Nicaragua

Ich glaube dir!


von Lindskat Legal und Sylvia Torres

Aktion gegen Gewalt gegen Frauen / Foto: Tomas R Vigo, flickr(Lima, 05. Dezember 2013, semlac).- Yo te creo! Mit diesen drei Worten als Leitspruch, entwickelt die Bewegung gegen sexuellen Missbrauch MCAS (Movimiento Contra el Abuso Sexual) seit 2010 eine Kampagne gegen eine Kultur, „die sexuellen Missbrauch stärkt und fördert“. Die MCAS organisiert Selbsthilfegruppen und veröffentlicht in den Medien Zeugenberichte von Überlebenden. Mithilfe dieser Aktivitäten soll das Trauma der Misshandlungen überwunden und die Betroffenen zur Anzeige bewegt werden.

 

Sexueller Missbrauch hat lebenslange Folgen

Im Rahmen der internationalen Tages zum Kampf gegen Gewalt, war Nicaragua am 21. November Gastgeberland des ersten Lateinamerikanischen Forums “Todas las voces y todas las voluntades contra el abuso sexual” („Mit allen Stimmen und vollem Einsatz gegen sexuellen Missbrauch“), an dem 400 Überlebende von sexuellem Missbrauch aus acht Ländern Lateinamerikas teilnahmen. Für die Teilnehmer*innen ist sexueller Missbrauch wie eine Epidemie, die lebenslange Spuren hinterlässt. Allerdings sind in den meisten Fällen weder die Familien noch die Gesellschaft bereit, dies zu anzuerkennen, während bei den Regierungen der politische Wille fehlt, die Täter zu bestrafen.

Organisiert wurde dieses erste Forum unter anderem von der Koordinationsstelle für mit Kindern arbeitenden Organisationen in Nicaragua CODENI (Coordinadora de Organizaciones que trabajan con la Niñez), von der MCAS und von der Nichtregierungsorganisation Ipas, die sich für sichere Abtreibung einsetzt, sowie von weiteren Organisationen.

Laut Adilia Amaya von CODENI sind drei von vier in Nicaragua sexuell missbrauchten Frauen minderjährig sind. Norma Cruz, von der Stiftung für Überlebende in Guatemala (Fundación Sobreviviente) erzählte, dass in dem mittelamerikanischen Land täglich zwei Leichen von Mädchen gefunden werden, die nach einer Vergewaltigung umgebracht worden sind.

Straflosigkeit und fehlende staatliche Kontrolle

Polizeiberichten zufolge wurden im Jahr 2012 in Nicaragua 2.954 Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalttaten gemeldet. 812 dieser Straftaten wurden an Kindern unter 14 Jahren verübt. Straflosigkeit herrscht allerdings in allen Ländern.

Laut Patricia Brañez, vom Zentrum für Information und Entwicklung der Frau in La Paz, Bolivien (Centro de Información y Desarrollo de la Mujer), werden in diesem Andenland täglich 16 bis 25 Vergewaltigungen gemeldet, die zum Großteil an Mädchen begangen werden. Allerdings komme es in nur wenigen Fällen zu einer Verhandlung vor dem jeweils zuständigen Gericht.

Martha Maria Blandón, Vertreterin der Ipas, äußerte gegenüber SEMlac, dass in Nicaragua pro Jahr durchschnittlich 1.500 Mädchen und Jugendliche schwanger werden, wobei hierzu allerdings keine offiziell bestätigten Zahlen existieren. Zum einen verfügt die Regierung über keine ausreichende Kontrolle, und zum anderen werden viele Vergewaltigungen nicht angezeigt.

Fast 80 Prozent der vom Institut für Rechtsmedizin untersuchten Sexualverbrechen werden an Jugendlichen unter 17 Jahren begangen. Nach Angaben des Instituts wurden dort jährlich allein 5.000 Gutachten wegen Sexualverbrechen erstellt. Bei 3.000 dieser Gutachten ging es um sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige, die sich in 2.481 Fällen gegen Mädchen und 519 Fällen gegen Jungen richtete.

Netzwerk gegen sexuellen Missbrauch

Eines der Ziele dieses Forums war die Gründung eines lateinamerikanischen Netzwerks gegen sexuellen Missbrauch, um sich explizit dieser Problematik zu widmen, die sich nach Ansicht der Organisator*innen zu einer Pandemie in der Region entwickelt: „Wir wollen dem sexuellen Missbrauch als Thema die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihm zusteht, und das nicht als ein familiäres Problem abtun, sondern vielmehr als ein Rechtsproblem, ein soziales Problem und als eine Pandemie betrachten, die es in Nicaragua, in Lateinamerika und in der ganzen Welt gibt“, so Georgina Molina von der Bewegung gegen sexuellen Missbrauch MCAS.

Obwohl spezielle Kommissariate existieren, an die Frauen sich wenden können – Spezialeinheiten der Nationalpolizei, die sich um Anzeigen gegen geschlechtsspezifische Gewalt kümmern – existiert in Nicaragua keine offizielle Einrichtung, die Klagen wegen Vergewaltigung, vor allem an Minderjährigen, strafrechtlich verfolgt. Eine solche Einrichtung würde es jedoch ermöglichen, genaue Daten dazu zu ermitteln, wie viele Fälle den Behörden gemeldet und welche Urteile gefällt wurden.

Auch wenn Nicaragua über einen entsprechenden rechtlichen Rahmen verfügt, erhalten Frauen andererseits keine Reaktion auf ihre Anzeigen. Die zuständigen Behörden agieren weder schnell noch entschieden genug, um Fälle zu untersuchen und Verantwortliche zu identifizieren, gerichtlich zu verfolgen und zu verurteilen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Berichte des Kommissariats und des Instituts für Gerichtsmedizin (IMS) häufig voneinander abweichen.

Internationale Kritik an der Rechtspolitik Nicaraguas

Organisationen wie Amnesty International haben bereits bei verschiedenen Gelegenheiten betont, dass die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Nicaragua ein „schwerwiegendes Problem“ sei und prangerten die Antwort der Regierung auf diese Sachlage als „dürftig“ und teils „entmutigend“ an. Einer der von Amnesty International scharf kritisierten Fälle war das Urteil des Obersten Gerichtshofs von Nicaragua, das die Haftstrafe des ehemaligen Staatsbeamten Farinton Reyes, der wegen Vergewaltigung seiner Arbeitskollegin Fátima Hernández angeklagt worden war, von acht auf vier Jahre herabsetzte.

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