Chile

Im Gedenken an die Brüder Vergara Toledo, zwei Opfer der Militärdiktatur


Memoria rebelde. Foto: Flickr/cosmopolita(Concepción, 29. März 2011, Agencia Medio a Medio). – „El día del joven combatiente” (Der Tag des jungen Kämpfers) ist der Name des Tages, an dem in Chile des Mordes an den Brüdern Rafael und Eduardo Vergara Toledo gedacht wird. Am 29. März 1985, in Zeiten der Diktatur unter General Augusto Pinochet (1973-1990), wurden die beiden Brüder durch Mitglieder der chilenischen Militärpolizei, den Carabineros, ermordet.

Das Datum ist kein offizieller Gedenktag, aber viele chilenische soziale Organisationen und politisch linke Bewegungen stellen an diesem Tag verschiedenste kulturelle Veranstaltungen, Liederabende, politische Treffen und Gedenkaktionen auf die Beine.

Zum Bild dieses Gedenktages gehören aber auch Chaos und Straftaten an verschiedenen Orten, welche bereits zum Tod von Unschuldigen führten. Die linken Bewegungen wollen nicht die Verantwortung für die Taten übernehmen, obwohl sich ihre Banner und Zeichen in jeder einzelnen dieser Unruhen wiederfinden. Jedes Jahr wieder werden an diesem Tag bei Einbruch der Nacht Barrikaden errichtet und es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant*innen und der Polizei.

Das traditionelle Epizentrum dieser Demonstrationen ist die Siedlung Villa Francia in der Gemeinde Estación Central, der Ort, an dem die Brüder Vergara Toledo ermordet wurden und welcher eine besondere Geschichte des Bevölkerungswiderstandes in der letzten Dekade der Diktatur einnahm. Die Proteste wiederholen sich an verschiedenen Orten, aber vor allem in den Städten Santiago, Antofagasta, Concepción, Iquique, La Serena, Temuco, Valparaíso und Viña del Mar.

“Auf frischer Tat” ermordet

Die Ermordung der Brüder Vergara Toledo fand während einer Operation der Carabineros in Villa Francia statt und stand im Zusammenhang mit der Verschärfung politischer Repressionen in Chile, die zahlreiche Morde seitens der Vertreter der Militärregierung mit sich brachte. Damals informierte die Presse, dass die Brüder Rafael (18) und Eduardo (20), Mitglieder der Bewegung der Revolutionären Linken MIR (Movimiento de Izquierda Revolucionaria) dabei waren, ein lokales Geschäft zu überfallen, als eine Gruppe von Carabineros sie „auf frischer Tat“ ertappte und erschoss. Unter den Carabineros waren Francisco Toledo Puente, Jorge Marín Jiménez, Mauricio Muñoz Cifuentes und der Leutnant Alex Ambler Hinojosa.

Ein Brief seitens des Generals der Militärpolizei Rodolfo Stange Oelkers zeigt allerdings, dass diese Informationen sehr konfus und widersprüchlich waren und nicht mit dem tatsächlichen Ort oder der Situation vor, während und nach dem angenommenen Überfall übereinstimmten; die Informationen über die Art der Auseinandersetzung scheinen ebenfalls nicht den Tatsachen gerecht zu werden. Außerdem gab es keine Anzeige wegen Überfalls noch einen entsprechenden Bericht.

Als Folge dieser Informationen entstand die Vermutung, dass die beiden Jugendlichen aufgrund politischer Motive umgebracht wurden und dass es sich bei dem angeblichen Überfall um eine Inszenierung handelte. Dazu fasst die Wahrheitskommission, die sogenannte Rettig-Kommission in einem offiziellen Bericht zusammen: „Die Kommission ist zu dem Schluss gekommen, dass Rafael Vergara durch staatliche Mitarbeiter exekutiert wurde, als er bereits verwundet und in den Händen derer war, die in umbrachten. Dies stellt eine Verletzung seiner Menschenrechte dar. Im Fall seines Bruders, Eduardo Vergara, konnte die Kommission weder die genauen Umstände der Auseinandersetzung ermitteln, noch eine Teilnahme Eduardo Vergaras an diesen. Die Kommission geht deshalb davon aus, dass Eduardo Opfer von Polizeigewalt wurde, in deren Folge er starb.“

Täter auf Kaution frei

Demnach wären die Brüder zu verschiedenen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten ermordet worden, womit die Version des Überfalls in sich zusammenfällt. Im Mai 2008 erließ der Minister Carlos Gajardo Haftbefehle gegen die ehemaligen Carabineros wegen Mordes. Gegen diese wurde Berufung eingelegt, so dass sich die Angeklagten zur Zeit auf Kaution in Freiheit befinden.

Bestätigt werden konnte folgendes: die Brüder Vergara Toledo wurden abgehorcht, eingeschüchtert und später durch bewaffnete Carabineros verhört, welche SIG-Gewehre, eine Uzi-Maschinenpistole und ihre Dienstwaffen bei sich trugen. Eduardo Vergara Toledo starb in dem vermeintlichen Feuergefecht und wies nach dem Gutachten Wunden auf, welche auf Schüsse in den Rücken und die linke Körperhälfte hinweisen. Der Carabinero Muñoz soll ebenfalls verwundet worden sein. Gemäß der gerichtlichen Untersuchung und der Rettig-Kommission, wurde Rafael Vergara verletzt und später “kaltblütig” durch seine Häscher hingerichtet. Die Leichname der beiden Brüder wurden auf der Straße liegengelassen.

 

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