Chile

„Ich habe das Recht zu entscheiden“ – Neue Kampagne zur Legalisierung von Abtreibungen


Logo der Kampagne (Rio de Janeiro, 25. Januar 2011, púlsar).- Der Verband chilenischer Nichtregierungsorganisationen ACCIÓN (Asociación Chilena de Organismos No Gubernamentales) und die Frauenvereinigung La Morada haben Ende Januar die Kampagne „Ich habe das Recht zu entscheiden“ begonnen. Ziel der Kampagne ist die Straffreiheit von medizinisch notwendigen Schwangerschaftsabbrüchen zu erreichen.

Abtreibungsverbot noch aus Pinochet-Diktatur

Martín Pascual, Präsident von ACCION, hob hervor, dass die Initiator*innen die Kampagne begonnen hätten, „um die Gesellschaft zu sensibilisieren und damit Parlaments und Regierung die noch aus der Pinochet-Diktatur stammende Verletzung von Frauen- und Familienrechten wieder hergestellt wird“.

Als 1989 die chilenische Diktatur in den letzten Zügen lag, wurde ein generelles Abtreibungsverbot verabschiedet, das bis heute fortbesteht. „Eine Mutter muss ihr Kind zur Welt bringen, auch wenn das Kind Entwicklungsstörungen aufweist, ungewollt ist, durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde oder die Gefahr besteht, dass sie bei der Geburt stirbt“, erklärte seinerzeit Jaime Guzmán, eine der Schlüsselfiguren bei der Ausarbeitung einer neuen chilenischen Verfassung und Gründer der rechtsgerichteten Unabhängigen Demokratischen Union UDI (Unión Demócrata Independiente). In Chile wurden bisher drei Fälle bekannt, bei denen die Geburt eines Kindes für die Mütter tödlich verlief.

Bis zu 160.000 illegalisierte Abtreibungen jährlich

Unterstützt wird die Initiative von neun weiteren Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung einsetzen. Die Kampagne lenkt die Aufmerksamkeit auf die drei von Guzmán beschriebenen Situationen, von denen angenommen wird, dass sie im Kongress zumindest diskutiert, möglicherweise aber auch eine entsprechende Gesetzesänderung zugunsten einer straffreien Abtreibung durchgesetzt werden kann. Dabei geht es um Schwangerschaften, bei denen der Fötus nicht überlebensfähig ist, das Leben der Mutter gefährdet ist oder die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung zustande kam.

Chile ist eines der Länder mit der höchsten Rate an Schwangerschaftsabbrüchen in Südamerika. Jährlich nehmen zwischen 120.000 und 160.000 Frauen unterschiedlichen Lebensalters und aus verschiedenen sozialen Hintergründen heimlich Abtreibungen vor.

Großes Risiko bei heimlichen Abbrüchen

Meistens sind derartige illegalisierte Schwangerschaftsabbrüche für die Frauen gesundheitsschädigend, weil sie von Personen vorgenommen werden, die keine entsprechende Ausbildung haben. Zudem setzen sich Frauen damit dem Risiko aus, angezeigt, inhaftiert und misshandelt zu werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass Frauen diese lebensgefährliche Operation nicht überleben oder irreversible Schäden wie Unfruchtbarkeit davontragen.

Die Kampagne ist Teil der 2010 begonnenen Aktion „Ciudadanía Bicentenario“, die im Rahmen der 200-Jahr-Feier zur Unabhängigkeit lateinamerikanischer Staaten ins Leben gerufen wurde. Ihr Ziel ist es, soziales Rollenverhalten im 20. Jahrhunderts aufzuzeigen.

Zum Weiterlesen:

altFast überall geltendes Abtreibungsverbot zwingt tausende Frauen zu illegalen und gefährlichen Eingriffen | Von Cristina Canoura | in: poonal 866

altKein Geld – keine „Pille danach“? | in: poonal 853


 

 

CC BY-SA 4.0 „Ich habe das Recht zu entscheiden“ – Neue Kampagne zur Legalisierung von Abtreibungen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Mehrfache Menschenrechtsverletzung an Frau nach Fehlgeburt – María Teresa ist wieder frei Von Gema Villela Valenzuela(Mexiko-Stadt, 01. Juni 2016, cimacnoticias).- Der Fall von María Teresa R. „zeigt besonders deutlich“, was auf der ganzen Welt und speziell in El Salvador passiert, wenn Abtreibung strafbar ist und „Frauen verurteilt werden, weil sie Frauen sind“, so der Anwalt Charles Abbott vom Zentrum für reproduktive Rechte CDR (Centro por los Derechos Reproductivos). Am 20. Mai 2016 wurde María Teresa R. nach einer Anhörung vor dem Obersten Gerichtsho...
Colonia Dignidad: Kommt Ex-Sektenarzt Hopp in Deutschland in Haft? Von Ute Löhning(Berlin, 19. Juni 2016, npl).- Nach Jahrzehnten ergebnisloser Ermittlungen gibt es eine erste Vorentscheidung der deutschen Justiz in Sachen Colonia Dignidad: Hartmut Hopp, der in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilte Arzt der deutschen Sektensiedlung im Süden Chiles und die „rechte Hand“ des Sektenführers Paul Schäfer, lebt seit fünf Jahren unbehelligt in Krefeld. Nun soll er seine Haftstrafe in Deutschland verbüßen. Das beantragte die Staatsanwalts...
Fall Victor Jara: US-Prozess gegen chilenischen Militärangehörigen (Montevideo, 14. Juni 2016, la diaria).- “Wie Sie sich vorstellen können, ruft dieser Moment, dieser Prozess viele Erinnerungen und Gedanken wieder wach”, erklärte die 89-jährige Joan Jara gegenüber der Presseagentur EFE. Die Witwe des chilenischen Musikers Victor Jara ist eine von über 20 Zeug*innen im Zivilprozess, der am 13. Juni von einem US-Gericht gegen Pedro Pablo Barrientos Núñez eröffnet wurde. Der chilenische Militärangehörige war einer der Oberstleutnants, die währ...
Colonia Dignidad: Offener Brief des FDCL an Außenminister Frank-Walter Steinmeier Berlin, 25.04.2016Sehr geehrter Herr Dr. Steinmeier,Am morgigen Abend laden Sie Opfer der Colonia Dignidad und Zeitzeugen in den Weltsaal des Auswärtigen Amts in Berlin ein und werden sich in einer Rede erstmals zur Rolle Ihres Hauses im Fall Colonia Dignidad äußern. Die Art und Weise der Ankündigung der Veranstaltung in der Presse 1 lässt hoffen, dass Sie deutliche und kritische Worte zum Umgang des Auswärtigen Amtes mit den jahrzehntelangen Verbrechen der Führungsgr...
Homophober Priester geoutet Von Markus Plate (San José, 1. April 2016, npl).- In Costa Rica ist der katholische Priester Mauricio Viquez als schwul geoutet worden. Der Fall ist pikant, weil Víquez mehrfach gegen Homosexualität gepredigt hatte. Seine folgende Äußerung war noch vergleichsweise neutral: „Es mag verschiedene Formen des Zusammenlebens geben. Aber in der katholischen Kirche bestehen wir darauf, dass es moralische Verpflichtungen gibt und bei manchen Praktiken müssen wir das Stoppschil...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *