Guatemala

Erstes Verfahren wegen systematischer Vergewaltigungen von Indígena-Frauen


von Pamela Leiva Jacquelín, IWGIA

Eine indigene Frau macht eine Zeugenaussage vor einem guatemaltekischem Gericht (2012) / Foto: Sandra Sebastián, Bildquelle: www.iwgia.org(Lima, 07. Januar 2016, servindiiwgia). Die jüngste Geschichte Guatemalas ist geprägt von einem langen und schmerzhaften Bürgerkrieg. In den 36 Jahren von 1960 bis 1996 wurden die Rechte der Maya-Bevölkerung systematisch mit Füßen getreten. Wie ein Bericht der Kommission zur geschichtlichen Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in Guatemala belegt, wurden 83,3 Prozent der Menschenrechtsverletzungen an der Maya-Bevölkerung begangen. Im Zuge des Konflikts wurden Maya-Frauen Opfer von Vergewaltigung, Missbrauch und sexueller Versklavung. Der Fall der Frauen von Sepur Zarco soll nun im Februar vor Gericht kommen. In dem im Nordosten des Landes gelegenen Ort waren Frauen der Maya-Bevölkerung systematischer sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Nun werden die Opfer vor Gericht aussagen.

Frauenverbände kämpfen gegen Straffreiheit

Dass es nun zu den Verfahren kommt, ist zu einem wesentlichen Teil auf die Arbeit von Frauenverbänden zurückzuführen. Diese leisteten Unterstützung bei der Einreichung der Klagen und sammelten und dokumentierten Aussagen der Opfer. Die heute über 50-jährigen Frauen leiden an schweren posttraumatischen Beschwerden.

Seit 2009 betreut die Alianza Rompiendo el Silencio y la Impunidad (Allianz gegen das Schweigen und die Straflosigkeit), eine Initiative der Verbände Mujeres Transformando el Mundo MTM (Frauen verändern die Welt), Equipo de Estudios Comunitarios y de Acción Psicosocial ECAP (Gemeinschaftsverbände und psychosoziales Handeln) und die Unión Nacional de Mujeres Guatemaltecas UNAMG (Nationaler Verband der guatemaltekischen Frauen), die Betroffenen und setzt sich für eine gerichtliche Verurteilung der Verbrechen ein.

Mit drei unterschiedlichen Schwerpunkten kämpfen die Verbände um Raum in der öffentlichen Debatte: Während MTM sich um die juristischen Instanzen kümmert und UNAMG an der öffentlichen Wahrnehmung der Klagen arbeitet, bietet ECAP den Betroffenen psychosoziale Unterstützung.

Sepur Tarco: ein möglicher Präzedenzfall

Die Gemeinde Sepur Zarco befindet sich im Nordosten des Landes an der Grenze zwischen den Departments Alta Verapaz und Izabal. Während des Bürgerkriegs waren hier etwa sechs Trupps zur Folterung und Ausrottung der Maya-Bevölkerung stationiert. Im Jahr 1982 nahm das Militär alle Männer des Ortes gefangen. Die Frauen, die allein zurückblieben, wurden versklavt und sexuell missbraucht.

Sechs Monate lang wurden die Frauen von den guatemaltekischen Soldaten ausgebeutet. Im Drei-Tages-Rhythmus mussten sie in dem Militärcamp antreten, kochen, putzen und die Uniformen waschen. Dabei wurden sie immer wieder vergewaltigt, von einzelnen Soldaten oder von ganzen Gruppen.

Manche Frauen erzählen, dass man ihnen Spritzen setzte und sie zwang, Medikamente einzunehmen, um Schwangerschaften vorzubeugen. Bei einem Tribunal gegen sexuelle Gewalt im Jahr 2010 beschlossen die Frauen, vor Gericht zu gehen und reichten im Jahr 2011 Klage ein. Es ist das erste Mal, dass ein Verbrechen gegen Frauen nach internationalem Recht vor nationalen Gerichten verhandelt wird.

Nach Ansicht der Kommission für die geschichtliche Aufarbeitung wurde sexuelle Gewalt während des Bürgerkriegs vom Staat massiv gezielt und systematisch als politisches Handlungsmittel gegen Aufständische eingesetzt. Sexuelle Gewalt gilt somit als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, als Kriegsverbrechen sowie als Bestandteil von Genozid. Auch heute, nach dem Ende der bewaffneten Konflikte, wird dazu tendiert, sexuelle Gewalt nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu betrachten.

Daher bleibt zu wünschen, dass die Zeuginnenaussagen und das Ergebnis des Prozesses national und international wahrgenommen werden und eine neue Etappe der Diskussion und geschichtlichen Aufarbeitung des eklatanten Rassismus in Guatemala in Gang gesetzt wird. Die öffentliche Verhandlung wird am 1. Februar 2016 in Guatemala-Stadt gegen zwei Beschuldigte eröffnet. Die Frauenverbände rufen alle Interessierten auf, am Prozess teilzunehmen, die Klägerinnen zu unterstützen und den Prozessverlauf zu beobachten.

Kontakte:

Mujeres Transformando al Mundo (MTM)

Equipo de Estudios Comunitarios y de Acción Psicosocial (ECAP)

Unión Nacional de Mujeres Guatemaltecas (UNAMG)

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie sich der bewaffnete Konflikt auf indigene Frauen ausgewirkt hat und welche Bedeutung ihrer Zeuginnenaussage zukommt, hören Sie Victoria Tubin Sotz, Maya Kaqchikel, Überlebende des Bürgerkriegs. (Radiobeitrag, Spanisch)

CC BY-SA 4.0 Erstes Verfahren wegen systematischer Vergewaltigungen von Indígena-Frauen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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