Dominikanische Republik Lateinamerika Mexiko

Gewalt gegen Frauen weiterhin Normalität


Alle 18 Sekunden wird in Mexiko eine Frau geschlagen

Alarmierende Zahlen offizieller Stellen in Mexiko, Kolumbien, Peru, Guatemala, Bolivien, Argentinien, Venezuela, der Dominikanischen Republik, Uruguay und Chile lassen erkennen, dass zwischen 50 und 70 Prozent der Frauen in diesen Ländern geschlagen werden oder wurden und mehr als ein Mal in ihrem Leben durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Freund oder Ex-Freund bedroht wurden.

In Mexiko werden in jeder Minute mindestens drei Gewalttaten gegen Frauen verübt. Alle 18 Sekunden wird eine Frau geschlagen. Das Nationale Institut für Gesundheit in Mexiko gab bekannt, dass in nur einem Jahr mehr als 7.000 Frauen aufgrund von physischer Gewalt wie Stößen, Schlägen und Schüssen aus Feuerwaffen im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Immer noch haben die Frauen Angst davor, sich Hilfe zu suchen. Laut verschiedener Quellen betrachten 84 Prozent der Mexikanerinnen Gewalt als etwas Normales und als eine private Angelegenheit, die nur das Paar selbst etwas angeht.

Stündlich werden zehn Frauen in Peru Opfer familärer Gewalt

In Venezuela ist die Situation ähnlich dramatisch. Jede zehn Minuten erhalten die Behörden eine Anzeige von einer Frau, die von ihrem Ehemann geschlagen wurde. Die Zahlen des Nationalen Instituts für die Rechte von Frauen in Venezuela verdeutlichen, dass die meisten körperlich und psychisch misshandelten Frauen zwischen 20 und 44 Jahren alt sind, ausgerechnet das Alter, in dem sie Kinder bekommen bzw. bekommen können.

Auch in Peru steht Gewalt innerhalb der Familie auf der Tagesordnung. Die ärztliche Behandlung und Nachbehandlung von weiblichen Opfern familieninterner Gewalt nimmt 52 Prozent der Mittel des Instituts für Rechtsmedizin in Anspruch. Jede Stunde werden zehn Frauen zu Opfern der innerhalb der Familie. Das heißt, dass am Ende eines jeden Tages 240 Peruanerinnen körperlich und psychisch angegriffen worden sind. Der peruanische Innenminister erklärte zudem, dass alle vier Stunden drei Frauen Opfer sexueller Gewalt würden.

Guatemaltekinnen zeigen innerfamiliäre Gewalt nicht an

Auch in Argentinien ist die Situation desaströs. Laut einer Studie der Interamerikanischen Entwicklungsbank werden 25 Prozent der argentinischen Frauen Opfer von Gewalt. 50 Prozent erfahren zumindest ein Mal in ihrem Leben irgendeine Art von Aggression. Das Kommissariat für Frauen in diesem Land erhielt im Jahr 2007 innerhalb von sechs Monaten mehr als 1.170 Anzeigen wegen sexueller Gewalt, das sind insgesamt acht Fälle jeden Tag. In Buenos Aires verzeichnete das Gesundheitsministerium in einem Jahr durchschnittlich 7.146 Frauen, die sich bei einer Notfallhotline Hilfe suchen. 54 Prozent der Opfer sind verheiratet.

In Guatemala ist es die tief verwurzelte partriarchale Kultur, die das Anzeigen von Gewaltverbrechen verhindert. So bringt nicht einmal 1 Prozent der zu Hause geschlagenen Guatemaltekinnen die Tat zur Anzeige. Mindestens 5 Millionen von den 7 Millionen Guatemaltekinnen sind laut Schätzungen von Menschenrechtsgruppen Opfer häuslicher Gewalt.

Frauen sollen Gewalttäter selbst der Polizei vorführen

Doch angesichts dieser düsteren Zahlen herrscht noch immer weit verbreitetes Schweigen. In der Dominikanischen Republik zum Beispiel muss die Frau selbst, nachdem sie misshandelt und mit dem Tod bedroht wurde, den betreffenden Mann anzeigen und ihn anschließend eigenhändig der Polizei vorführen, damit er verhaftet wird. Meist siegt dann die Angst davor, kein Recht, sondern nur weitere Repressalien zu erfahren und die Frauen schweigen. In der Dominikanischen Republik erhielten die 14 Staatsanwaltschaften in den verschiedenen Bezirken der Hauptstadt Santo Domingo in den ersten sieben Monaten dieses Jahres rund 5.600 Anzeigen von Gewalt gegen Frauen.

Auch in Bolivien ist die Situation schwierig. Laut dem Ombudsmann erleben sieben von zehn Frauen Gewalt in der Familie. Dazu zählen Formen der sexuellen, psychologischen oder wirtschaftlichen Gewalt.

Täter von Vergewaltigungen in Kolumbien meist bekannte Personen

In der kolumbianischen Stadt Medellín wiederum zählte das Zentrum für die Behandlung von Opfern sexueller Gewalt CAVAS (Centro de Atención Integral a Víctimas de Violencia Sexual) während des ersten Halbjahres 2007 201 Fälle von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch gegen Frauen und 388 solcher Fälle gegen Mädchen. 2.219 Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt.

Laut einer Umfrage zu Demografie und Gesundheit im Jahr 2005 gaben 6 Prozent der Kolumbianerinnen an, zu Sex gezwungen worden zu seien und 47 Prozent berichteten, bereits vor ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt worden zu sein. Diese Umfrage enthält jedoch nicht die Zahl der Vergewaltigungen durch den eigenen Ehemann oder Freund.

Die Hälfte der Kolumbianerinnen, die solche Gewalttaten erleiden mussten, sind gerade einmal im Teenager-Alter. Von 100 Opfern wurden 76 Frauen von bekannten Personen wie Freunden (22 Prozent), Familienangehörigen (18 Prozent), Ex-Männern (15 Prozent), dem eigenen Freund (8 Prozent) und Mitarbeitern (3 Prozent) angegriffen. Der eigene Vater wurde in der Umfrage in 3 Prozent der Fälle als Täter benannt, der Stiefvater in 5 Prozent der Fälle.

Häusliche Gewalt in Uruguay so häufig wie Raubüberfälle

In Uruguay ist die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt genauso hoch wie die von Raubüberfällen. Während in dem Land noch vor zwei Jahren durchschnittlich 3.293 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt verzeichnet wurden, ist diese Zahl heute auf 5.829 Fälle in einem halben Jahr angestiegen.

Neben Schlägen und psychologischer Gewalt werden lateinamerikanische Frauen zudem Opfer der extremsten Form von Gewalt: sie werden ermordet. Sowohl zu Hause als auch auf der Straße sehen Frauen in Lateinamerika ihr Recht auf Leben gefährdet. Sie werden oft zuerst vergewaltigt und anschließend gefoltert und zerstückelt, wie es vor allem in Guatemala der Fall ist.

In sieben Jahren ist die Zahl der Frauenmorde in dem mittelamerikanischen Land auf 3.500 angestiegen. Hunderte von ihnen haben vorher bereits Gewalttaten zur Anzeige gebracht. In Guatemala werden pro Jahr 37.000 Anzeigen wegen Gewalttaten innerhalb der Familie registriert, doch durch die fehlenden vorbeugenden Maßnahmen, selbst bei langjährigen Misshandlungen, sterben viele von ihnen durch die Hand ihrer eigenen Ehemänner.

Mord nach jahrelangen Misshandlungen

Im Jahr 2008 z.B. wurden bisher schon 580 Frauenmorde verzeichnet, 161 dieser Frauen wurden von den eigenen Ehemännern umgebracht. Eine erschreckend hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass die EinwohnerInnenzahl in diesem Land nicht mehr als 14 Millionen beträgt.

Mexiko ist keine Ausnahme. 20 von 100 Morden ereignen sich zu Hause, 10 davon durch Ehemänner, die ihre Frauen töteten, nachdem sie ihnen bereits jahrelang Gewalt angetan hatten. Das Komitee für die Verteidigung der Frauenrechte in Lateinamerika und der Karibik (Comité de América Latina y El Caribe para la Defensa de los Derechos de la Mujer) stellte fest, dass während der sechsjährigen Regierungszeit von Präsident Fox mehr als 6.000 Frauen ermordet wurden.

CAVAS aus Kolumbien wiederum informierte, dass allein im August 2007 in Medellín 35 Feminizide registriert wurden. In neun Fällen hatten die Frauen zuvor Anzeige wegen innerfamiliärer Gewalt gestellt.

In Venezuela zählt man in 2008 schon 183 ermordete Frauen, wie das Nationale Institut für die Frau bekannt gab. Dass ist eine Ermordete an jedem zweiten Tag.

Alle zwei Tage wird in der Dominikanischen Republik eine Frau ermordet

In Kuba wiederum geschehen 52 Prozent solcher Ermordungen im häuslichen Umfeld des Opfers. Von 468 in Havanna registrierten Mordfällen betrafen 136 weibliche Opfer. Die kubanische Soziologin Clotilde Proveyer hat aufgezeigt, dass in 50 Prozent der Fälle, in denen Frauen durch Männer umgebracht werden, es ihre Ehemänner sind, die sie töten.

Auch in Argentinien gibt es Feminizide. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2008 zählte man dort 132 Fälle, das ist eine Tote alle 38 Stunden. Von den Ermordeten waren 22 Mädchen oder Heranwachsende und viele von ihnen wurden vor ihrer Ermordung vergewaltigt. Auch hier sind es v.a. die Ehemänner oder Ex-Ehemänner, die Freunde oder Ex-Freunde sowie Bekannte, die Frauen ermorden.

In der Dominkanischen Republik, mit ihren 8,5 Millionen EinwohnerInnen, wird alle zwei Tage eine Frau ermordet. In 2008 sind es schon 160 Frauen, die durch die Hand ihres Partners starben. Auch hier wirkt also die Form der extremsten Gewalt gegen Frauen fort, wie in ganz Lateinamerika.

CC BY-SA 4.0 Gewalt gegen Frauen weiterhin Normalität von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

#NiUnaMenos: Der argentinische Staat bleibt untätig
93
(Buenos Aires, 28. Januar 2019, anred).- Im Jahr 2018 wurden in Argentinien mindestens 259 Morde an Frauen aufgrund deren Geschlecht registriert, so die Beobachtungsstelle gegen Femizide Mulalá (Observatorio de Femicidios de Mujeres de la Matria Latinoamericana). Bedauerlicherweise scheint sich auch im neuen Jahr nichts zu ändern: Nach etwas mehr als 20 Tagen des Jahres 2019 ist die Zahl der Femizide auf bereits 15 gestiegen. Der machistischen Gewalt wird kein Einhalt geboten...
Ley Antiterrorista en Chile – Radio Matraca. Entrevista con la abogada mapuche Natividad LLanquileo
91
Ley Antiterrorista en Chile - Radio Matraca. Entrevista con la abogada mapuche Natividad LLanquileo Invitada a varias charlas en Europa, la abogada y activista Natividad LLanquileo trajo la denuncia de la criminalización, persecución y - especialmente en los últimos meses - del asesinato de referentes políticos mapuches en Chile. En este marco, habla sobre la Ley Antiterrorista y su uso como herramienta legal de represión. Tratando de comprender cómo crear nuevas al...
onda-info 452
73
Hallo und Willkommen zum onda-info 452! Unser knallvolles Infomagazin startet jetzt mit einer Nachricht aus Brasilien von der erneuten, verheerenden Schlammlawine in Minas Gerais. Schon im November 2015 begrub eine gewaltige Schlammlawine in Brasilien mehrere Dörfer unter sich. Damals brach das Klärbecken einer Eisenmine, ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais. Einen ausführlichen Beitrag dazu findet ihr in unserem Archiv Fokus Menschenrechte 2016. Das onda-info geht wei...
Waffen in der Öffentlichkeit könnten zunehmen
63
(Brasilia, 18. Januar 2019, Brasil de Fato).- Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro unterzeichnete am 15. Januar ein Dekret, welches die Vorschriften für den Waffenbesitz ändert. Konkret beziehen sich die Änderungen auf die Erlaubnis, Waffen zu besitzen und ihre Beschaffung. Kriterien wie das Mindestalter von 25 Jahren, ein sauberes Vorstrafenregister, psychologische Untersuchungen und ein obligatorisches Training für den Umgang mit Waffen bleiben unangetastet. Veränder...
Venezolaner*innen beklagen rassistische Angriffe in Ecuador
136
(Montevideo, 22. Januar 2019, la diaria).- Organisationen venezolanischer Bürger*innen in Ecuador haben am 21. Januar 2019 Dutzende Übergriffe gegen ihre Landsleute beklagt. „In verschiedenen Städten des Landes bewarf man sie mit Steinen und schlug auf sie ein. Insgesamt wurden 82 Menschen [...] unter fremdenfeindlichen Umständen verletzt und angegriffen“, sagte der Präsident der Stiftung 'Venezolaner*innen im Ausland“, Eduardo Febres. Die Gewalt flammte nach dem Mord an e...