Karibik

Emanzipationsbewegungen in der Karibik: Panafrikanismus, Garvey und die Négritude


von Jesús Chucho García

Aime Cesaire (2003) Foto: Jean Baptiste Devaux, CC BY SA 4.0, wikipedia(Quito, 20. Juli 2015, alai).- Der Karibische Raum spielte seit Zeiten der Eroberung und Kolonialisierung im politischen Weltgeschehen eine wesentliche Rolle. So begann dort der Prozess einer ersten perversen Globalisierung und auch die Unabhängigkeitsbewegungen des 19. Jahrhundert nahmen in der Karibik ihren Ausgangspunkt.

Panafrikanismus: Zwischen Afrika und afrikanischer Diaspora

Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Bewegung des Panafrikanismus und dessen Vordenker zum Vorschein, die zwischen Afrika und der afrikanischen Diaspora in der Karibik eine politische Verbindung herstellen würden: Silvester Williams und George Padmore. Silvester Williams, Anwalt von Beruf und geboren in Trinidad und Tobago, „hatte eng mit den Afrikanern in Großbritannien zusammen gearbeitet. Er wurde gewisser Weise zu einem rechtlichen Berater, wobei er sich auf landwirtschaftliche Probleme spezialisierte, die im Zuge der Niederlassung der Europäer in Afrika von enormer Bedeutung waren. Während der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 ergriff Silvester Williams die Initiative und hielt in der Westminster Hall in London eine Rede, die als Protest gegen den Landraub der Europäer in Afrika gerichtet war“.

Dieses Ereignis war eines der Ausgangspunkte der Entwicklung des Panafrikanismus, der später von dem US-Afroamerikaner W.E. Du Bois, dessen Familie aus Haiti stammte, fortgesetzt werden würde.

“Die Versöhnung der Schwarzen Nordamerikas mit ihren Wurzeln ist dem Werk von Du Bois zu verdanken. Tatsächlich war die Repatriierungsbewegung der Schwarzen der USA ins afrikanische Liberien vor allem eine Bewegung, die von Weißen vorangetrieben wurde, um die US-Afroamerikaner aus den Südstaaten, die sich nach Befreiung sehnten, aus dem Land zu bringen. Du Bois war damit allerdings nicht einverstanden, da stattdessen für die volle US-Staatsbürgerschaft gekämpft werden sollte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte zwischen Schwarzafrika und den USA keinerlei kultureller Austausch und selbst die führenden Persönlichkeiten unter den Afroamerikanern zeigten kein Interesse für Afrika.“

Marcus Garvey: Streben nach Vereinigung der schwarzen Völker

Marcus Garvey, der auf Jamaica geboren wurde, war eine weitere wichtige Führungsperson. Er trug dazu bei, eine radikale Verbindung zwischen Afrika und der Karibik herzustellen, die seiner Ansicht nach für die Entstehung des Panafrikanismus ebenso wichtig war. Garvey wurde zum Gründer der Universal Negro Improvement Association UNIA, deren Ziel es war, alle schwarzen Völker der Welt in einem großen Verband zu vereinen und ein völlig eigenes Land mit eigener Regierung zu gründen.“

Garvey zog in die USA und errichtete seine Basis in Harlem, New York. Sein Ziel war, dem Kolonialismus und Imperialismus, die noch immer die Völker Afrikas und die afrikanische Diaspora in der Karibik gedemütigt und versklavt hielten, mit globalen Antworten aus der Perspektive des Panafrikanismus zu begegnen. Daher gründete er die UNIA.

Négritude: Kampf um schwarze Selbstbestimmung

Mit Blick auf die Schaffung einer diskursiven, literarisch-philosophischen Strategie zur Stärkung der kulturellen Identität, erschienen León Gontran Damas (aus Französisch-Guyana), Aimé Césaire (aus Martinique) und Leopold Sedar Shengor (aus Senegal) auf der Bildfläche, um die Bewegung der Négritude zu gründen.

Aimé Césaire, einer der Väter der Négritude in den 1930er Jahren, betonte in einem Interview, „in Paris trafen etwa zwanzig Schwarze verschiedenster Herkunft aufeinander. Darunter waren Afrikaner, wie Senghor, Guayaner, Haitianer, Afro-Nordamerikaner, Antillaner. Das war ein sehr wichtiges Ereignis. Wir waren Schwarze aus allen Teilen der Welt. Wir trafen uns zum ersten Mal, lernten uns kennen. Das war von großer Bedeutung. Bis in meine Generation hinein verfolgten die Franzosen und Engländer eine hemmungslose Assimilationspolitik. Die Europäer missachteten Afrika völlig und in Frankreich betrachtete man einen Teil der Welt als zivilisiert und den anderen als barbarisch. Diese triebhafte Welt war Afrika und die zivilisierte Welt war Europa. Daher war das Beste was man für die Afrikaner tun konnte, sie zu zivilisieren. Das Ideal war, einen schwarzhäutigen Franzosen zu schaffen. Unser Kampf war ein Kampf gegen die Entfremdung. Auf diese Weise wurde Négritude geboren. Da die Antillaner sich dafür schämten Schwarze zu sein, suchten sie nach allen möglichen Umschreibungen von Schwarzsein. Man sprach von einem Schwarzen als einem Mann dunkler Hautfarbe und sagte andere Albernheiten. Wenn du mich fragst, was die Négritude für mich bedeutet, würde ich sagen, dass es bei der Négritude vor allem um eine konkrete – und keine abstrakte – Bewusstseinsbildung geht. Konkretes Bewusstwerden darüber was man ist, was vor allen Dingen heißt, dass man schwarz ist; dass wir Schwarze waren, dass wir eine Vergangenheit hatten und diese Vergangenheit kulturelle Elemente beinhaltete, die einmal gegolten haben.“

Zwischen globalen Machtinteressen: Die Karibik im 21. Jahrhundert

Diese Gegebenheiten der Vergangenheit haben heute Gültigkeit; die Realität des 21.Jahrhunderts] ist eine andere. Heute befindet sich die Karibik durch die Bildung einer multipolaren Welt inmitten eines strategischen Spiels der Machtpole auf globaler Ebene. Die Karibik muss in ihrer insularen und kontinentalen Komplexität begriffen werden, in ihrer Solidarität im Hinblick auf verschiedene Sprachen und Kulturen. Die genannten drei Bewegungen des 20. Jahrhunderts (Panafrikanismus, Garveys UNIA und die Négritude) spiegeln unsere heutige Realität nicht mehr wider. So auch nicht unsere Politik der Solidarität gegenüber der Karibik, die auf wenig Gegenseitigkeit beruht.

Es reicht nicht, eine Tonne Öl gegen einen Sack Reis zu tauschen. Es geht um viel mehr. Wenn nicht, soll Guayana [das sich mit Venezuela im Streit um die Hoheitsrechte über Rohstoffreserven im Atlantik befindet, Anm. der Red.] das Gegenteil beweisen.

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