Mexiko

Geheime Gräber in Veracruz und kein Ende


Von Gerd Goertz

Foto: Mal de Ojo, CC BY-NC-SA 2.0

Foto: Mal de Ojo, CC BY-NC-SA 2.0

(Mexiko-Stadt-Berlin, 22. August 2016, npl).- Im Zusammenhang mit der Suche nach den 43 gewaltsam entführten Lehramtsstudenten von Ayotzinapa vor knapp zwei Jahren wurde im Bundesstaat Guerrero von Bürgerinitiativen ein geheimes Grab nach dem anderen offen gelegt. Eine ähnliche Situation bietet sich in den vergangenen Monaten im Bundesstaat Veracruz. Im April und Juli hatte die Nationale Suchbrigade Verschwundener Personen bereits mehr als 15 geheime Gräber mutmaßlicher Opfer des organisierten Verbrechens in zwei verschiedenen Regionen von Veracruz entdeckt. Nicht einmal einen Monat später hat eine ähnliche Initiative – das Kollektiv Kleine Veracruzanische Sonne – innerhalb von 14 Tagen bereits 52 solcher Gräber auf einem Areal gefunden, das sich im nördlichen Teil der Hafenstadt Veracruz befindet.

Überforderte Behörden und mangelnde Sicherheit für die Suchenden

Erste Schätzungen gehen davon aus, dass die Gruben die Überreste von mehr als 50 Personen enthalten. Die Initiative äußerte sich überzeugt, auf weitere Körper zu stoßen. Die jüngst gefundenen 14 geheimen Gräber wurden am Samstag aufgedeckt.

Das Kollektiv hat nach jedem Fund die Staatsanwaltschaft informiert und bemüht sich, weder Indizien noch die Körper zu bewegen oder zu berühren. Aufgrund des Umfangs der Funde sind die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der bundesstaatsanwaltschaftlichen Polizeibehörde jedoch überfordert und kommen mit der genauen Registrierung der menschlichen Überreste nicht nach. Nun soll das mexikanische Innenministerium mehr Personal schicken. Ein weiteres Problem sind die Sicherheitsbedingungen für die Suchbrigade. Während ihrer Suche machten die Mitglieder die Präsenz von sogenannten „Halcones“ (Falken) aus.

Diese Personen sind oft motorisiert unterwegs und dienen dem organisierten Verbrechen als Informant*innen. Das Kollektiv, in deren Familien es vielfach Verschwundene gibt, betont wie ähnliche Initiativen, dass ihr Ziel nicht im Auffinden der Schuldigen der Verbrechen besteht, sondern in der Wahrheitssuche für die Familienangehörigen. „Diese sollen wissen, wo sie um ihre Toten weinen und für sie beten können, einen Zyklus schließen”, drückte es eine Mutter des Kollektivs gegenüber der Zeitung La Jornada aus.

Neue Funde im Bundesstaat Mexiko – Guerrero und Veracruz sind überall

Eine Konstante in Veracruz bleibt die Passivität der örtlichen Behörden. Sie wollen von Verbrechen in der Umgebung der jeweiligen Fundorte meistens nichts gewusst haben. Für Empörung sorgte die Staatsanwaltschaft von Veracruz vor Monaten, als sie ohne Anhörung der Expert*innen vor Ort, Knochenüberreste in einer Pressemitteilung zu „Holzstücken” erklärte. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass Hinweise aus der Bevölkerung auf die geheimen Gräber in der Regel an Bürgerinitiativen und begrenzt auch an die Bundesstaatsanwaltschaft, aber nicht an die offiziellen lokalen Stellen gehen. Vielfach wird davon ausgegangen, dass diese zumindest teilweise mit dem organisierten Verbrechen kooperieren.

Es ist gut möglich, dass nach Guerrero und Veracruz beim Thema geheime Gräber bald ein anderer Bundesstaat im Vordergrund steht. Erst am vergangenen Mittwoch (17. August) wurde in der Ortschaft Huehuetoca im Bundesstaat Mexiko der Fund von zwölf unter Müll verschütteten Plastiksäcken mit Knochenüberresten bekannt. Das entsprechende Grundstück befindet sich 300 Meter vom Bürgermeisteramt entfernt. Die Säcke wurden offenbar bereits Mitte Juli entdeckt, der Vorfall aber von den lokalen Ermittlungsbehörden verschwiegen. Drei Stunden bevor Nicht-Regierungsorganisationen mit den ihnen zugegangenen Informationen an die Öffentlichkeit gehen wollten, gab die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates eine Mitteilung zu dem Fall heraus. Unterdessen wurde bekannt, dass die Bundesgeneralstaatsanwaltschaft nach einem anonymen Hinweis Personal ins Tal von Juárez im Bundesstaat Chihuahua schickte. Sie sollen nach verschwundenen Frauen suchen, die dort möglicherweise geheim verscharrt wurden. Guerrero und Veracruz sind überall in Mexiko.

CC BY-SA 4.0 Geheime Gräber in Veracruz und kein Ende von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Die Nacht von Iguala und der mexikanische Staat Von Luis Hernández Navarro(Mexiko-Stadt, 26. April 2016, La Jornada-poonal).- Die Form wahrend, ist der letzte Bericht der Unabhängigen Interdisziplinären Expert*innengruppe (GIEI) dennoch inhaltlich demolierend. Er hinterfragt nicht nur die armselige gerichtliche Arbeit der Funktionär*innen, die mit den Ermittlungen zu den Ereignissen der Nacht von Iguala beauftragt waren. Er stellt die ureigene Glaubwürdigkeit des mexikanischen Staates in Frage.Der Bericht der E...
Suche nach Verschwundenen: Aktivist ermordet (Caracas, 24. Juni 2016, telesur).- José Jesús Jiménez Gaona, Mitglied der landesweiten Brigade zur Suche nach Verschwundenen, ist in der Nacht zum 22. Juni in Poza Rica im mexikanischen Bundesstaat Veracruz erschossen worden. Das teilte das Portal Animal Político mit. Jiménez war Aktivist aus Veracruz und widmete sich der Suche nach Verschwundenen in dem von Gewalt geprägten Bundesstaat. Er wurde 2011 aktiv, nachdem seine 23-jährige Tochter verschwand. Erst kürzlich trat er ...
„Iguala ist ein Friedhof“ Von Fabrizio Lorusso(Lima, 27. Mai 2016, noticias aliadas).- Interview mit Xitlali Miranda Mayo, Leiterin der Organisation “Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala” (Comité de Búsqueda Los Otros Desaparecidos de Iguala).Xitlali Miranda Mayo ist Psychologin in Iguala, im Bundesstaat Guerrero im Südwesten Mexikos. Sie koordiniert das „Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala", das nach dem gewaltsamen Verschwindenlassen...
Fast 30 außergerichtliche Hinrichtungen durch eine Todesschwadron zwischen 2011 und 2015 (Caracas/Lima, 17. August 2016, telesur-poonal).- Am 17. August 2016 kündigte die peruanische Regierung an, man habe die Polizeibeamt*innen, die für die Bildung der sogenannten „Todesschwadron“ verantwortlich seien, identifiziert. Sie hätten in den Jahren 2011 bis 2015 außergerichtliche Tötungen von Straftäter*innen begangen. Innenminister Carlos Basombrío gab an, die Polizist*innen hätten auf diese Weise versucht, „berufliche und wirtschaftliche Vorteile zu erlangen“.Anf...
Fährtensuche: Funde geheimer Gräber gehen weiter Von Gerold Schmidt(Mexiko-Stadt, 22. September 2016, npl).- Im nördlichen Bundesstaat Sinaloa stieß die Gruppe „Las Rastreadoras” (Die Fährtensucherinnen) nach anonymen Hinweisen Mitte September auf sechs Leichen in einem geheimen Grab im Landkreis Ahome. Die Opfer wurden offenbar erschossen. Die Rastreadoras haben zwei Jahre nach ihrer Gründung inzwischen laut Zeitungsberichten fast 300 Mitglieder, darunter auch einige Männer. Fast alle suchen nach direkten Familiena...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *