Lateinamerika

Illegale Wirtschaftsformen und Territorialität in Lateinamerika


von Fernando Carrión M.*

Foto: casvicente /-CC BY-NC-SA 2.0, flickr(Quito, 12. August 2014, alai).- Illegalen Märkten innerhalb der Wirtschaft wird bis heute wenig Bedeutung beigemessen. Das liegt vielleicht daran, dass sie durch ihre Methodik, ihre Indikatoren und Quellen unsichtbar bleiben. Aber auch die ethischen, legalen, politischen und kulturellen Auswirkungen der Politik des „Krieges gegen die Drogen“ könnten dabei eine Rolle spielen.

 

Bedeutendes Geldvolumen aus illegalen Märkten

Tatsächlich stammt ein bedeutendes Geldvolumen aus illegalen Märkten: 1998 schätzte Michel Camdessus (Direktor des Internationalen Währungsfonds IWF von 1987 bis 2000) die Geldmenge aus illegalen Quellen auf zwei bis fünf Prozent der Weltwirtschaft. Moisés Naim (geschäftsführender Direktor der Weltbank von 1992 bis 1994 und Autor des Buchs „Das Schwarzbuch des globalisierten Verbrechens“) berechnete für 2004 einen Wert von zehn Prozent. Die Geldmenge aus illegalen Märkten hat sich also in 6 Jahren verdoppelt – das bedeutet einen deutlichen Aufwärtstrend. Wenn sich der Trend fortgesetzt hätte, welchen Anteil hätten die illegalen Märkte an der Weltwirtschaft heute?

In Lateinamerika wurde das Geldvolumen aus illegalen Märkten für das Jahr 2002 auf 6,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts berechnet (das entspricht ungefähr 75 Milliarden US- Dollar). In einer Studie, die wir unter der Schirmherrschaft des International Development Research Centre IDRC durchführen, haben wir ermittelt, dass der Betrag in der lateinamerikanischen Region 120 Milliarden US-Dollar übersteigen muss. Sie steht daher in einem ähnlichen Größenverhältnis wie die 137 Milliarden US-Dollar ausländischer Investitionen, die die Region in 2013 erhielt (siehe Wirtschaftskommission für Lateinamerika und Karibik CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el Caribe)).

Wo befinden sich diese Ressourcen?

In Lateinamerika existieren keine Untersuchungen zu diesem Thema. Doch auf Basis der Studien Francesco Forgiones über Italien (Forgione, 2010: Mafia export) können wir sagen, dass 40 bis 50 Prozent der Gewinne verwendet werden, um das illegale Geschäft in Stand zu halten und voranzutreiben, so z. B. durch Korruption, Technologie, Waffen, Löhne und Auftragsmorde.

Zwischen 50 und 60 Prozent werden durch Geldwäsche in die legale Wirtschaft eingeführt. Das geschieht im Rahmen von legalen, wenig regulierten Märkten, die eine schnelle Liquidität besitzen und für die Vervielfältigung von illegalen Gewinnen geeignet sind. Die Wirtschaft wird sowohl durch dieses Geld als auch durch das Geld zur Instandhaltung der illegalen Geschäfte angekurbelt. Die Verbindungen zu den Sektoren der regulären Wirtschaft sind derart stark, dass die Grenze zwischen den legalen und illegalen Märkten verschwimmt.

Der Gewinn aus illegalen Geschäften wird in den vielfältigsten Branchen investiert und diese Investitionen variieren je nach der Gesellschaft, um die es sich konkret handelt. In den meisten Fällen sind es allerdings urbane Wirtschaftssektoren. So ist zum Beispiel die Auswirkung dieses Kapitals auf den Immobiliensektor sehr groß. Gegenwärtig lässt sich in den größeren Städten Lateinamerikas ein Zuwachs dieses Sektors beobachten; viele neigen dazu, ihn durch die Existenz einer Blase, eines Überangebots oder eines Immobilienbooms zu erklären. Der touristische Sektor, der Automobilsektor sowie der Handel sind weitere attraktive Bereiche für Geldwäsche von Kapital aus illegalen Geschäften.

Kultur des „einfachen und schnellen Gewinns“

In der Gesellschaft bildet sich eine neue Kultur heraus, die mit einfachem und schnellem Gewinn, den neuen Konsumformen und den Inhalten von „narco novelas“ (Romane, die im Drogen-Milieu spielen, Anm. d. Ü.) sowie den „narcocorridos“ (Lieder, die Hauptfiguren oder Schlüsselereignisse des Drogenhandels positiv darstellen, Anm. d. Ü.) in Verbindung steht. Die Möglichkeiten, Arbeit zu schaffen und die Leute finanziell zu unterstützen – beides sehr gute soziale Puffer – führen dazu, dass illegale Organisationen auf eine breite Unterstützung für ihre kriminellen Handlungen zählen können.

Die Instandhaltung illegaler Geschäfte erfordert wirtschaftliche Ressourcen für die Kontrolle strategisch wichtiger Gebiete, so z. B. Herstellungs- und Transitorte für Rauschgift. Auch für den Unterhalt paramilitärischer Kräfte sind finanzielle Mittel notwendig. Zusätzlich brauchen illegale Organisationen Kapital, um Einfluss auf Staatsstrukturen zu nehmen und damit die Straflosigkeit ihrer Vergehen zu erlangen. Das geschieht durch die Methode des „Geldes“ (Korruption), des „Bleis“ (Einschüchterung) und der „Demokratie“ (Wahlen).

Politik verliert so ihre Wirksamkeit und die staatlichen Institutionen ihre Legitimation. Denn durch die Korruption und Entstehung paralleler Strukturen zur Staatsmacht werden diese Institutionen untergraben und geschwächt. Einerseits wirkt sich das auf die staatlichen Kontrollen von illegalen Handlungen aus, andererseits führt diese Situation zum Ausdruck des „gescheiterten Staats“, was nichts anderes bedeutet als sich selbst eine „Bescheinigung“ einer Politik des „Drogenkriegs“ auszustellen.

Die Veränderung der Lebensräume

Die soziale Raumproduktion verändert sich tiefgreifend nach der neuen Logik der legalen und illegalen Wirtschaften. In den Worten Saskia Sassens (Sassen, 1992: The global city) bedeutet dies: „Die Veränderungen in der Geographie und der Zusammensetzung der globalen Wirtschaft haben eine komplexe Dualität geschaffen: eine wirtschaftliche Aktivität, die räumlich verteilt, aber gleichzeitig global integriert ist.“

Die illegale Wirtschaft stützt sich auf den internationalen Zerfall von Produktionsprozessen, und zwar nicht nur räumlich (durch auseinander liegende Orte), sondern auch auf die einzelnen Phasen des allgemeinen Produktionsprozesses bezogen. Die von dieser Entwicklung ausgenommenen Bereiche sind Teil eines Organisationssystems, das aus Netzen und Knotenpunkten besteht. Auf internationaler Ebene werden sie durch eine Zentralstelle in der Art einer Holding-Gesellschaft verbunden, so z. B. beim Sinaloa-Kartell oder der N’drangueta.

Diese Struktur hat eine einzigartige Eigenschaft: Wenn Elemente des Gefüges angegriffen werden, wird das Ganze weder davon beeinflusst noch beeinträchtigt. Denn indem das Kartell seine Aufgabenbereiche an unterschiedliche, unabhängige Gebiete auslagert, agiert jedes Gebiet wie ein Franchise-Unternehmen, während im globalen Rahmen die „Holding-Gesellschaft“ wirkt.

Illegale Organisationen mit effizienter Verwaltungsstruktur

Auf diese Art bauen illegale Organisationen auf eine effiziente Verwaltungsstruktur, die immun ist gegen Handlungen des Strafsystems: Das Outsourcing und das Franchise-System funktionieren als Sicherungen oder Überdruckventile, die im Fall von Polizeiaktionen aktiviert werden. Wenn die Polizei eine kriminelle Bande oder Organisation auflöst, ersetzt die Holding-Gesellschaft sie umgehend, dank ihrer großen Flexibilität, mit einer anderen Gruppe oder Teile der früheren Gruppe.

Es liegt auf der Hand, dass diese Struktur ihre Entsprechung auf einer territorialen Ebene hat. Das wird an drei strategischen Orten sichtbar: Als Erstes sind die Grenzgebiete zu nennen, in denen die Wachstumsrate illegaler Wirtschaftsformen erstaunlich hoch ist, die Mordrate höher als im nationalen Durchschnitt und die von einer Beziehung zur Welt in Begriffen von Anziehung und Ausstrahlung geprägt sind (in ihrer Funktion als Plattformen oder Knotenpunkte).

Am Anfang dieses Jahrhunderts wurden Grenzregionen zu strategischen Räumen für die einträglichsten illegalen Märkte: Rauschgift, Waffen, Menschenhandel, chemische Grundstoffe und Schmuggel. Ab diesem Moment wurden Grenzen zu „globalen Systemen“, die ähnliche Funktionen erfüllen wie ein Knotenpunkt: Aus diesem treten in Echtzeit Produkte (Rauschgift), Betriebsmittel (Drogengrundstoffe) oder Dienstleistungen (Gesundheit, Zufluchtsmöglichkeiten) ein und aus, sie kommen und gehen von und zu verschiedenen Orten des Planeten.

Die Stadt: bevorzugter Ort der neuen Wirtschaft

An zweiter Stelle stehen die Städte, die bevorzugte Orte der neuen Wirtschaft sind. Das liegt daran, dass sie sich ideal eignen für Geschäfte, Reichtum schaffen, ausländische Investitionen anziehen und über eine große Dichte an Infrastruktur und Dienstleistungen verfügen. Außerdem sind sie Zentren für Innovation und versammeln eine große Anzahl an Konsument*innen auf einer kleinen Fläche. Die Verbindung illegaler Wirtschaftsformen mit legalen, wie sie sich bei der Geldwäsche im Bau- und Handelssektor beobachten lässt, findet in den Städten die perfekten Voraussetzungen.

Aber auch illegale Sektoren werden zur Geldwäsche verwendet. So werden in Brasilien beim jogo de bicho (illegales Lotteriespiel, Anm. d. Ü.) die Erlöse des Kleinhandels von Drogen gewaschen; in den kolumbianischen Inkasso-Unternehmen wird die Buchhaltung frisiert. Ein weiteres Beispiel sind die vielen Märkte in den meisten Städten der Region, in denen gestohlene oder raubkopierte Produkte verkauft werden.

Knotenpunkt Steuerparadies

Mit Blick auf die große Präsenz illegaler Handlungen in den Städten ist es in den Märkten, die wir hier dargestellt haben, nicht schwierig, dieses Geld in die städtische Wirtschaft zu integrieren. Es ist außerdem wichtig hervorzuheben, dass Grenzstädte zu Strukturknoten für Regionen jenseits der Grenzen werden. Denn einerseits neigen Märkte und die Vergehen, die mit ihnen im Zusammenhang stehen, dazu, sich in Grenzstädten zu ballen; andererseits übernehmen letztere die Rolle universaler Plattformen.

Zuletzt sind die Steuerparadiese zu nennen, in denen illegale und legale Märkte dank der vorherrschenden Offshore-Logik (Exterritorialität) aufeinandertreffen. Diese Logik stärkt die Vorteile und die erbrachten Dienstleistungen der Steuerparadiese. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD schätzt den Geldwert, der sich in den 74 Steuerparadiesen befindet, auf 7 Billionen US- Dollar, 1,6 Billionen davon stammen aus illegalen Märkten.

* Fernando Carrión M. ist als Wissenschaftler am Politikwissenschaftlichen Institut der FLACSO-Universität in Ecuador tätig.

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