Uruguay

Gesetzentwurf zur Abtreibung ruft Gegner*innen auf den Plan


von Amanda Muñoz

Protestaktion im Sommer 2012 / Nicolás Celaya, la diaria (Montevideo, 06. Oktober 2012, la diaria).- Ein grauer, trüber Tag mit kleinen Hagelschauern. Doch gegen 17 Uhr zeigt sich zum Glück die Sonne. Das dachten sicher auch die Frauen, die eine Aktion vor dem Justizpalast vorbereitet hatten, um das Recht auf freie Entscheidung über Schwangerschaftsabbrüche einzufordern.

 

Zwölf von ihnen waren in sehr leichter Bekleidung erschienen, zwölf weitere Frauen waren gänzlich nackt und hatten ihre Körper bunt bemalt. Währenddessen diskutierten im Inneren des Gebäudes die Abgeordneten bereits seit 10:20 Uhr das Gesetz über den Freiwilligen Schwangerschaftsabbruch.

Die Initiatorinnen der Aktion waren Angehörige der Organisation Frau und Gesundheit in Uruguay Mysu (Mujer y Salud en Uruguay). Der Protest der 24 Frauen stand unter dem Motto: „Sie stellen die Bedingungen und wir unseren Körper“. Bei der Aktion dominierte die Farbe orange, die soziale Verbände im Zuge des langen Kampfes um die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs gewählt hatten. Transparente mit der Aufschrift „Straffreie Abtreibung“ lagen teils auf dem Boden, teils trugen die bekleideten Frauen sie um die Hüften gewickelt. Die Körper der nackten Frauen waren überwiegend in orange und mit verschiedenen Motiven bemalt.

Die Aktion ging schnell und fast geräuschlos vonstatten, in den Reihen der Zuschauer*innen dominierten Fernsehkameras und Fotograf*innen. „Sie verhandeln über unsere Körper, es ist unser Leben und unsere Zukunft, über die hier entschieden wird. Sie müssen uns die Entscheidung überlassen, denn schließlich ist es unser Körper und unsere Zukunft“, ließ die einzige Sprecherin vernehmen. Unmittelbar danach stiegen die Frauen zurück in den Bus, mit dem sie vorgefahren waren.

Kampf für sexuelle Selbstbestimmung

Mit der Aktion protestierte die Frauenorganisation Mysu gegen den Gesetzesentwurf zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Auch andere soziale Verbände, die zum selben Thema arbeiten, hatten das Gesetzesvorhaben kritisiert. „Wir sind da mit einigen Dingen nicht einverstanden. Wir glauben, dass viele Aspekte einfach nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Wir hätten uns ein viel umfassenderes Gesetz gewünscht, eins, das viel klarer für sexuelle Selbstbestimmung und die Reproduktionsrechte aller Frauen in Uruguay eintritt“, erzählt Martha Aguñín von Myso.

Das neue Gesetz schreibt vor, dass Frauen, die eine bestehende Schwangerschaft innerhalb der ersten zwölf Wochen unterbrechen wollen, „sich einer medizinischen Beratung in einer staatlichen Gesundheitseinrichtung unterziehen müssen, um den Arzt über die Umstände, die zur Empfängnis geführt haben, zu informieren und ihn über die entsprechend prekären wirtschaftlichen, sozialen, familiären oder altersbedingten Umstände aufzuklären, die es der Schwangeren nach eigener Einschätzung nicht möglich machen, das Kind auszutragen.“ Am nächsten Tag muss sie sich mit einer interdisziplinären Kommission zusammensetzen, die sie über die Risiken eines Schwangerschaftsabbruchs sowie über mögliche Alternativen aufklärt. Anschließend muss sie sich mindestens fünf Tage Bedenkzeit nehmen. „Sollte die Frau anschließend dem behandelnden Gynäkologen miteilen, dass weiterhin der Wunsch besteht, die Schwangerschaft zu unterbrechen, wird sie unverzüglich an die entsprechenden Stellen weitergeleitet.“

Mit diesem Procedere ist die Frauenorganisation Mysu nicht einverstanden. „Wir finden, dass eine Frau überhaupt nirgendwohin gehen muss, um ihre Entscheidung vorzutragen, denn es ist eine sehr bewusste Entscheidung, die eine Frau über ihren eigenen Körper trifft“, erklärt Aguñín. Außerdem sei es sehr unwahrscheinlich, dass in allen einschlägigen Einrichtungen überall im Land interdisziplinäre Kommissionen vorhanden seien, meint Mysu.

Anhänger*innen und Gegner*innen im Plenarsaal

Gegen Nachmittag saßen etwa 52 Abgeordnete auf ihren Bänken. Es war also nicht besonders voll. In den ersten Reihen saßen überwiegend gelb gekleidete Gegner*innen des Entwurfs, in der zweiten, etwas leereren Reihe einige weitere in orange. Kurz nach 18:00 Uhr betrat eine Gruppe in beigefarbenen Kutten den Saal. Die Angehörigen des Mystikerordens Último Orden Templario sind als gläubige Christen per se gegen die Ratifizierung des Gesetzesentwurfs. Einer der Mitglieder, Ruben da Rosa, erklärte: „Wir sind eigentlich nur gekommen, um zu sehen, mit welchem Ernst dieses Thema eigentlich im Parlament verhandelt wird. Wir fanden, dass die Abgeordneten nicht gerade sehr konzentriert wirken, jeder machte eigentlich eher seins, viele saßen da mit ihren Laptops oder mit ihren Telefonen und waren dabei, ihren Twitter-Acount zu durchforsten, hier und da wurde geplaudert, Tee getrunken… Meines Erachtens wird hier sehr lax und oberflächlich vorgegangen, und man kann nicht behaupten, dass das Thema in Uruguay eine ernsthafte Würdigung findet.“

Anschließend betritt eine SchülerInnengruppe aus Nueva Palmira den Plenarsaal. Zwei Schüler aus dem 5. Jahrgang des wissenschaftlichen Bereichs berichten, dass sie sich inhaltlich auf den Besuch im Plenarsaal vorbereitet hatten. Luciano Roquero versteht sich als eindeutiger Gegner des Gesetzesvorhabens: „Die Abtreibung ist einfach immer der bequemste Weg.“ Dazu Juan Manuel Barale: „Als allerletzte Möglichkeit kommt Abtreibung vielleicht in Frage, aber nicht als erste Option.“

 

Dieser Artikel ist Teil unseres Themenschwerpunkts:

banner teilhabe-2012

CC BY-SA 4.0 Gesetzentwurf zur Abtreibung ruft Gegner*innen auf den Plan von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

Freiheit nach fast drei Jahren Gefängnis wegen Fehlgeburt
39
(Mexiko-Stadt, 15. Februar 2019, cimacnoticias).- Nach 33 Monaten in Haft wurde am Freitag, 15. Februar, Evelyn Hernández aus El Salvador freigelassen. Ein Gericht in der Stadt Cojutepeque hatte geurteilt, dass sie ihren zweiten Prozess in vorläufiger Freiheit abschließen soll. Die junge Frau wurde im Juli 2017 von einer Richterin desselben Gerichts zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Nery Velásquez Joya befand sie des schweren Mordes für schuldig, nachdem Evelyn im Alter v...
Mexikanische Regierung entschuldigt sich bei Lydia Cacho
157
(Oaxaca-Stadt, 16. Januar 2019, npl).- Am 10. Januar dieses Jahres erkannte der mexikanische Staat offiziell seine Verantwortung für die Entführung und Misshandlung der Journalistin Lydia Cacho an. In einer Zeremonie im Innenministerium in Mexiko-Stadt bat die mexikanische Regierung die international bekannte Journalistin um Entschuldigung. Die Entschuldigung erfolgte knapp sechs Monate nachdem Ende Juli 2018 die UN-Menschenrechtskommission Mexiko aufgefordert hatte, eine unp...
Parlament berät über Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs
88
(Mexiko-Stadt, 3. Januar 2019, cimacnoticias).- Das Parlament von Ecuador hat Anfang Januar über Pläne zu einer Lockerung des Abtreibungsverbots diskutiert. Diese sind Teil einer Initiative zur Reform des Strafrechts, zu der auch andere Themen wie die Bekämpfung von Korruption oder die Verwendung von Cannabis zu therapeutischen Zwecken gehören. In Ecuador erlaubt das aktuelle Recht die Abtreibung aus zwei Gründen: Wenn das Leben der Frau in Gefahr ist, oder wegen Vergewalt...
onda-info 450
94
Hallo und Willkommen beim onda-info 450, wir begrüßen euch alle im neuen Jahr und freuen uns, euch ein backfrisches onda-info präsentieren zu dürfen. Ihr hört zunächst einen Beitrag aus dem südmexikanischen Oaxaca. Dort wurden über 300 Bergbau-Konzessionen vergeben. Doch in vielen der betroffenen indigenen Gemeinden formiert sich Widerstand gegen den Abbau von Gold, Silber und anderen Erzen. Eine wichtige Rolle in dem Kampf gegen die Minen spielt das Radio. Ihr hört ein pa...
UN-Feier zu 70 Jahren Menschenrechte: Jugendliche aus Lateinamerika waren nicht dabei
33
(Genf, 17. Dezember 2018, Colombia Informa).- Am 13. Dezember fand im Saal der Menschenrechte der Vereinten Nationen in Genf eine Veranstaltung zum siebzigjährigen Bestehen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEM) statt. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte hatte ein Jahr zuvor eine Kampagne zur Förderung der AEM ins Leben gerufen, die am 10. Dezember, am Tag der Menschenrechte, endete. Das Ziel der Kampagne war es, „eine große Anz...