Deutschland

Haftstrafen für Mitglieder der Colonia Dignidad


Verhaftet und seitdem verschwunden: Die drei Aktivist*innen und Mitglieder der MAPU, Juan Maino, Elizabeth Rekas, und Antonio Elizondo (v.l.n.r.) / mapuenlalucha.blogspot.com(24. Januar 2012, amerika21.de).- In Chile sind erstmals führende Mitglieder der berüchtigten Sektensiedlung Colonia Dignidad wegen der Verschleppung und mutmaßlichen Ermordung von Bürger*innen des südamerikanischen Landes zu Haftstrafen verurteilt worden. Ermittlungsrichter Jorge Zepeda vom Berufungsgericht Santiago hat am Montagmittag (Ortszeit) das erstinstanzliche Urteil im Verfahren um das “Verschwindenlassen” von Juan Maino, Elizabeth Rekas, und Antonio Elizondo verkündet.

Die beiden Mitglieder und die Aktivistin der linksgerichteten Gruppierung MAPU (Movimiento de Acción Popular Unitaria) waren im Mai 1976 in Santiago von Agenten der chilenischen Geheimpolizei DINA verhaftet worden und gelten seitdem als verschwunden.

Urteil verweist auf systematische Zusammenarbeit zwischen DINA und Colonia Dignidad

Nun verurteilte Richter Zepeda den ehemaligen Geheimdienstchef Manuel Contreras und den damaligen Leiter des geheimen Haft- und Folterzentrums der DINA, Carlos López Tapia, für dieses Verbrechen zu zehn Jahren Haft. Als Komplizen der Tat müssen zwei weitere DINA-Agenten sowie zwei führende Mitglieder der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad, Gerhard Mücke und Karl van den Berg, jeweils fünf Jahre ins Gefängnis.

In der umfangreichen Urteilsschrift, die amerika21.de vorliegt, belegt Zepeda die systematische Zusammenarbeit zwischen der DINA und der Colonia Dignidad bei der Entführung, Folter und Ermordung von Mitgliedern der demokratischen Widerstandsbewegung in Chile. Diese hatte sich nach dem blutigen Militärputsch am 11. September 1973 gegen die Diktatur von General Augusto Pinochet eingesetzt.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die Ermordung von Aktivist*innen stufte Richter Zepeda nun als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. Diese seien unter anderem von einer “illegalen Vereinigung” begangen worden, in der sich Mitglieder der DINA und der Colonia Dignidad zusammengetan hätten.

Zepeda fällte damit das erste Gerichtsurteil, das Mitglieder der Colonia Dignidad in Chile für die Ermordung von Verhafteten Gegner*innen der Diktatur verantwortlich macht, die in staatlichen Gewahrsam verschwunden sind. In dem südamerikanischen Land gibt es dafür den festen Begriff der “Verhaftet-Verschwundenen” (detenidos-desaparecidos).

Auf besonderes Interesse dürfte dieses Urteil auch bei der Staatsanwaltschaft Krefeld stoßen, die wegen desselben Falles gegen das im vergangenen Mai nach Deutschland geflüchtete Colonia-Dignidad-Mitglied Hartmut Hopp ermittelt. Hopp war auch im chilenischen Gerichtsverfahren Angeklagter. Das Verfahren wurde nach seiner Flucht aus Chile – wie in solchen Fällen in Chile üblich – vorläufig eingestellt. Der Urteilsspruch verweist jedoch darauf, dass Richter Zepeda die deutsche Justiz um Auslieferung des Flüchtigen ersucht hat.

CC BY-SA 4.0 Haftstrafen für Mitglieder der Colonia Dignidad von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

„Warum bloß immer noch Colonia Dignidad?“ Colonia Dignidad heißt übersetzt ins Deutsche „Kolonie der Würde“. Bis heute aber ist dieser Name ein Synonym für religiösen Fanatismus, moderne Sklaverei, sexuellen Missbrauch, Folter und Mord. Und auch für Straflosigkeit. Die Opfer der deutschen Sektensiedlung im Süden Chiles kämpfen noch immer für Gerechtigkeit. Ende April ist eine Delegation deutscher Staatsanwälte und Justizbeamter nach Chile und auch in die Colonia Dignidad gefahren. Sie haben Gespräche mit Vertretern ...
onda-info 432 Hallo und Willkommen zum onda-info 432! Wir starten mit einer kurzen Nachricht zu den Wahlen in Paraguay vom 23. April 2018. Dann geht es nach Kuba. Auch dort hat es "Wahlen" gegeben - die Nationalversammlung hat Miguel Díaz-Canel zum neuen Präsidenten Kubas ernannt. Damit ist zumindest formell kein Castro mehr an der Staatsspitze. Wir haben uns in Havanna mal umgehört, wie die Leute die Veränderungen der letzten Jahre bewerten und ob sie Erwartungen an die neue Staatsf...
Hasta siempre Sara Peretti Sara Peretti, gestorben 2018. Foto: ANRed (Buenos Aires, 17. April 2018, anred).- Sara Peretti, eine der Mütter der Plaza de Mayo im Verwaltungsbezirk Lomas de Zamora, ist von uns gegangen. Voller Stolz sprach sie von ihrem Sohn. Sie erklärte, die politisch aktiven Jugendlichen wüssten genau, was sie wollten, sie seien sich der Gefahr bewusst gewesen und hätten ihr Leben für ihre Überzeugung gegeben. Sara klapperte Polizeiwachen und Kasernen ab; zusammen mit anderen Mütte...
Yoreme-Dörfer: Indigene Paradiese oder totgeschwiegene Gewalttaten? Las Rastreadoras bei der Arbeit: "Ich suche dich, bis ich dich finde" steht auf den T-Shirts geschrieben. Foto: Javier Valdez Cárdenas (Mexiko-Stadt, 8. März 2018, La Jornada).- 2017 das erste Mal in die Heimat meiner Grosseltern im Yoreme-Territorium im Bundesstaat Sinaloa zurückzukehren, war eine erschütternde Erfahrung. Es war das gewalttätigste Jahr der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die familiären Yoreme-Wurzeln waren im Anekdotenschatz der Familie verschüttet – ausgelö...
Mexiko: Historische Lügen im Fall Ayotzinapa Foto: Telesur (Mexiko-Stadt, 20. März, npl).- Mexikos Regierung steht wegen des Falls der verschwundenen 43 Studenten erneut unter internationalem Druck. Ein jüngst veröffentlichter Bericht der UN-Menschenrechtskommission kommt zu dem Schluss, dass mindestens 34 der in der Tatnacht festgenommenen Verdächtigen gefoltert wurden. Die UNO stellt damit die von den mexikanischen Strafverfolgern vertretene Version vom Verlauf der Tatnacht grundsätzlich in Frage. Die Regierung ze...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.