Kolumbien

Ermordete Aktivistinnen: Frauen als militärische Zielscheibe


ermordete Aktivistinnen

Von links nach rechts: Emilsen Manyoma, Yoryanis Isabel Bernal und Nataly Salas Ruiz. Foto: Servindi/Pacifista

(Lima, 14. Februar 2017, servindi).- Fünf Aktivistinnen von sozialen Organisationen sind seit dem Inkrafttreten der Friedensverträge bereits ermordet worden. Die Nachricht von dem Portal ¡Pacifista! weist auf die enormen Herausforderungen hin, die der kolumbianischen Gesellschaft für einen wirklich dauerhaften Frieden für alle noch bevorstehen.  Die erste Herausforderung besteht vielleicht darin, dass die Regierung den systematischen Charakter dieser Verbrechen anerkennt, die von paramilitärischen Gruppen ausgeführt werden und Frauen zur militärischen Zielscheibe machen.

Seit dem Inkrafttreten des Friedensvertrags zwischen der Regierung und der Guerilla-Organisation FARC am 1. Dezember sind in Kolumbien19 Führungspersonen sozialer Organisationen ermordet worden, darunter fünf Frauen. Obwohl sie in ihrer jeweiligen Organisation unterschiedliche Positionen innehatten und einem unterschiedlichen Sektor ihrer Gemeinde angehörten, wurden diese Frauen gleichermaßen verfolgt und ermordet. Das Verteidigungsministerium hat mehrmals erklärt, dass die Attentate gegen die Führungspersonen zivilgesellschaftlicher Organisationen, einschließlich der Frauen, „nicht systematisch“ seien und dass der Paramilitarismus (der fast immer für diese Morde verantwortlich gemacht wird) eine Angelegenheit der Vergangenheit sei. „Es gibt keine Paramilitärs; das anzuerkennen bedeutet politische Garantien denen zu geben, die das nicht verdienen. Es gibt Morde, aber sie sind nicht systematisch. Wenn das so wäre, wäre ich der erste, der das zugibt“, so der Verteidigungsminister Luis Carlos Villegas in einer Radiosendung.

Ob nun systematisch oder nicht, eines ist gewiss: Gerade in den am meisten von der Gewalt heimgesuchten Regionen werden die Menschen ermordet, die versuchen, die Friedensverträge von Havanna umzusetzen. Dabei werden die Frauen zur militärischen Zielscheibe. Die Nachrichtenplattform ¡Pacifista! portraitiert die fünf ermordeten Aktivistinnen der letzten zwei Monate:

1. Nataly Salas, Studentin, 19 Jahre

Am 3. Dezember wurde Nataly Salas tot in der Lagune von Montería aufgefunden. Die 19-jährige Studentin, die sich aktiv in der Studierendenbewegung engagierte, wurde laut dem Behördenbericht zudem vergewaltigt. Am 14. Januar, 42 Tage nach dem Mord, verlangte ihr Vater Edwin Salas von der Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen zu beschleunigen, denn bis zu diesem Moment gab es nicht mal einen Tatverdächtigen. „Ich bin nicht damit einverstanden, wie der Fall behandelt wird. Immer wenn ich nachfrage sagen sie mir, dass der Prozess fortschreitet, aber bis jetzt gab es noch keine Festnahmen“ beklagte Salas.

2. Yaneth Calvache, Landarbeiter*innenvereinigung von Balboa, Cauca

Yaneth Calvache wurde in ihrer Wohnung ermordet. Als sie die Wohnungstür öffnete, um ein Mobiltelefon zu empfangen, wurde viermal auf sie geschossen. Drei Kugeln trafen ihre Brust und eine ihren Kiefer. Obwohl Familienangehörige und Freund*innen ihr halfen, ist sie auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Yaneth Calvache war Mitglied in der Landarbeiter*innenvereinigung „Asociación de Trabajadores Campesinos de Balboa“ im Bundesstaat Cauca und war Teil des „Proceso de Unidad Popular del Suroccidente Colombiano“ – eines der am besten organisierten kleinbäuerlichen Kollektive im Südwesten Kolumbiens.

3. Emilsen Manyoma, Menschenrechtsverteidigerin, 31 Jahre

Emilsen Manyoma und ihr Ehemann wurden zu den ersten Opfern bewaffneter Gewalt in Buenaventura des Jahres 2017. Emilsen Manyoma war eine anerkannte Führungsperson und Menschenrechtsverteidigerin in der Region Bajo Calima. Außerdem war sie Mitglied im Friedensnetzwerk „Red Conpaz“. Laut Aussagen des Staatsanwalts der Region, Omar Bonilla, wurden die Morde mit einer Stichwaffe ausgeführt. Die Leichen wurden bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Verwesung aufgefunden. Der Fundort befindet sich in einer waldreichen Zone neben der Eisenbahnlinie von Buenaventura, bei der Dorfgemeinde El Limonar des Viertels El Progreso, so die Zeitung „El Espectador“ in einer Ausgabe Tage nach dem Tod von Emilsen Manyoma. Sie war seit 2005 politische Aktivistin und prangerte vehement sowohl die Präsenz paramilitärischer Gruppen als auch den Drogenhandel in dem Stadtviertel El Calima an, einem der gefährlichsten in der Küstenstadt Buenaventura.

4. Yoryanis Isabel Bernal, Indigene der Wiwa, 43 Jahre

Yoryanis Isabel Bernal war als Verteidigerin von Frauenrechten in ihrer Dorfgemeinschaft engagiert. Die Leute denken an sie zurück als eine Frau, die immer nach Lösungen für die Bedürfnisse ihrer Gemeinschaft in Santa Marta suchte. Ebenso unterstützte sie eine Delegation der indigenen Gruppe der Wiwa in Riohacha. Sie wurde am Donnerstag, den 26. Januar, in Valledupar durch einen Kopfschuss ermordet. Familienangehörige brachten ihre Leiche nach Santa Marta, wo die Beisetzung stattfand. Die Ermittlungen liegen bei der Staatsanwaltschaft. „Sie haben uns eine große Führungspersönlichkeit weggenommen; wenn so etwas passiert, geht es auch mit unserer Kultur bergab, denn es gibt nicht so viele mutige Menschen, die sich mit den Problemen des Gemeinwohls zu konfrontieren; das ist immer gefährlich.“ kommentierte der Regierende der indigenen Gemeinschaft der Kogui, José de los Santos Sauna.

5. Luz Herminia Olarte, Gemeindeführerin, 51 Jahre

Am 28. Januar ist Luz Herminia Olarte spurlos verschwunden. Sie wohnte im Bezirk Llando de Ochalí, im Landkreis Yarumal, welcher im Norden des Bundesstaates Antioquia liegt. Tage später, am 7. Februar, fanden Kleinbauern die Leiche verdeckt mit Zweigen im Gebüsch in einer Waldregion bei dem Dorf Las Cruces. Augenscheinlich war sie mit einer Machete angegriffen worden. Luz Herminia Olarte gehörte dem selbstverwalteten Gemeinderat (Junta de Acción Comunal) ihres Bezirks an. Sie war Mutter von vier Kindern und Verantwortliche für die Pflege ihres Vaters, ein Mann fortgeschrittenen Alters. Ihr Fall hinterließ Sorgen und Schrecken bei der Nachbarschaft in ihrem Bezirk, denn dort hatte es bislang noch nie eine Gewalttat dieser Art gegeben.


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