Peru
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„Erdöl ist nicht gleichbedeutend mit Entwicklung“


Von Segundo Chuquipiondo

Indigene Frau protestiert

Die Indigenen des Amazonasgebietes fordern von der Regierung, dass sie gegen die Ölverschmutzungen vorgeht. Foto: Noticias Aliadas/Arturo Champa

(Lima, 12. Februar 2017, noticias aliadas).- 2016 ist für die peruanische Umweltgeschichte aufgrund des Erdölvorkommens in den Amazonasgebieten ein einschneidendes Jahr gewesen. Die Flussgebiete der Flüsse Marañón (Amazonasregion) und Morona (Region Loreto) mitsamt den von ihrem Wasser abhängigen indigenen Gemeinden wurden einer unmittelbar bevorstehenden Ölverschmutzungsgefahr ausgesetzt.

Am 1. September des letzten Jahres blockierten Bewohner*innen von mehr als 70 Gemeinden von  fünf Amazonas-Einzugsgebieten (Tigre, Marañón, Pastaza, Corrientes und Chambira) den Fluss Marañón, um gegen das ständige Durchsickern von Öl aus Leitungen der Pipeline Oleoducto Norperuano zu protestieren. Sie versperrten Schiffen den Weg, die Erdöl und andere Waren transportieren, während die Regierung unter dem Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski der Situation keinerlei Beachtung geschenkt hat.

Laut der Behörde für die Prüfung der Umweltverträglichkeit OEFA (Organismo de Evaluación y Fiscalización Ambiental) gab es allein im Jahr 2016 insgesamt 13 Ölunfälle, was den Austritt von tausenden Barrel Öl in die Fließgewässer bedeutete.

Tausende Barrel Öl ausgelaufen

Umweltbehörden machen den Verfall des zum Eigentum der staatlichen Ölgesellschaft Petroperú gehörenden Pipeline Oleoducto Norperuano für die Ölverschmutzungen verantwortlich. In den 70ern erbaut, befördert die Pipeline das aus dem peruanischen Amazonasgebiet gewonnene Öl von der Station 1 in San José de Saramuro, Loreto, 854 km weit bis zur Endstation von Báyovar an die Nordküste des Landes.

Obwohl Expert*innen und die OEFA die fehlende Wartung der Pipeline offiziell bestätigen, besteht Petroperú darauf, dass die Ölverschmutzung durch Angriffe „skrupelloser“ Leute sowie durch „natürliche Ursachen“ (Blitze, die direkt in die Rohrleitungen einschlagen) entstehen würden.

Laut der Anthropologin Frederica Barclay begann die Geschichte der Erdölförderung in den 70er Jahren während des Militärregimes (1968-1980) mit der Verabschiedung eines Gesetzes, das die Förderung anregen sollte. Allerdings gab es weder angemessene Umweltregulierungen noch ging das Gesetz mit Vorschriften einher, die die Rechte der indigenen Völker schützte.

Blut des Landes

„Hat etwa irgendjemand die Gemeinden gefragt, ob sie damit einverstanden seien, dass die Rohrleitungen direkt durch ihre Territorien gelegt werden?“, fragt der Anwalt Henry Carhuatocto, Präsident des Instituts für Recht, Umwelt und Nachhaltige Entwicklung IDLADS (Instituto de Defensa Legal, Ambiente y Desarrollo Sustentable) das Portal Noticias Aliadas. „Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: Alle hier in Lima wissen, dass die Wasserleitungen in gewissen Abständen ausgetauscht werden müssen, sonst bildet sich Kalk. Nun also stellen Sie sich vor, in welchem Zustand wohl Rohrleitungen sind, die unter freiem Himmel kilometerweit Erdöl transportieren und seit 43 Jahren gewartet werden müssten. Ist es etwa nicht offensichtlich, dass diese sich kurz vorm Zusammenbruch befinden? Was ist wichtiger: Geld zu verlieren, oder das Leben von hunderten indigenen Einwohnern zu ruinieren?“.

Die Ölverschmutzungen „sind der Beweis dafür, dass der Staat den unverantwortlichen Extraktivismus deckt – und dies sogar auf eine für die indigene Bevölkerung diskriminierende Art und Weise, da er ihr Recht auf Gewinnanteil durch die Nutzung ihres Landes nicht anerkennt“, fügt Carhuatocto hinzu.

Der Staat deckt Extraktivismus – Indigene haben den Schaden

Die erste Erdölbohrung im Amazonasgebiet befand sich in der Ortschaft Capirona im Flussgebiet des Corrientes, so erinnert es die indigene Führungsperson Henderson Rengifo Hualinga, Vorsitzender des Interethnischen Vereins der Entwicklung des Peruanischen Urwalds AIDESEP (Asociación Interétnica de Desarrollo de la Selva Peruana), der im besagten Flussgebiet geboren und aufgewachsen ist.

Im Gespräch mit Noticias Aliadas kommentiert Rengifo, das Erdöl sei für die indigenen Völker wie das Blut des Landes, das sie bewohnen. „Aber es repräsentiert auch die Erinnerung an viele negative Auswirkungen auf die Gesundheit für Mensch und Umwelt. Die gesamten Gewinne des Erdöls sind in die größeren Städte geflossen, die Gemeinden haben davon nie etwas gesehen“, betont Rengifo. „Es soll mir irgendjemand sagen, welche großen Vorteile die indigenen Gemeinden während dieser 40 Jahre langen Erdölförderungen genossen haben. Gar keine, das Erdöl ist kein Synonym für Entwicklung“.

Am 15. Dezember 2016, nach 117 Tagen des Protests erzielten die indigenen Gemeinden und die Regierung eine Vereinbarung über 19 Punkte. Sie beinhaltet die „Durchführung eines ganzheitlichen Entwicklungsplanes, der auf dem Respekt des Lebens der von Erdölförderungen betroffenen Völker basiert und die gemeinsame Suche (der Regierung, Unternehmen und indigenen Gemeinden) nach interkulturellen Dialogen für die Vermeidung von begangenen Fehlern innerhalb des Gebietes verfolgt“, erklärt Jorge Pérez, Präsident der Regionalen Organisation der Indigenen Völker des Ostens ORPIO (Organización Regional de los Pueblos Indígenas del Oriente).

Vorläufige Vereinbarung erzielt

Für Mitte Februar war die Vollendung der Ausarbeitung des ganzheitlichen Entwicklungsplans vorgesehen. Er wird von einem multidisziplinären Team aus 50 staatlichen Expert*innen aus Ministerien für Bildung, Entwicklung, Soziale Inklusion, Gesundheit, Wohnungsbau, Umwelt und Verteidigung in Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinden erstellt.

Rengifo versichert, dass „Dank des Widerstands der Indigenen (Perus) Änderungen in Umweltnormen erst möglich wurden. Man hat uns für Umweltschäden entschädigt; allerdings hatten die Gemeinden nicht wirklich einen Plan, wie es weiter geht und deswegen konnten wir nur spekulieren, wie die Behörden reagieren würden. Mit den Entschädigungen, die die Gemeinden vom Unternehmen bekamen, haben sie sich Schulen, Gesundheits- und sogar Sportzentren gebaut. Dies ist aber eigentlich nicht die Pflicht der Gemeinde, sondern des Staates“, sagt Rengifo.

Nach Angaben der indigenen Führungsperson wurden die zugesprochenen Geldmittel auch direkt für die Beschleunigung von Legalisierungsprozessen der Gemeinden verwendet (Anerkennung, Betitelung, Erweiterung), da die staatlichen Beamt*innen vorgaben, nicht über genügend Mittel für die Reise in die Gemeinden zur Fertigstellung ihrer Betitelungen zu verfügen.

Welche Alternative gibt es zum Erdöl?

Zur Frage nach einer Alternative zum Erdöl meint Rengifo, dass auf eine Erweiterung der Produktpalette gesetzt werden solle, die auch andere wirtschaftliche Einnahmen ermögliche, z.B. mit Bioprodukten, Tourismus, Fischerei und Agroforstwirtschaft: „Der Staat muss den Gemeinden garantieren, in diesen Bereichen für Hilfe zur Selbsthilfe zu sorgen“, erklärt er.

Auch wenn die Unterschrift der Vereinbarungen bejubelt wurde, wollen die indigenen Vertreter*innen sehr genau darauf achten, ob die Verträge von den Behörden auch eingehalten werden. Petroperú hat seinerseits einen Krisenplan erstellt, der die Beförderung von geschultem Personal vorsieht, das bei einem möglichen Ölunfall eingreifen und die Situation unter Kontrolle bringen kann.

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