Brasilien

Ex-Militär darf öffentlich Folterer genannt werden


von Christian Russau

Criméia Schmidt de Almeida (li.) kurz nach der Urteilsverkündung /  http://www.cartamaior.com.br/templates/materiaMostrar.cfm?materia_id=20720, copyleft(20. August 2012, amerika21.de).- Urteil in Zivilklage vor Gericht in São Paulo bestätigt, dass Ex-Militär ein Folterer ist. Folteropfer bezeichnen Urteil als „Sieg ganz Brasiliens“

 

Der Justizgerichtshof von São Paulo hat am Dienstag in zweiter Instanz das Recht der Familie Teles bestätigt, den Coronel Carlos Alberto Brilhante Ustra als Folterer zu bezeichnen. Damit lehnte das Gericht die Berufung des Ex-Militärs gegen das Urteil aus dem Jahre 2008 in zweiter Instanz ab. Bereits im Oktober 2008 hatte die Familie Teles zivilrechtlich in einer Feststellungsklage gegen Ustra geklagt und das Recht gefordert, ihn öffentlich einen Folterer nennen zu dürfen. Eine Bestrafung Ustras oder eine Entschädigung der Familie war in dieser Klage nie vorgesehen.

Coronel Carlos Alberto Brilhante Ustra war in den 1970er Jahren Chef des berüchtigten Folterzentrums “Sonderkommando für Informationsoperationen — Zentrum für Untersuchungen der inneren Verteidigung” (DOI-CODI) in São Paulo gewesen. Zwischen September 1970 und Januar 1974 war Ustra unter dem Codenamen “Major Tibiriçá” Leiter des DOI-CODI. Im Jahre 1972 hatte er dort Maria Amélia de Almeida Teles und ihren Mann, César Augusto Teles, gefoltert. Die Schwester Amélias, Criméia Schmidt de Almeida, und die beiden kleinen Kinder des Ehepaars, vier und fünf Jahre alt, wurden auch dorthin verbracht. Criméia de Almeida, die damals im siebten Monat schwanger war, wurde ebenfalls gefoltert. Den Kindern wurden die Eltern gezeigt, die wegen der erlittenen Folter laut Aussage der Kinder nicht wiederzuerkennen waren, obschon sie wussten, dass es ihre Eltern waren, so die Aussage des Sohnes, Edson Teles. Der ebenfalls verhaftete Carlos Nicolau Danielli, damals führendes Mitglied der verbotenen Kommunistischen Partei von Brasilien, PCdoB, wurde im DOI-CODI zu Tode gefoltert.

Folter verjährt nicht

Der zuständige Richter am Justizgerichtshof von São Paulo, Rui Cascaldi, erklärte bei der Urteilsverkündung am Dienstag, dass das brasilianische Amnestiegesetz die Verurteilung der Taten aus der Zeit der Militärdiktatur strafrechtlich verhindere, aber zivilrechtlich keine Bewandtnis habe. Der Richter konnte auch der Argumentation der Verteidigung nicht folgen, die Taten aus den 1970er Jahren seien mittlerweile verjährt. Cascaldi erklärte, Verbrechen wie Folter verjährten in Brasilien, anders als Mord, nicht, und deshalb sei das Urteil von 2008 rechtens.

“Dieser Sieg ist nicht nur einer der Familie Teles, sondern ein Sieg ganz Brasiliens”, sagte Criméia Schmidt de Almeida kurz nach der Urteilsverkündung. “ Das gab es noch nie, eine historische Entscheidung“, erklärte Maria Amélia Teles. “Ab diesem Moment können wir erhobenen Hauptes sagen: Carlos Alberto Brilhante Ustra ist ein Folterer, ein Mörder, verantwortlich für die Verfolgung und Entführung von Frauen, Männern, Kindern, die sich gegen die Diktatur in Brasilien aufgelehnt hatten”. Da das brasilianische Amnestiegesetz von 1979 nach wie vor die strafrechtliche Anklage brasilianischer Militärs wegen Taten aus der Zeit der Militärdiktatur (1964-1985) verhindert, hatten die fünf Mitglieder der Familie Teles 2006 die zivilrechtliche Feststellungsklage gegen Ustra angestrengt. Nach Ansicht des Anwalts der Familie Teles steht Ustra nun noch der Gang vor den Obersten Gerichtshof offen.

CC BY-SA 4.0 Ex-Militär darf öffentlich Folterer genannt werden von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

onda-info 385 Hallo und Willkommen zum Onda Info 385! Unsere heutige Sendung beginnt mit einer Meldung aus Mexiko: In einer vor kurzem veröffentlichten Studie weist Amnesty International nach, daß in Mexiko sexuelle Gewalt gegen Frauen regelmäßig von sogenannten Sicherheitsorganen als Folterinstrument eingesetzt wird. Als nächstes folgt ein kurzer Bericht aus Berlin. Am 5. Juli war der argentinische Präsident Mauricio Macri bei Angela Merkel zum Staatsbesuch. Dagegen wurde mit Tango und T...
Hungerstreik und symbolische Schließung der Colonia Dignidad: Angehörige von Verschwundenen protestieren im Vorfeld des Gauck-Besuchs Von FDCL(Parral, 26. Juni 2016, fdcl).- Angehörige von Verschwundenen und Folterüberlebende haben am gestrigen Sonntag erneut an den Toren der Colonia Dignidad protestiert. Sie forderten Wahrheit und Gerechtigkeit sowie das Ende von touristischen Aktivitäten in der Deutschensiedlung. Etwa sechzig Personen befestigten Transparente in spanischer und deutscher Sprache mit der Aufschrift „Geschlossen wegen Menschenrechtsverletzungen“ am Eingangstor des Ortes, de...
Colonia Dignidad: Kommt Ex-Sektenarzt Hopp in Deutschland in Haft? Endlich bewegt sich was in Sachen "Colonia Dignidad", der deutschen Sektensiedlung im Süden Chiles, in der Kinder systematisch sexuell missbraucht und chilenische Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden. Nach Jahrzehnten ergebnisloser Ermittlungen gibt es jetzt die erste Vor-Entscheidung der deutschen Justiz. Und nach dem Kinostart des Politthrillers „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ von Florian Gallenberger kündigte auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier an, ...
Historische Urteile gegen Militärs der „Operation Condor“ in Argentinien Von Denis Mainka(29. Mai 2016, amerika21.de).- In Argentinien sind am Freitag ranghohe Militärfunktionäre für Verbrechen im Rahmen der Geheimoperation "Condor" in den 1970er und 1980er Jahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Das Bundesberufungsgericht I in Buenos Aires sprach fünfzehn Verantwortliche wegen verschiedener Verbrechen gegen die Menschheit schuldig. Erstmals in der Geschichte beurteilt ein Gericht die Absprache der damaligen Militär-Diktato...
Colonia Dignidad: Steinmeier verspricht Aufarbeitung der Rolle Deutschlands ­Von Ute Löhning(Berlin, 19. Mai 2016, npl).- Deutschen Behörden wird vorgeworfen, Verbrechen in der Colonia Dignidad jahrzehntelang zumindest toleriert zu haben. Außenminister Steinmeier bekannte sich im April zur Verantwortung deutscher Diplomat*innen, die nicht genug für den Schutz ihrer „Landsleute“ getan hätten. Opfer und Menschenrechtsaktivist*innen fordern die Aufklärung aller Taten, also auch der Verbrechen gegen die chilenischen Opfer, die während der Diktatu...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *