Nicaragua

Frauenkonferenz: Zunahme von Strafanzeigen gegen Jugendliche wegen Abtreibung


von Nelson Rodríguez

Protest gegen das völlige Abtreibungsverbot in Nicaragua / Foto: Maria Kindling(Mexiko-Stadt, 26. Mai 2011, cimac/poonal).- Am 25. Mai dieses Jahres fand in Managua die „Zweite Nationale Konferenz für Gesundheit und Leben der Frau“ (Segundo Encuentro Nacional por la Salud y la Vida de las Mujeres) statt, an der 63 Menschenrechtsorganisationen und mehr als einhundert Frauen aus den verschiedenen Regionen des Landes teilnahmen.

 

Kaum Aufklärung, kaum Verhütung

Während des Kongresses informierten die Organisationen, dass in den vergangenen zwei Jahren 79 nicaraguanische Frauen bei den Strafverfolgungsbehörden angezeigt worden waren, weil sie einen Schwangerschaftsabbruch begangen haben sollen. Drei von ihnen seien bereits verurteilt worden. Besonders beunruhigend sei, dass die beschuldigten Frauen in der Mehrheit (67 Prozent) Jugendliche oder junge Frauen zwischen 18 und 22 Jahren seien. Außerdem handele es sich überwiegend um Frauen, die über kein oder ein sehr geringes Einkommen verfügten. So seien 63 Prozent der angezeigten Frauen arbeitslos.

Dr. Ana Maria Pizarro vom Zentrum für Frauenheilkunde SIMUJER (Servicios Integrales Para La Mujer) erklärte, es fehle an sexueller Aufklärung und Verhütung, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. 16 Prozent der angezeigten Frauen seien Analphabetinnen, ein großer Prozentsatz verfüge nur über eine geringe Schulbildung.

Mitarbeiter*innen der Gesundheitsbehörden zeigen Patientinnen an

Problematisch sei auch, dass 48 Prozent der Frauen heimlich von den Gesundheitsbehörden angezeigt würden, wenn sie diese wegen gesundheitlicher Probleme durch den Abbruch aufsuchen. Häufig schon wenige Stunden später begännen die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Pizarro kritisierte an dieser Stelle auch, dass sie dieses Engagement der staatlichen Stellen bei Anzeigen gegen häusliche Gewalt häufig vermisse.

Im Rahmen des Kongresses wurde auch über das Thema der Feminizide (Frauenmorde) gesprochen. Dabei berichtete die Organisation Frauennetzwerk gegen die Gewalt (Red de Mujeres Contra la Violencia) dass in diesem Jahr bisher 40 Frauen getötet worden seien. Matilde Lindo, Mitglied des Netzwerks, äußerte sich besorgt über die Grausamkeit, mit der gegen Frauen vorgegangen werde.

Allein in den letzten Tagen seien mehrere Frauen vergewaltigt, verstümmelt, gefoltert und an verschiedenen Orten zurückgelassen worden. Es handele sich dabei sowohl um Fälle in der Hauptstadt Managua als auch in den entlegenen Gegenden im ländlichen Raum. Daher forderte Lindo Polizei, Justiz und die nicaraguanische Bevölkerung auf, sich gemeinsam für die Eindämmung der Gewalt stark zu machen.

„Straflosigkeit stiftet zum Feminizid an“

„Ich denke, die Straflosigkeit ist eines der wichtigsten Elemente, welche zur Gewalt gegen Frauen und den Feminizid anstiften“, erklärte Lindo. Weiter fügte sie hinzu, sollten von Seiten der Polizei, Staatsanwaltschaft und Justizbehörden die größten Anstrengungen unternommen werden, präventive Maßnahmen zu ergreifen und nicht erst zu warten, bis das Blut der Frauen geflossen sei.

Dr. Vilma Núñez, vom nicaraguanischen Zentrum für Menschenrechte CENIDH (Centro Nicaragüense de Derechos Humanos) appellierte an den nicaraguanischen Staat, den Empfehlungen internationaler Gremien wie UNO und der Organisation Amerikanischer Staaten OAS sowie der Inter-Amerikanischen Kommission für Menschenrechte CIDH (Comisión Interamericana de Derechos Humanos) zu folgen, um Sicherheit, Gesundheit und Leben der Nicaraguaner*innen zu garantieren.

Staatliche Vertreterinnen blieben der Konferenz fern

Enttäuscht zeigten sich die teilnehmenden Organisationen darüber, dass die staatlichen Vertreterinnen von Polizei, Justiz und Gesundheitsministerium der Einladung nicht gefolgt waren: Ihre Plätze blieben leer.

 

alt


Das könnte dich auch interessieren

Nachrichtenagentur indigener Frauen NOTIMIA gegründet Präsentation von NOTIMIA / Foto: César Martínez López, Cimac (Mexiko-Stadt/Lima. 01. Mai 2017, cimac-noticias aliadas).- Am vergangenen 5. April wurde von der Vereinigung indigener Frauen Mittelamerikas in Mexiko offiziell die Agentur für Nachrichten zu Indígenas und Afrodescendents (NOTIMIA) gegründet. Die Agentur wird vom spanischen Kulturzentrum unterstützt und soll Themen von indigenen und Afrodescendent- Frauen aus Lateinamerika sichtbar machen. Die Nachrichten solle...
onda-info 407 especial – vom Panamazonischen Sozialforum in Tarapoto! Hallo und willkommen zum onda-info 407! Diesmal aus Tarapoto, Peru! Hier fand Ende April das achte Panamazonische Sozialfourm statt. Und onda war dabei! Die Veranstaltung lockt Teilnehmende aus allen neun Staaten an, die ein Stück des Amazonas-Gebietes beanspruchen: Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Bolivien, Venezuela, Guyana, Französisch-Guyana, Surinam und natürlich das Gastgeberland Peru. Das Motto lautete diesmal: Wir folgen dem Ruf des Waldes. Fast 2.000 Indigene und ander...
2017 bereits mindestens 41 Verteidiger*innen von Menschenrechten ermordet Von Gisel Ducatenzeiler, Radio UNO Trotz Friedensvertrags bereits 41 Morde an Menschenrechtsverteidiger*innen / Foto: urban lenny, Wandbild in Montovideo, cc by-nc-2.0 (Lima, 02. Mai 2017, servindi).-  In einer Pressekonferenz in Genf bekräftigte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid Ra'ad Al Hussein, dass Aktivist*innen ebenso wie Journalist*innen und andere Vertreter*innen der Zivilgesellschaft bei der Ausübung ihrer Arbeit weltweit großen Risiken ausgesetzt ...
Nach verschwundenen Frauen sucht niemand Von Ana Alicia Osorio* Nach verschwundenen Frauen sucht (fast) niemand / Foto: © César Martínez López, cimac (Mexiko-Stadt/Veracruz, 04. April 2017, cimac). Sie und er verschwanden am gleichen Tag. Nach ihm wird gesucht, nach ihr nicht. Als die Mutter die Vermisstenanzeige bei der Staatsanwaltschaft aufgibt, wird ihr gesagt, ihre Tochter sei bestimmt „absichtlich abgehauen“. Die Familie will nicht, dass die Vermisstenanzeige gesehen wird. Sie hat Angst davor, was die L...
Brasilien: Frauen und Schwarze stärker von Arbeitslosigkeit betroffen Von Railídia Carvalho*, correiocidadania.com.br Protestkundgebung Schwarzer Frauen (November 2015) / Foto: Janine Moraes, Ministerio da Cultura, CC BY 2.0 (Montevideo, 03. April 2017, Comcosur).- Eine Umfrage zu soziologischen Fragestellungen des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) belegt mit Zahlen, was in der brasilianischen Gesellschaft bereits wahrnehmbar ist: Frauen und Menschen mit schwarze...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.