Brasilien

Gegen ein Vergessen der Vargas-Ära


von IHU

(Berlin, 24. August 2014, ihu).- Ein Interview mit dem Ökonom Carlos Lessa, ehemals Präsident der Entwicklungsbank BNDES (Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico e Social).

Wie sah das Projekt für Brasilien aus, das Präsident Getúlio Vargas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einführte?

Der junge Gétulio Vargas sagte einmal: “Brasilien sollte kein Eisenerz exportieren. Und Brasilien sollte keine Hacken importieren. Brasilien sollte Hacken aus dem eigenen Eisenerz herstellen.” Aus einer Volkswirtschaft, die Rohstoffe exportierte, sollte ein Industrieland werden. Vargas hatte eine Vision vom Brasilien der Zukunft. Diese kommt auch in den ersten beiden großen Gesetzen seiner Präsidentschaft zum Ausdruck, dem zum Bergbau und jenem zu Wasser und Energie.

Es handelte sich um zwei entscheidende Instrumente, um die notwendigen Ressourcen für die wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens zu sichern. In der Vision von Vargas musste Brasilien nicht nur industrialisiert, sondern auch urbanisiert werden. 50 Jahre lang sollte Brasilien dann auf die Industrialisierung setzen, um sich aus der Peripherie der Welt zu verabschieden, und vor allem auf diesem Wege soziale Reformen durchzuführen.

Eine weitere Idee von Vargas war jene, sich von der Küste aus systematisch dem Landesinneren Brasiliens zuzuwenden, der so genannte “Marsch nach Westen”. Vargas war sehr besorgt um den Schutz und die Verteidigung Brasiliens. Auf der anderen Seite wusste er, dass der Fortschritt Lateinamerikas von einer Kooperation Brasiliens mit Argentinien abhing. Daher näherte er sich während seiner zweitzen Präsidentschaft, Anfang der 1950-er Jahre, Präsident Juan Perón an. Die Ära Vargas endete nicht mit seinem Selbstmord 1954, denn in den verbleibenden 1950-er Jahren wurden seine Pläne konsequent zu Ende geführt. Als Beispiel sei der Aufbau einer nationalen Industrie für die Herstellung von Auto- und Flugzeugmotoren genannt. Dem lag das Wissen um die große Bedeutung der Luftfahrt für Brasilien zugrunde.

Vargas hatte seine Hand im Spiel bei allem, was die Zukunft Brasiliens betraf. Mich störte daher die Behauptung von Präsident Fernando Henrique Cardoso (1995 – 2002), die Ära Vargas sei beendet. Dabei schloss er selbst das Projekt ab – ohne ein neues an dessen Stelle zu setzen. Insofern sind wir heute Waisen bezüglich eines nationalen Projekts. Ich weiß gar nicht, ob das derzeitige Projekt Brasiliens vielleicht darin besteht, in einer globalisierten Welt in die Peripherie zurückzukehren. Dieser Weg gefällt mir überhaupt nicht, aber Brasilien scheint ihn aktuell zu beschreiten.

Wie würden Sie den politischen Prozess beschreiben, durch den in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Ära Vargas für beendet erklärt wurde?

Brasilien nahm die Demokratie an, ohne über die autoritären Wurzeln zu diskutieren – was für die Etablierung einer Demokratie unerlässlich ist. Ich und viele andere, die in Opposition zur Militärdiktatur standen, hingen der vereinfachten Sichtweise an, dass sich alle Probleme Brasiliens aus der Diktatur ableiteten, und die Demokratie ein Allheilmittel zu deren Lösung sei. In Wirklichkeit wurde die Demokratie aber nur symbolisch erobert. Es fand keine Diskussion über Erfahrungen der Vergangenheit statt, und in welchem Kontext zur Kultur Brasiliens diese standen. Es gab eine Art Exorzismus, und die Lösung hieß Demokratie.

Wir haben noch kein neues nationales Projekt, die Vargas-Ära wird von all jenen verachtet, die mit der Globalisierung verbunden sind. Leute, die mit der brasilianischen Planung brachen und einen Großteil der öffentlichen Unternehmen privatisierten.

Brasilien macht sich wenig aus seiner Geschichte, ganz anders als die Chinesen. Wir müssen nicht in die Geschichte eintauchen, um sie zu preisen, sondern um die Gegenwart zu verstehen und in die Zukunft zu blicken. Es ist äußerst wichtig, sich die Vargas-Ära neu anzueignen und sich die Frage zu stellen, was von seinem Projekt im heutigen Brasilien erhalten werden, und was verändert werden sollte. Ich erwähnte einmal gegenüber einem Polizisten Getúlio Vargas. Der wusste gar nicht, wer das war.

Wie lässt sich der Wderspruch erklären, dass Vargas, vor allem in der ersten Phase seiner Präsidentschaft, diktatorisch regierte, um sein Staatsprojekt und die brasilianischen Arbeiter zu schützen, sich aber um die Menschenrechte nicht scherte?

Vargas wusste, dass es einer starken Regierung bedurfte, um die Eliten zu kontrollieren, die Brasilien beherrschten, und diese durch eine neue Elite zu ersetzen. Seine politischen Gegner stempelten diese Haltung als diktatorisch ab. Es gab politische Gewalt in der Vargas-Zeit, aber diese Praxis führte nicht er ein, sondern sie bestand schon während der Alten Republik (1889 – 1930).

Vargas war sicher kein Vorbild, was den Schutz der Bürgerrechte betrifft, aber bei den sozialen Rechten gab es unter seiner Präsidentschaft einen riesigen Schritt nach vorne, in Gestalt der Arbeitsgesetzgebung gleich nach Antritt seiner Regierung. Ich halte es für einen Irrtum, Vargas einen Diktator zu nennen und ziehe es vor, von einer starken Regierung zu sprechen.

Was ist das große Vermächtnis von Getúlio Vargas für Brasiliens Politik?

Die Vargas-Ära zeigt, dass ein Land, das praktisch eine große Kaffeeplantage war, sich in die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt verwandeln kann. Nun kommt es darauf an, die Bürgerrechte besser zu beachten und die Zuverlässigkeit der Demokratie zu stärken. Sollte uns dies nicht gelingen, würden wir die Vargas-Ära wegwerfen und das Kind mit dem Bade ausschütten. Die Vargas-Ära ist von grundlegender Bedeutung für den Bau der Zukunft Brasiliens.

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