Mexiko

Galina, die junge Frau, die in Mexiko starb


von Lydia Cacho

(Mexiko-Stadt, 14. November 2011, cimac).- Als Galina ihr Zuhause in Bulgarien verließ, war sie davon überzeugt, dass ihr Leben eine Wende nehmen würde. Sie versprach ihren Freund*innen, dass sich ihr Leben ändern werde und sie berühmt werden würde. Sie reiste nach Cancún und einige Stunden später stürzte sie aus dem 19. Stockwerk einer privaten Mietanlage im exklusiven Strandgebiet von Cancún.

Die Eltern der 25-Jährigen versichern, dass sie arbeitslos war und sie niemals darüber informiert hat, dass sie ans andere Ende der Welt reisen wollte. Sie sind davon überzeugt, dass ihre Tochter ermordet wurde und dass die Aufklärung des Verbrechens in den Händen eines einzigen Mannes liegt: Gaspar Armando García Torres, Generalstaatsanwalt des mexikanischen Bundesstaates Quintana Roo.

Die Tageszeitung Reforma berichtete ausführlich über diesen Fall. In den mexikanischen Bundesstaaten passieren Tag für Tag tragische Dinge; diese bleiben jedoch meist im Dunkeln, angesichts des erdrückenden Einflusses der Unternehmer*innen oder Politiker*innen, die in diese Fälle verstrickt sind.

Bestechung und Korruption behindern Untersuchung

Obwohl also die Presse in Quintana Roo im April 2011 über den Todesfall Galina berichtete, wurde unmittelbar die Maschinerie aus Einfluss, Bestechung und institutioneller Korruption ins Rollen gebracht, die eine sofortige, beschleunigte und transparente Untersuchung verhinderte.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Urlauberin in diesem Touristenzentrum zu Tode kommt: Es wurden Unfälle dokumentiert, in denen Tourist*innen von Hotelbalkonen am Strand gestürzt sind, sowie auch Fälle von Personen, die eigens nach Cancún reisten, wie an jeden x-beliebigen Touristenort der Welt, um Selbstmord zu begehen.

Nichtsdestotrotz passt der Fall Galina Chankova Chaneva nicht zu den Eigenschaften eines weiteren unglücklichen Unfalls. Es gibt Indizien, die man nicht ignorieren kann, nicht einmal Monate nachdem das Mädchen eingeäschert wurde.

Parteivorsitzender in Vorfall verwickelt

Ihr Tod ereignete sich in einem Mietkomplex, der mit Leuten aus dem Umfeld der Grünen Ökologischen Partei Mexikos PVEM (Partido Verde Ecologista de México) im Zusammenhang steht. Diese Leute um den ehemaligen PVEM-Vorsitzenden Jorge Emilio González (1) belegen mehrere Wohnungen im Emerald-Gebäude.

Laut Augenzeugenberichten hat das Mädchen in jener Nacht in besagtem Mietkomplex eine Party besucht. Einige Stunden später stürzte Galina vom Balkon, nachdem sie zuvor ihren Eltern in einer SMS mitteilte: „Ich bin gerade arbeiten, wir sprechen uns morgen.“

Inzwischen ist bekannt, dass González leugnet, Eigentümer der Mietanlage zu sein; nichtsdestotrotz beweisen Pressemitteilungen, dass er selbst die Instandhaltung des Hochhauses bezahlt und es gibt Augenzeugen die aussagen, dass er über längere Zeiträume dort wohnt und dass er dort Umbauarbeiten leitet und finanziert.

Den wahren Eigentümer der Wohnung auszumachen stellt sich als schwierig heraus, denn viele Politiker*innen greifen auf einen Strohmann zurück. Es ist unmöglich zu sagen, ob dies auch im Wohnblock, aus dem die junge Bulgarin gestürzt ist, der Fall ist. Sicher ist jedoch, dass Jorge Emilio González, nach Quellen der Staatsanwaltschaft von Quintana Roo, diese Wohnung regelmäßig genutzt hat.

Falschaussagen, Bestechungen und Schmiergeld

Niemand hat den Ex-Vorsitzenden der PVEM des Mordes beschuldigt. Es ist jedoch offensichtlich, dass Behörden und einflussreiche Personen Informationen manipuliert, Aussagen verfälscht, Medien bestochen und das für die Wohnblöcke zuständige Personal geschmiert haben, damit diese sich der Falschaussage schuldig machen in einem wahrscheinlichen Fall von fahrlässiger Tötung.

Eine Intrige, die den Schutz des öffentlichen Ansehens eines Politikers der Aufklärung eines Todesfalls vorzieht, der sich während der Amtszeit des Ex-Generalstaatsanwalts Francisco Alor Quezada ereignete.

Den Eltern von Galina sind mehrere Dinge aufgefallen: Ihre Tochter hatte sich zusehends verändert in den Wochen, bevor sie ihr Land verließ. Niemand kannte Mircho, den Mann, der ihr und ihrer Freundin die Reisetickets nach Mexiko gezahlt hat. Ihre Tochter trank nicht übermäßig viel und nahm keine Drogen (es heißt, sie habe während der Feier Kokain genommen).

Wer zahlte die Flugtickets?

Für ihre Familienangehörigen und den Staatsanwalt, der von Bulgarien aus die Untersuchungen leitet, trägt die Angelegenheit alle Merkmale, dass es sich um einen von tausenden von Fällen des Frauenhandels aus Bulgarien handelt. Ein Land, das an Rumänien, Griechenland und die Türkei grenzt und ein Teil des eurasischen Dreiecks dieses Verbrechens in den Ländern ist, die zum Ostblock gehörten.

Im vergangenen Jahr hat die bulgarische Polizei 69 Mädchen-Händler verhaftet, die in VIP-Prostitution verwickelt waren. Von diesen wurden 25 junge Ausbeuter zur Höchststrafe wegen Menschenhandels verurteilt: drei Jahre Gefängnis.

Die Eltern von Galina werden weiter nach der Wahrheit suchen. Jorge Emilio González und die, die ihn beschützen, werden ihnen weiterhin diese Möglichkeit verwehren. Alles liegt in den Händen des neuen Strafverfolgers.

(1) Jorge Emilio González war zum Zeitpunkt ihres Todes noch Vorsitzender der PVEM. Er trat erst im September 2011 nach zehn Jahren vom Parteivorsitz zurück, Anm. der Red.

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