Mexiko

Ein Oligopol: Kontrolle des Mais-Saatgutes


von Alejandro Espinosa Calderón*

(Mexico-Stadt, 29. Oktober 2014, la jornada).- In Mexiko sind Fehler begangen worden, die dazu geführt haben, dass das Land sich nicht mehr selbst ernähren kann. Einer davon ist die Strategie, wie die Produzent*innen mit Saatgut versorgt werden. Dies ist ein grundlegender Faktor, der die Maisproduktion einschränkt. Das im Kontext des 1961 verabschiedeten Gesetzes über Produktion, Vermarktung und Zertifizierung von Saatgut geschaffene parastaatliche Unternehmen Nationaler Saatguthersteller (Pronase) stellte 2000 seine Arbeit ein. Pronase lieferte öffentliches Saatgut zu erschwinglichen Preisen. Damit sorgte es für ein Gleichgewicht im nationalen Saatgutsystem. Aufgrund externen Drucks gab die Regierung Pronase auf. Das spiegelte sich im Bundesgesetz über Produktion, Zertifizierung und Handel von Saatgut von 2007 wieder. Dieses war ein Ausfluss der Lobby-Arbeit der multinationalen Konzerne.

Mit der Schließung von Pronase waren hunderte öffentlicher Zuchtsorten nicht mehr für die Produzenten verfügbar. Die öffentlichen Mais-Hybridsorten verschwanden praktisch von den besten Böden. So war der Weg frei für die multinationalen Unternehmen. Sie konnten ohne echte Konkurrenz arbeiten. Das mexikanische Saatgut-System wurden wie nie zuvor verzerrt. Die Multis verfügten über ein erdrückendes Oligopol auf dem Markt für das Saatgut von Hybridmais. Die Unterstützung für die öffentliche Forschung, die genetische Verbesserung und das Agrarmanagement für die Vermehrung von Mais-Saatgut wurde heruntergefahren.

Gene sollen patentiert werden

Die Saatgutzüchtung anderer Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Reis, Weizen, Hafer und die frei bestäubten Maissorten ist vom Saatgut-Oligopol ignoriert worden. Für sie besteht kein kommerzielles Interesse. Der Teil, der vom Regierungsapparat übrig geblieben ist, kümmert sich mehr schlecht als recht um diese Züchtungen. Das Angebot öffentlichen Saatgutes ist völlig eingebrochen. Beim Mais werden schätzungsweise 90 Prozent des Saatguthandels von Privatunternehmen abgewickelt, bei den übrigen 10 Prozent handelt es sich um öffentliche Sorten.

Die Reformen für den Landbau nehmen den Vorschlag wieder auf, das Bundesgesetz für Pflanzensorten (LFVV) zu modifizieren. Mexiko soll zudem nicht mehr unter die Bestimmungen des UPOV 78, des Übereinkommens des Internationalen Verbandes zum Schutz von Pflanzenzüchtungen, sondern des UPOV 91 fallen. Letzteres erlaubt Patente auf Hybride und Gene. Es verbietet die sogenannte wesentliche Ableitung von Sorten und kriminalisiert denjenigen, dessen Sorten geschützte Gene enthalten – selbst wenn es sich um traditionelle einheimische Maissorten handelt. Begründet wird dies mit dem notwendigen Schutz für Züchter*innen und Unternehmer*innen, die in Gemüse und Obst investieren. Der erste klammheimliche Versuch, Mexiko unter das UPOV 91 zu subsumieren, geschah 2012 im Senat und der Abgeordnetenkammer. Kontext ist die internationale Strategie der transnationalen Konzerne, die versuchen, in Mexiko die Aussaat von Genmais durchzusetzen.

Schwerwiegende Folgen befürchtet

Die Verabschiedung des LFVV und Genehmigungen für die kommerzielle Aussaat von Genmais im Land hätten schwerwiegende negative Wirkungen auf die nationale Saatgutindustrie. Innerhalb kurzer Frist würden die mittelständischen und kleinen Unternehmen verschwinden, die nicht transgenes Saatgut von öffentlichen Maiszüchtungen produzieren oder es vermarkten. Der Grund: Es wird unmöglich sein, beim Produktionsprozess ihres registrierten und zertifizierten Saatgutes die unerwünschte Kontaminierung der Erblinien zu verhindern. Denn das Saatgut wird an der freien Natur mit dem kommerziellen Saaten des Genmais zusammenleben müssen. Mit einem ganz auf die Interessen der Multis zugeschnittenen reformierten LFVV hätten alle öffentlichen Saatgutsorten, die mit patentierten Transgenen verunreinigt würden, den Patentbesitzer zum Eigentümer. Die Konzerne könnten das Eigentum an den kontaminierten Sorten als Träger ihrer Transgene reklamieren, Lizenzgebühren einfordern und die komplette Kontrolle über hunderte einheimischer Sorten übernehmen. Diese stellen das genetische Reservoir der weltweit wichtigsten Kulturpflanze dar. Die kleinen Saatgutunternehmen wären nicht wettbewerbsfähig. Sie hätten auch keinen Zugang zu Sorten, die frei von Transgenen wären und würden unweigerlich in den Bankrott getrieben.

Innerhalb kurzer Zeit würde der nicht-transgene Zuchtmais in Mexiko verschwinden. Die transgene Verunreinigung sowie ein „maßgeschneidertes“ Bundesgesetz für Pflanzensorten würden der Großindustrie auf dem Markt für Zuchtmais sowie auf dem Markt für einheimische Maissorten – mit einer Produktion von mehr als zweihunderttausend Tonnen Saatgut jährlich – noch mehr Macht geben. Das wäre die Grundlage für den größten jemals in der menschlichen Geschichte bezüglich des einheimischen Mais begangenen genetischen Raubes. Begangen an den 62 ethnischen Gruppen Mexikos. Keine andere Kultur weltweit hat solch eine grandiose Erfindung wie den Mais gemacht.

Chronik eines angekündigten Desasters

Die progressive und unumkehrbare Anhäufung von transgenem DNA in den traditionellen einheimischen Sorten wäre die Chronik eines angekündigten Desasters. Die genetische Biodiversität des einheimischen Mais und seiner wildwachsenden Verwandten sowie der öffentlichen Zuchtsorten würde reduziert. Das Vorrücken der Kontaminierung des einheimischen Mais und der Zuchtsorten hätten einen unkalkulierbaren Preis für das Land. Die technologische und ernährungsbezogene Abhängigkeit von den transnationalen Konzern wäre vollzogen.

Zur Transgenisierung des Mais gibt es eine Alternative, die die Selbstversorgung beim Mais trotz des Klimawandels wieder ermöglichen würde: Eine große Kampagne, die ein nationales Versorgungssystem mit öffentlichem Saatgut fördert. Sie könnte auf die einheimischen Sorten und die hervorragenden verfügbaren Zuchtsorten sowie die Technologie für Anbau und Saatgutnachzucht inländischer Institutionen zurückgreifen. Sie könnte die Fachberatung verstärken und das Wissen der mexikanischen Forscher*innen wertschätzen und nutzen. Die Regierung hat die Entscheidung in ihrer Hand. Welchen Interessen wird sie Vorrang einräumen: denen des Landes oder denen der multinationalen Konzerne?

*Dr. Alejandro Espinosa Calderón koordiniert das Programm Landwirtschaft und Ernährung der Vereinigung der Gesellschaftlich Engagierten Wissenschaftler*innen (UCCS). Er ist Mitglied der Mexikanischen Wissenschaftsakademie und Professor der Nationaluniversität UNAM.

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