Interview: Paraguay versinkt in der Drogenpolitik 1


von Cristiano Morsolin

Magui Balbuena wurde schon während der paraguayischen Militärdiktatur zur Aktivistin. Foto: Adital(Fortaleza, 17. Juli 2015, adital).- Magui Balbuena ist Kandidatin der Partei Kuña Pyrenda für das Amt der Vizepräsidentin von Paraguay und Mitglied sowie Gründerin des landesweiten Dachverbands Indigener Frauen und Landarbeiterinnen CONAMURI (Coordinadora Nacional de Mujeres Trabajadoras Rurales e Indígenas). Ihr Kampf begann 1971 im Alter von 21 Jahren als Mitglied der Katholischen Landjugend im Süden des Landes gelegenen Departamento Misiones – damals gegen die Diktatur und für die Organisation der Landbevölkerung.

Die Folge der Mitgliedschaft in dieser Organisation war das Exil. Von dort verlor sie jedoch nie den Kontakt zu den Anliegen der Bevölkerung und führte ihre Arbeit fort. Einige Zeit nach ihrer Rückkehr gründete sie im Jahr 1980 mit anderen Mitstreiter*innen die Bauernbewegung MPC (Movimiento Campesino Paraguayo). Danach, 1985, initiierte sie die Gründung des Dachverbands der Landfrauen Paraguays (Coordinación de Mujeres Campesinas del Paraguay), aus dem später der Dachverband CONAMURI entstand.

Im Jahr 2005 war sie eine der Frauen, die im Rahmen der Kampagne “1.000 Frauen für den Frieden” für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. Diese Nominierung teilte sie unter anderem mit der ehemaligen Generalsekretärin der Kommunistischen Partei Chiles, Gladys Marín, und der bolivianischen Bergarbeiterführerin und Menschenrechtlerin Domitila Chungara aus Bolivien. Sehr interessant ist die Lektüre ihres von der Wissenschaftlerin Elisabeth Roig in der Form eines Interviews geschriebenen Buches ‘Saatgut für eine neue Aussaat’ (Originaltitel: Magui Balbuena. Semilla para una nueva siembra), erschienen im Verlag Trompo Ediciones, Buenos Aires.

Magui, wie beurteilen Sie die klaren Aussagen von Papst Franzikus?

Magui Balbuena: Sehr wichtig als Aussage und als Mahnung an die Regierung des Landes. Dadurch, dass der Präsident Paraguays, Horacio Cortes, Gegenstand der Proteste sozialer Bewegungen ist, wird dem Papst unter anderem die Empörung unseres Volkes vor Augen geführt. Die Botschaft des Papstes an die Gesellschaft ist einfach, aber lehrreich. Ein Teil der Realität, die das Land erlebt, wird aufgedeckt. Die der armen, arbeitenden Bevölkerung, die unter den negativen Auswirkungen des Kapitals leidet.

Welches ist die Realität der Bevölkerung Paraguays?

MB: Ich hoffe, dass der Papst die Wahrheit in vollem Umfang erkennt: Paraguay versinkt im Elend und Schmerz von Millionen Paraguayer*innen. In einem Dokument, welches wir gemeinsam mit dem Nationalen Bauernverband FNC (Federación Nacional Campesina), CONAMURI und anderen sozialen Organisationen erstellt haben, beklagen wir, dass „dem Land droht, Horacio Cartes und seinen Komplizen ausgeliefert zu sein und von ihnen ausgeplündert zu werden“.

Durch das Privatisierungsgesetz sind alle unsere Reichtümer bedroht – das Wasser, die Elektrizität, die Kommunikation, der Boden, die Bildung und die Gesundheit. Mit diesem Gesetz wird eine Politik betrieben, die die Reichen begünstigt und bei der nichts für die Armen übrig bleibt. Man setzt damit auf eine Wirtschaft der Anhäufung für einige Wenige, auf Ausbeutung, Elend und die Ausgrenzung der Mehrheit.

Papst Franziskus sagte jedoch, als er sich auf die Politik und die Wirtschaft bezogen hat: „Wenn man an das Gemeinwohl denkt, ist es absolut notwendig, dass sich die Politik und die Wirtschaft in Abstimmung miteinander in den Dienst an das Leben stellen, besonders des menschlichen Lebens“ (…). In Paraguay sind alle staatlichen Institutionen von der Drogenpolitik korrumpiert; sie werden von der Regierung geschützt und begünstigt.

Papst Franziskus sagte: Zuerst die Heimat, dann das Geschäft…

MB: Ja, und zudem, dass ein integrativeres Gesellschaftsmodell fehle. Für die Jugend war es eine starke Aussage und der Weg ist der Kampf.

„Ich sage nicht, ob es wahr oder falsch ist, ob es gerecht oder ungerecht ist; aber eine der Methoden der diktatorischen Ideologien des letzten Jahrhunderts war die, die Menschen voneinander zu trennen – durch das Exil oder das Gefängnis, im Falle der Vernichtungslager der Nazis oder Stalinisten“, erklärte Papst Franziskus. Er forderte mehr klare und scharfe Urteile, um „eine Methode, die den Menschen nicht die Freiheit gibt, sich willentlich ihrer Aufgabe des Gesellschaftsaufbaus zu entziehen; das ist Erpressung, Erpressung ist immer auch Korruption… Die Korruption ist die Zersetzung, ist das Hauptübel eines Volkes“, urteilte er. Was sagst du dazu?

MB: Nun, was mir gefällt, ist, dass die Korruption die Zersetzung und das Hauptübel in einer Gesellschaft ist. Ich finde es sehr treffend, vor den Regierungsvertretern und den sozialen Organisationen zu sagen, dass die Korruption eine der größten Schwachstellen der Regierung ist. Aber der Papst hat sich noch nicht zu dem Massaker von Marina Kue im Verwaltungsbezirk Curuguaty geäußert. Man hat versucht, Spruchbänder mit der Frage zu zeigen: “Was passierte in Curuguaty?”, die zu einem Symbol für den Kampf wurde. Ich hoffe, dass er sich in der nächsten Rede dazu äußert – es handelt sich um eine der wichtigsten Anliegen der sozialen Bewegungen Paraguays. Im Bewusstsein dessen, was uns in dem Prozess erwartet, der Ende Juni begonnen hat.

[Vor ungefähr drei Jahren, am 15. Juni 2012, marschierten etwa 300 Polizisten in die unter dem Namen Marina Kue (aus der Sprache der Guarani, was so viel bedeutet wie ‘was von Marina war’) bekannte Siedlung des Verwaltungsbezirkes Curuguaty ein und lösten so in Paraguay einen der größten Landkonflikte der jüngsten Zeit aus. Sechs Tage später, am 21. Juni 2012, wurde der Präsident des Landes, Fernando Lugo von der Koalition Frente Guasu durch einen konstitutionellen Staatsstreich abgesetzt. Die Bilanz des Massakers von Curuguaty waren siebzehn Tote: Elf Landarbeiter*innen und sechs Polizisten].

Magui, du giltst als Sprachrohr der kirchlichen Gemeinschaften, die gegen die Diktatur Alfredo Stroessners (1954 – 1989) kämpften – was erwartest du von dem Papst?

MB – Generell ist die Aussage des Papstes ermutigend. Als Seelsorger tut er das, was er tun kann. Wir hoffen, dass er sich in seiner nächsten Rede stärker und mit mehr Nachdruck auf die Regierungsarbeit von Cartes bezieht, die das Land in den totalen Ruin führt. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit seiner nur auf Geld ausgerichteten Politik.

Dieser Artikel ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts:

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