Guatemala Lateinamerika

Ein anderes Amerika ist möglich


von Darius Ossami, Guatemala-Stadt

(Berlin, 13. Oktober 2008, poonal).- Mit einer Demonstration zur Plaza Central von Guatemala-Stadt ist das III. Amerikanische Sozialforum am Sonntag zu Ende gegangen. Nahezu unbemerkt von der guatemaltekischen Öffentlichkeit hatten zuvor vier Tage lang rund 6.000 Vertreter*innen sozialer Bewegungen auf dem Uni-Campus debattiert, sich ausgetauscht und vernetzt. Besonders präsent waren indigene Organisationen sowie Frauen- und Campesinoverbände aus Guatemala, aber auch aus fast allen anderen amerikanischen Staaten.

Zunächst war noch befürchtet worden, dass ein Event von dieser Größe zu einer Zerreißprobe zwischen den oft miteinander konkurrierenden sozialen Gruppen führen könnte. Die Organisierung war zunächst chaotisch, das Interesse seitens der guatemaltekischen Öffentlichkeit mangelhaft.

Doch möglicherweise war es gerade die fehlende öffentliche Aufmerksamkeit, die dazu führte, dass das Sozialforum basisnah und ergiebig war. Jedenfalls hatte es in den vorangegangenen Tagen zahllose spannende Veranstaltungen gegeben. Bauern erzählten bewegend, wie sie die Massaker in Guatemala Anfang der 1980er Jahre überlebten. Und Aktivist*innen versuchten, den Kampf gegen Bergbauprojekte in verschiedenen Ländern, den Kampf für die Gleichberechtigung der Frau und die indigene Kultur in eine neue politische und soziale Perspektive zusammenzufügen.

Heraus kam eine Abschlußerklärung, die von allem etwas enthält: Gegen Neoliberalismus, gegen Militarisierung, gegen den Raubbau an Bodenschätzen und die Zerstörung des Planeten, hin zu einer Anerkennung einer “plurinationalen” Gesellschaft und einer neuen politischen und sozialen Ordnung.

Gefordert wurde weiterhin das Recht der Frauen, über ihren eigenen Körper und ihre Sexualität zu entscheiden. Die Autonomie der Frauen sei entscheidend für die Konstruktion gleichberechtigter Beziehungen, die Grundlage für eine neue Linke der Amerikas sei. Ein anderes Amerika sei möglich und nötig.

Ausdrücklich begrüsst wurde die Verabschiedung der neuen Verfassung in Ecuador, sowie der Versuch Boliviens, die indigenen Völker zu gleichen Teilen am Wohlstand des Landes und an den politischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen. Auch die Solidarität mit dem venezolanischen Volk und der kubanischen Revolution durfte nicht fehlen. Nicht erwähnt wurde hingegen Nicaragua, denn die Bewertung der Lage dort war auf dem Forum sehr umstritten: Während vor allem Frauengruppen das strikte Abtreibungsverbot kritisieren und auf Korruption und Machtmissbrauch unter Präsident Ortega hinwiesen, forderten verschiedene soziale und gewerkschaftliche Organisationen in einem Flugblatt zur Solidarität mit “dem Volk und der Regierung Nicaraguas” auf. Kritiker*innen des “revolutionären Prozesses” seien “kleine rechtsextreme Gruppen”, so hiess es.

Das Verhältnis zu staatlichen Versuchen, soziale Bewegungen zu vereinnahmen, wurde kritisch gesehen. Immer wieder hiess es, man solle gegenüber solchen Versuchen wachsam sein und die sozialen Netzwerke weiterhin aufrecht erhalten. Dennoch war der heimliche Höhepunkt des Sozialforums der geplante Besuch des bolivianischen Präsidenten Evo Morales am 9. Oktober. Viele Indigene waren an dem Tag extra angereist, um Evo zu sehen. Dass der jedoch abgesagt hatte, stand bereits am Dienstag in der lokalen Tageszeitung Prensa Libre. Die hatte nur niemand gelesen.

Neben der teils chaotischen Organisation war also auch der Informationsfluss mangelhaft. Veranstaltungen wurden verlegt oder abgesagt, ohne dass es jemand mitbekam. Das Sozialforum war wie eine Insel, an der Presse, Politik und auch die restliche Bevölkerung wenig Interesse zeigten.

Doch unter anderem wegen der Abwesenheit von Präsident*innen und politischen Parteien überhaupt sei das Sozialforum basisnaher und ergebnisreicher gewesen, so Angela Isphording von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dennoch hält sie das Konzept des Sozialforums für überholt. Das Amerikanische Sozialforum in Guatemala sei eine gute Erfahrung gewesen, aber das Modell Sozialforum habe sich überlebt. Es sei zeitgemäßer, die Sozialforen eher dezentral zu organisieren. Ihr Fazit lautet, dass Amerikanische Sozialforum habe den sozialen Bewegungen in Guatemala genützt, jedoch keine politischen Impulse für das Land gegeben.

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