Haiti

Haitianer*innen gejagt, getötet und vertrieben


von Adriana Santiago

Vertriebene Haitianer*innen. Foto: Adital/Josue Michel, GARR(Fortaleza, 27. März 2014, adital).- Was gerade in der Dominikanischen Republik geschieht, ist eine regelrechte Menschenjagd mit perverser Raffinesse. In der Woche vom 17. März löste eine Diskussion zwischen dem als Tikiki bekannten Haitianer und dem Dominikaner Cheling Betre, der Vizebürgermeister der Stadt Las Maltas in der Dominikanischen Republik war, eine Jagd aus, die Brände, Tote und sogar die Enthauptung eines Kindes zur Folge hatte.

Auslöser war eine hitzige Auseinandersetzung um die Bezahlung von Takiki, der für eine hier nebensächliche Dienstleistung 1.000 dominikanische Pesos (17 Euro) erhalten sollte, von denen Betre aber nur 450 Pesos (acht Euro) bezahlte. Sie gipfelte darin, dass der Politiker Betre eine Waffe zog und auf den Haitianer schoss, der gleichzeitig mit einem Messer zustach. Beide Verletzten wurden erstversorgt, der Vizebürgermeister starb jedoch am darauffolgenden Tag, den 19. März. Seitdem werden Haitianer*innen in dieser Region verfolgt. Berichten von Flüchtlingen zufolge wurde eine Mutter, die mit ihrem Säugling auf der Flucht war, gefasst und das Kind vor ihren Augen enthauptet.

Der Fremdenhass der Dominikaner*innen geriet außer Kontrolle, nachdem das dominikanische Verfassungsgericht im Oktober 2013 den rassistischen Beschluss TC 168/13 verabschiedete, der Haitianer*innen und ihre Nachkommen des Landes verwies. Immer häufiger kam es zu Gewalttaten gegen die etwa 210.000 Haitianer*innen und deren Nachfahren, die von der rückwirkenden Entscheidung betroffen sind. Der Beschluss hat zur Folge, dass tausenden in der Dominikanischen Republik geborenen Menschen ihre dominikanische Staatsbürgerschaft, auf die sie ein Recht haben, entzogen wird. Es handelt sich um eine absurde Jagd, die gegen alle internationalen Verträge verstößt und sich zu etwas wesentlich Schlimmerem ausweiten könnte.

Der Fall Las Maltas

Am Montag, den 24. März, finanzierte die Unterstützungsgruppe für Heimkehrer*innen und Geflüchtete GARR (Grupo de Apoyo a Repatriados y Refugiados) die Rückkehr von 63 Menschen in ihre haitianischen Geburtsstädte. Sie waren am 22. und 23. März aus Las Maltas in die haitianische Grenzstadt Thomassique geflüchtet. Unter ihnen waren 21 Kinder im Alter zwischen elf Monaten und 14 Jahren. Die ausgewiesenen Haitianer*innen, die ursprünglich aus den Städten Cabo Haitiano, Petite Rivière de l’Artibonite, Léogane, l’Estère, Hinche, Cerca Cavajal und ebenjenem Thomassique stammen, berichteten, dass sie keine Möglichkeit sehen, ihre in der Dominikanischen Republik zurückgelassenen Habseligkeiten wieder zu bekommen. Sie befürchten, zum Opfer der Gewalt der Dominikaner*innen zu werden, die vor den Augen der Behörden handelten, ohne dass diese die Welle der Gewalt verhindern würden.

„Ich werde nicht zulassen, dass die Dominikaner, die keinen Respekt vor dem Leben der Haitianer haben, mich umbringen. Ich bin mit leeren Händen geflohen, mit meiner Ehefrau und meinen sechs Kindern. Zum Glück sind wir hier, in unserem Land“, erklärte Cineus gegenüber GARR. Sein Haus wurde mit allem, was darin war abgebrannt. Auch die Haitianerin Edith ließ alles zurück und flüchtete mit einem Säugling durch die Gebirgsregionen, um das Leben ihres Sohnes zu retten.

Jean Robert Pierre, der Vizebürgermeister der Grenzstadt Thomassique, die hunderte ausgewiesene Haitianer*innen aufnimmt, beklagte das Versagen der Verwaltung der gemeinsamen Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik. Es gebe keinerlei Hilfe für die plötzlich vertriebenen und ausgewiesenen Haitianer*innen. „Wir bedauern es sehr, dass wir unsere haitianischen Schwestern und Brüder nicht angemessen aufnehmen und versorgen können, denn wir haben nicht die Mittel, um die nötige Unterstützung zu gewährleisten“, so Pierre. Er lobte Organisationen wie die GARR, die dabei helfen würden, die Betroffenen in ihre Städte zurückzubringen.

Immer wieder Verfolgungen

Es ist nicht die erste registrierte Verfolgung von Haitianer*innen. Ende November 2013 wurden nach einem Doppelmord in der Gegend um Neiba (Provinz Jimani) 1.283 Haitianer*innen von Dominikaner*innen verfolgt. Aus Angst vor Vergeltung flohen die Migrant*innen durch die Gebirgsgegenden in Richtung der Grenzstadt Cornillon/Grand Bois im Westen Haitis. Einige flohen über die Grenze von Jimani und Malpasse in ihr Ursprungsland Haiti.

Ebenfalls aus Angst vor Vergeltung überquerten viele haitianische Bürger*innen die Grenze bei Saltadère, Tilori und Savane Cloux. Sie befinden sich nun in der gleichen Situation wie die Flüchtlinge in Thomassique. In Savanna en Cloux nahm GARR schon 34 Personen auf, darunter 14 Kinder und ein 15 Monate altes Baby. Einige, die sich auf dem Weg verletzt hatten, wurden im Krankenhaus San José in Thomassique erstversorgt. Dort wurde auch der Fall des Haitianers Pierre Onel aus Petite Rivière de l’Arbonite bekannt, der laut seiner Ehefrau Editha Elie zusammen mit seinem eigenen Haus verbrannt wurde.

CC BY-SA 4.0 Haitianer*innen gejagt, getötet und vertrieben von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

Consultório de Rua – Straßensprechstunde
122
Mehr als eine Million Menschen rauchen in Brasilien regelmäßig Crack. Die Regierenden begegnen den Konsumierenden mit Repression und Zwangsentzug. Nur selten werden alternative Wege erprobt, so wie in Manguinhos, einem Stadtteil im Norden Rio de Janeiros. Dort kümmert sich sich die Initiative Consultório de Rua (auf Deutsch: Straßensprechstunde) seit mehr als sechs Jahren um die stigmatisierten Bewohner*innen der Crackolândias.
Ayahuasca: Traditionelles Heilmittel und alternativer Drogenentzug im Amazonas
337
Ayahuasca: diese Pflanze aus dem Amazonas wird seit Jahrtausenden als traditionelles Heilmittel in Lateinamerika eingesetzt. Auch Hippies und die New Age Bewegung entdeckten das visionsspendende Gewächs im vergangenen Jahrhundert für sich. Heute gibt es in Brasilien, Ecuador, Kolumbien und Peru einen regelrechten Ayahuasca-Boom, ganz nach dem Motto: in jedem steckt ein kleiner Schamane. Im peruanischen Tarapoto zeigt eine Gruppe von Ärzt*innen und Psycholog*innen dagegen, wie...
Mord an einem Ombudsmann
64
Von Luis Hernández Navarro (Mexiko-Stadt, 28. November 2017, la Jornada).- Die Beerdigung von Silvestre de la Toba war noch im Gange, als dessen sichtlich gekränkter Cousin jenen Journalist*innen, die den Gouverneur von Baja California Sur, Carlos Mendoza Davis interviewten, zurief: „Schafft ihn weg, schafft ihn weg. Dahin, wo kein Familienangehöriger ist, wo es keinen Schmerz gibt. Interviewt ihn auf der Straße, da, wo der Gouverneur sein muss.“ Der tote Silvestre war...
Cracolândia: Hilfe und Repression im Land des Cracks
183
Im Norden der Innenstadt von São Paulo liegt Cracolândia, das Land des Cracks. Das Viertel ist in ganz Brasilien ein Symbol für die Drogenepidemie im Land. Ein städtisches Hilfsprogramm zeigte in den letzten Jahren viel beachtete Erfolge. Doch damit ist nun Schluss: Der neue, rechtsgerichtete Bürgermeister setzt wieder ganz auf Vertreibung und Bestrafung. Und das wohl nicht ohne Hintergedanken. Investoren haben ihr Interesse an der Region angemeldet. Spezialeinheiten der Poli...
Verwicklung der Politik in den Drogenhandel will keiner untersuchen
9
Abschlussbericht soll am 2. September vorliegen Deshalb beschränkte sie sich neben den bereits durchgeführten Befragungen von Entscheidungsträger*innen darauf, ohne um eine Fristverlängerung zu bitten, am 2. September einen Abschlussbericht zu 20 Gesetzesprojekten mit Vorschlägen vorzulegen, mit denen der Einfluss des Drogenhandels auf die Parteien und politischen Organisationen des Landes verhindert und bekämpft werden soll. Neben der Vorsitzenden Rosa Mavila gehören der Kom...