Lateinamerika

Gewalt gegen Frauen bleibt straffrei


(Guatemala-Stadt, 11. April 2012, cerigua).- 90 Prozent aller Vorfälle von Gewalt gegen Frauen bleiben in Lateinamerika straffrei. Dies geht aus einer Statistik der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und der Karibik CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el Caribe) hervor. Hauptgrund für diese hohe Zahl sei die Angst der Frauen vor einem erneuten Übergriff durch den oder die Täter. Wirtschaftliche Abhängigkeit, Misstrauen gegenüber den Strafverfolgungsbehörden sowie die unzureichenden Möglichkeiten, sich in öffentlichen Einrichtungen in einer Indígena-Sprache zu verständigen seien weitere Gründe für den hohen Prozentsatz der Straflosigkeit.

In vielen Teilen der Gesellschaft wird es immer noch als normal angesehen, dass Frauen von Männern geschlagen oder schikaniert werden, wenn sie nicht in die traditionelle Geschlechterrolle erfüllen wollen. Dass viele der gesellschaftlichen Tabus auch von den Beschäftigten in den Behörden mitgetragen werden, sei die Motivation der Frauen, sich an diese Einrichtungen zu wenden und einen Übergriff zur Anzeige zu bringen, um so geringer, so CEPAL.

Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich verankert

Wie aus dem von der UNO-Frauenkommission veröffentlichten Bericht 2011-2012 hervorgeht, haben 97 Prozent der lateinamerikanischen Länder Gesetze zur strafrechtlichen Verfolgung von geschlechtlich motivierter Gewalt erlassen, jedoch existiert in weniger als der Hälfte aller Länder ein justizielles Instrument zur Verfolgung sexueller Gewalt in der Ehe. Der Ausbau der rechtlichen Grundlagen zum Schutz von Frauen vor Gewalt innerhalb der einzelnen Staaten sei definitiv ein positives Signal, dennoch sei das Problem der Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich sehr tief verankert, heißt es in dem Bericht.

Ein Drittel aller Frauen weltweit ist mindestens einer der verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt: sei es physische oder psychische Gewalt oder wirtschaftliche Abhängigkeit. 16 Prozent aller Frauen sei mindestens einmal in ihrem Leben Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden, heißt es in dem Bericht weiter.

Gewalt geht durch alle Schichten und Altersstufen

Machistische Gewalt geht außerdem ins Geld. Nach einer Berechnung der Interamerikanischen Entwicklungsbank BID geben lateinamerikanische Länder etwa 15 Millionen Dollar, das entspricht zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, für die psychosoziale Betreuung und Behandlung der Opfer und ihrer Familien und die strafrechtliche Untersuchung der Vorfälle aus; Arbeitsausfälle und Verlust der Beschäftigung sind weitere Faktoren, die in die Berechung einfließen.

CEPAL und die UNO-Frauenkommission kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass das Phänomen der geschlechtlich motivierten Gewalt sich durch alle Länder, alle Bevölkerungsschichten und durch alle Altersstufen zieht. Rein statistisch ist die Zahl der gewalttätigen Übergriffe gegen Frauen in Mexiko und Guatemala jedoch am höchsten. Zwischen 2010 und 2011 wurden in Mexiko landesweit etwa 1.700 Frauenmorde angezeigt; Guatemala registrierte innerhalb der letzten zehn Jahre rund 6.000 tödliche Angriffe auf Frauen.

CC BY-SA 4.0 Gewalt gegen Frauen bleibt straffrei von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

„Warum bloß immer noch Colonia Dignidad?“ Colonia Dignidad heißt übersetzt ins Deutsche „Kolonie der Würde“. Bis heute aber ist dieser Name ein Synonym für religiösen Fanatismus, moderne Sklaverei, sexuellen Missbrauch, Folter und Mord. Und auch für Straflosigkeit. Die Opfer der deutschen Sektensiedlung im Süden Chiles kämpfen noch immer für Gerechtigkeit. Ende April ist eine Delegation deutscher Staatsanwälte und Justizbeamter nach Chile und auch in die Colonia Dignidad gefahren. Sie haben Gespräche mit Vertretern ...
Korruption und Straflosigkeit sorgen für schmutzigen Bergbau Foto: Desinformémonos (Mexiko-Stadt, 5. Mai 2018, desinformémonos).- Die Verschmutzung der Luft, des Wassers und des Bodens durch den Bergbau ist in Mexiko wesentlich höher als in den USA oder in Kanada, erklärte María Colín von Greenpeace Mexiko bei der Präsentation des Berichts „Ausstoß und Übertragung von Umweltgiften in Nordamerika“. Grund dafür sei ein Klima der „Korruption und Straflosigkeit“, in dem die Bergbaufirmen agieren. Dieses Klima der Straflosigkeit „ist au...
Bericht vom Zapatistinnentreffen in Chiapas Foto: Desinformémonos/Tragameluz Politik, Sport und Kultur standen im Mittelpunkt des dreitägigen “Ersten Internationalen Politischen, Sportlichen und Kulturellen Treffens für Frauen, die kämpfen”, das vom 8. bis zum 10. März 2018 im Süden Mexikos stattfand. Die Zapatistas hatten Frauen aus aller Welt zu dem Treffen in dem selbstverwalteten Bezirk Morelia in den Bergen von Chiapas eingeladen. Ihre Motivation: sie wollten der ersten indigenen Präsidentschaftskandidatin Mex...
„Gensoja zerstört unsere Lebensgrundlagen“ Leydy Pech bei ihrer Anhörung vor dem UNO-Menschenrechtsausschuss. Foto: Gerold Schmidt (Mexiko-Stadt, 5. April 2018, npl).- Im September 2017 sagte die mexikanische Regierung ihr Erscheinen vor dem UNO-Menschenrechtsausschuss für Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte (WSK-Rechte) in Genf kurzfristig mit Hinweis auf das schwere Erdbeben vom 19. September ab.  Gleichzeitig dürfte dies ein willkommener Vorwand gewesen sein, sich nicht den zahlreichen Parallelberich...
Das Weltsozialforum 2018: Internationaler Treffpunkt mit Daseinsberechtigung Der Frauenblock auf der Auftaktdemonstration zum Weltsozialforum 2018, Foto: Sergio Ferrari (Salvador de Bahía, 19. März 2018, alai).- Die riesige Bundesuniversität in Ondina mitten im Zentrum von Salvador de Bahía im Nordosten Brasiliens sowie zehn andere Begegnungsorte in der ganzen Stadt kehren zur Normalität zurück: Nach dem Ansturm von 80.000 Menschen, die vom 13. bis zum 17. März an der letzten Ausgabe des Weltsozialforums (WSF) teilgenommen hatten, ist es jetzt, na...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.