Lateinamerika

Gegen den Strom: Alternative Medien mit genderspezifischem Fokus


von Sara Más, Havanna

Treffen der Semlac-Korrespondentinnen 2007 / Foto: redsemlac.net(Lima, 26. August 2012, semlac-pponal).- Veränderungen, die Männer und Frauen in ihren Gesellschaften erleben, beginnen ihren Ausdruck in alternativen Medien zu finden. Dies zeige sich in Äußerungen, die sich unter anderem gegen die symbolische Gewalt richten, wie aus einer in diesem Jahr durchgeführten Studie der Universität Havanna hervorgeht.

 

Neben SEMlac bereichern auch Agenturen und Print- bzw. online erscheinende Medien wie Artemisa noticias, Mujeres en red, Cerigua, CIMAC, Urban@s en red, AmecoPress, La Independent, Píkara Magazine, Cotidiano Mujer, A primera plana, Feministikt Perspektiv und Women in the City die Berichterstattung durch ihre Entscheidung für einen „Journalismus mit genderspezifischem Fokus“.

SEMlac: Beispiel für integrativen Journalismus

Der journalistische Diskurs des Nachrichtenservice der Frau in Lateinamerika und der Karibik SEMlac (Servicio de Noticias de la Mujer de Latinoamérica y el Caribe) wurde von der Autorin der Studie als Beispiel für einen besonders integrativen, vielseitigen und nicht-sexistischen Journalismus verwendet, in dem die Aussicht auf Veränderung vorherrsche.

„Die professionelle Journalismuskultur hat für ihre gesamte Nachrichtenproduktion das Kriterium der Transversalität des genderspezifischen Fokus zugelassen“, einschließlich der daraus resultierenden kritischen Überarbeitung von Produktionsideologien und deren Routinen und, dies werde nicht als ein „Element, das auf berufliche ‘Unfähigkeit’ schließen lässt“ angesehen, betont die junge Journalistin Igrim Castillo Moreno in ihrer Diplomarbeit, die sie vergangenen Juni in der kubanischen Hauptstadt verteidigte.

Unter dem Titel „A contracorriente. Un acercamiento a la construcción social de género en el discurso periodístico de las agencias latinoamericanas SEMlac y CIMAC” („Gegen den Strom. Eine Annäherung an die soziale Konstruktion von Geschlecht im journalistischen Diskurs der lateinamerikanischen Agenturen SEMlac und CIMAC“), analysiert Castillo trotz der Kritik an deren Kommunikationsmodell und der schwierigen Eingliederung in eine noch immer von transnationalen Medien dominierte Welt, das Angebot der Berichterstattung beider Agenturen, sowie den Kontext, aus dem diese Art von Medien und deren Werte hervorgegangen sind.

Die bestehenden Agenturen, die alternative Botschaften über sexuelle Vielfalt, die Lebensrealität von Männern und Frauen und gegen symbolische Gewalt veröffentlichen, würden sich nicht nur der traditionellen und ausgrenzenden Betrachtungsweise dieser Themen seitens der großen Medienkonzerne widersetzen, sondern auch konkrete Alternativen vorschlagen, so die junge Akademikerin.

Problematische Themen im Visier

In ihrer Analyse des journalistischen Diskurses der Nachrichtenagenturen SEMlac und CIMAC, hebt Castillo besonders deren integrativen, nicht-sexistischen und vielfältigen Journalismus hervor. Auch sei für diese Agenturen der respektvolle Umgang mit sexueller Vielfalt als Menschenrecht ein Fokus. Ihre Themen würden sich zudem nicht auf die genderspezifische oder traditionell feministische Agenda beschränken, auch wenn die Berichterstattung zu diesen Themen überwiege.

„Ausgehend von der Transversalität und der Aussicht auf Veränderung, überwiegt der Fokus auf problematische Themen“, erklärt die Autorin der Studie hinsichtlich des Nachrichtenportals SEMlac Hochzeit trans*gay in Kuba / globovision, CC BY-NC 2.0, flickrmit Sitz in der peruanischen Hauptstadt Lima. Das Portal ging aus einem Netzwerk von Korrespondentinnen hervor und existiert seit etwas mehr als drei Jahrzehnten. Auf regionaler Ebene sei diese Art von Berichterstattung einzigartig.

Das Zentrum für Kommunikation und Information der Frau CIMAC (Centro de Comunicación e Información de la Mujer) ist ein Nachrichtendienst für Journalist*innen in Mexiko und sucht ein Raum für Nachrichten über die sozialen Bedingungen von Frauen sowie den unbeachteten Sektoren der Zivilgesellschaft des Landes zu sein. Das Kommunikationszentrum begann sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zu entwickeln und wurde 1991 formell gegründet.

Diese Art von alternativen Nachrichtenagenturen hätte in den achtziger Jahren große Verbreitung gefunden, sei in den neunziger Jahren jedoch aufgrund von Finanzierungsproblemen und einem Verlust an Glaubwürdigkeit neben den konventionellen Medien wieder eingebrochen, so die Studie.

Neue Agenturen mit genderspezifischem Fokus

Nichtsdestotrotz hätten moderne Internetanwendungen dabei geholfen, dass die noch verbliebenen Agenturen weiter bestehen. Dies treffe besonders auf jene Agenturen zu, die sich der Realität aus neuen Blickwinkeln annäherten und dabei die konventionelle Produktionsroutinen untergraben, das Nachrichtenkonzept erneuert und eine innovative soziale Darstellung erarbeitet hätten.

Auch seien weitere alternative Agenturen gegründet worden, die mit genderspezifischem Fokus arbeiten und das konventionelle Medienuniversum durchbrechen würden, wie im Falle der guatemaltekischen Agentur Cerigua (www.cerigua.org), der spanischen AmecoPress (www.amecopress.net) und der katalanischen La Independent (www.laindependent.cat). Diese Medien arbeiten mit den Kommunikationstechnologien, wie dem Internet und nutzen die Möglichkeit, online zu erscheinen.

Der irischen Forscherin Margaret Gallagher zu Folge, handle es sich um eine neue Kommunikationssituation, die sich noch im Anfangsstadium befinde und sich derzeit ihren Weg durch die neoliberale, vereinheitlichende Globalisierung bahne. Gallagher macht die Kluft zwischen der tatsächlich gelebten und der von den Medien geschaffenen Realität als Grund dafür aus, dass die „entführten Stimmen der Frauen“ in den alternativen Medien zum Vorschein kämen. In einigen Fällen handle es sich dabei um Agenturen, die bereits länger bestehen, in anderen Fällen um Medien, die erst kürzlich gegründet worden seien.

Gegen Machismo – Für die Gleichheit von Mann und Frau

„Die Projekte wurden von Frauen angeregt, die sich mehr oder weniger dem Feminismus zugehörig fühlen und Ungerechtigkeiten, die der Machismo hervorbringt, öffentlich anprangern wollen: sie sprechen über Feminismus und über die „unsichtbare Barriere“, [die Frauen vor allem am beruflichen Aufstieg hindert,] sowie über sexuelle und reproduktive Rechte…“, erklärte etwa June Fernández, Direktorin des Píkara Magazine, gegenüber Castillo.

Fernández, die als sehr kritisch gegenüber alternativen Medien gilt, glaubt, „dass diese heute kaum Einfluss auf den Sozialisierungsprozess haben“. Jedoch geht sie davon aus, dass „sie wichtig sind als Unterstützung des Widerstands gegen die [dominierende] Sozialisierung“.

Nach der Analyse einer Befragung von mehr als 20 Berichterstatterinnen und Expertinnen sowie der Analyse von deren Nachrichten, machte Castillo unter den Beiträgen dieser Medienagenturen das Muster transversaler Strategien aus. Diese würden darauf abzielen, die Gleichheit [zwischen Männern und Frauen] in die konventionelle Medienwelt einfließen zu lassen und gleichzeitig die alternative Berichterstattung zu fördern.

Aktion gegen das Abtreibungsverbot in Nicaragua / Foto: Maria Kindling, NPLADes Weiteren würden diese Strategien auch in die interpretative Berichterstattung und den Meinungsjournalismus eindringen, wodurch es möglich werde, Probleme zu diskutieren und Türen zu einer angemesseneren Darstellung sozialer Subjekte und von Minderheiten zu öffnen. „Als mögliche Alternative geben sie den Übergang zu einem Journalismus vor, der nicht ausschließe, dass die Wiedergabe der Nachricht auf einem immer stärker investigativerem Wege geschehe“, erklärt Castillo gegenüber SEMlac.

Ebenso erkennt Castillo in ihrer Arbeit den Beitrag der Agenturen an, den diese zur Öffnung gegenüber sozialen Themen geleistet hätten, Themen die für die sich entwickelnden Regionen von enormer Bedeutung seien. Damit hätten sie den Inhalten und der Ästhetik der Nachrichten über Männer und Frauen andere Dimensionen verliehen und neue Aspekte von Weiblichkeit und Männlichkeit sichtbar gemacht.

Neben weiteren Schritten, die von den Agenturen unternommen worden seien, erwähnt Castillo die Veröffentlichungen und Erstellung von Handbüchern über erfolgreiche Praktiken sowie die Durchführung von Studien über die vorgeschlagenen Alternativen zur hegemonialen Kommunikation und die Pflege und Vervielfältigung der Quellen.

Nur eingeschränkte Verbreitung der alternativen Agenturen

Wie Castillo gegenüber SEMlac erklärt, sei die Verbreitung der Medien relativ eingeschränkt. Gründe dafür seien der nur unzureichende Internetzugang in Lateinamerika und die Tatsache, dass das Publikum dieser Nicht-Regierungsorganisationen hauptsächlich aus Feministinnen bestehe, die selbst Expertinnen oder Aktivistinnen innerhalb der behandelten Themengebiete seien. Des Weiteren sei die Verbreitung der alternativen Medien durch knappe Geldmittel und die wenigen Korrespondentinnen der Region beschränkt.

Für die Journalistin Isabel Moya, die sich viel mit den Themen Gender und Kommunikation beschäftigt, sind die oben benannten Gründe die große Herausforderung der Nachrichtenagenturen mit genderspezifischem Fokus. „Ich glaube diese Agenturen sind sehr wichtig und müssen weiter wachsen. Sie müssen sich jedoch der Herausforderung stellen, nicht nur das bereits überzeugte Publikum zu erreichen oder in der akademischen Welt zu verharren, sondern zu einer Informationsquelle für die großen Medien zu werden. In diesem Sinne glaube ich, dass ausgehend von dieser Perspektive auch die Themen der transnationalen Medienagenda eingeschlossen werden sollten“, unterstrich Moya in einem Gespräch mit der Autorin der Studie.

 

Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenschwerpunkts:

banner teilhabe-2012


Das könnte dich auch interessieren

Regierung bekämpft Teile des eigenen Mediengesetzes Von Knut Hildebrandt (Oaxaca-Stadt, 14. Februar 2017, npl).- Als Teil des „Paktes für Mexiko“ ließ der frisch gebackene Präsident Enrique Peña Nieto 2013 den Artikel 29 der mexikanischen Verfassung überarbeiten. Artikel 29 regelt unter anderem die Bedingungen nach denen Rundfunkanstalten betrieben werden. Viele der neuen Regelungen wurden als fortschrittlich angesehen, da sie die Rechte kommunaler und indigener Medien, sowie die des Publikums stärken. Wie wenig die ...
onda-info 401 Hallo und willkommen zum onda-info 401! Wir haben erstmal ein paar Nachrichten für euch: Zur Wasserprivatisierung in Nordmexiko, zu den anstehenden Wahlen in Ecuador und dem mexikanischen Telekommunikationsgesetz. Danach haben wir einen Beitrag aus unserer Radioreihe “Menschenrechte und Unternehmen” über ein Problem, das nicht auf Lateinamerika beschränkt ist: Pestizide. Zum Schutz der Anpflanzungen verseuchen sie Boden und Grundwasser. Auch deutsche Unternehmen wie Bay...
Infoblatt Recht auf Kommunikation Eine Spurensuche in Lateinamerika Wer Zugang zu Medien hat und womit kommuniziert wird, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungen. Klingt gut, heißt in der Praxis aber oft, dass längst nicht alle mitreden können. Zu selten gelingt es der Zivilgesellschaft, ihre Ansprüche gegen Regierungen und Telekommunikationsriesen durchzusetzen. Lateinamerika bildet da keine Ausnahme. Anders als in Deutschland findet dort jedoch eine lebhafte Auseinandersetzung über das „Recht a...
Ecuador und China beschließen strategische Kooperation Von Kerstin Sack (24. November 2016, amerika21).- Der Präsident von China, Xi Jinping, hat zum ersten Mal Ecuador besucht. Dabei unterzeichneten die Regierungen beider Länder elf Abkommen. Es handelt sich um Vereinbarungen in den Bereichen Finanzierung, Kommunikation, Kultur, produktive Strategien sowie eine Kooperation zur Bewältigung der Folgen des Erdbebens in Ecuador. China ist der drittgrößte Handelspartner für Ecuador. Nach Ansicht des ecuadorianischen Präside...
El juicio es de todos! – Dieser Prozess geht uns alle an In argentinischen Medien wurde er schon als „Nürnberg von Córdoba“ bezeichnet. Mit der sogenannten „Megacausa“ geht einer der größten Menschenrechtsprozesse in der Geschichte des Landes zu Ende. Am 25. August wurde nach 350 Verhandlungstagen das Urteil gesprochen. Verhandelt wurden Verbrechen in den Jahren 1975 bis 1979, also während der argentinischen Diktatur und auch schon davor, in der zentralargentinischen Provinz Córdoba. Allein in "La Perla",  dem größten Folterlager ...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.