas fanden Eingang in den Beitrag von Casa de Periodistas, den die Initiative zum Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember und als Teil der 16-tägigen Kampagne zum Stopp der Gewalt gegen Frauen vorbereitet hatte.

Die Fakten

Laut verschiedenen Quellen wird in Mexiko alle 26 Stunden ein*e Journalist*in angegriffen. Das Land belegt weltweit Platz sechs in der Statistik der meisten Morde an Pressearbeiter*innen. Innerhalb Lateinamerikas ist Mexiko das gefährlichste Land für Journalist*innen. Aufgrund der Zahl der insgesamt verübten Tötungsdelikte liegt Mexiko auf Platz 85 von 218 (Angaben laut Wikipedia 2012).

Die Organisation Freedom House nennt Mexiko das gewalttätigste Land der letzten zehn Jahre. Was die Ermordung von Journalist*innen angeht, so wurden in den Jahren zwischen 2000 und 2014 82 Menschen Opfer tödlicher Übergriffe, 14 davon waren Frauen (siehe poonal).

In den letzten drei Jahren wurden 328 Angriffe gezählt, nach Gómez Puertas waren es zuvor 182, das bedeutet eine Zunahme von 80 Prozent. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalist*innen CPJ (Comité de Protección a Periodistas) bleiben 90 Prozent der Strafanzeigen folgenlos, die Angaben werden von der nationalen Kommission für Menschenrechte bestätigt. Freedom House berichtet, dass 56 Prozent der Angriffe von Angehörigen staatlicher Autoritäten verübt werden.

Das Resultat: Regionen, über die nie berichtet wird, und Journalist*innen, die sich scheuen, über heikle, umstrittene Themen, lokale Politiker*innen und Regierungsvertreter*innen und ihre Angehörigen zu berichten. Das gilt besonders für Tamaulipas, Chihuahua, Coahuila und Veracruz, die Bundesstaaten, in denen das Leben von Journalist*innen und die persönliche Sicherheit der Menschen insgesamt als besonders gefährdet gilt.

Der 4. Januar wurde in Mexiko zum Tag der Journalist*innen erklärt.

 

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