Argentinien

Drei Frauen wegen illegaler Abtreibung inhaftiert


von Agrupación de Mujeres Las Rojas

Logo der Abtreibungskampagne ACCION (Chile)(Berlin, 22. August 2014, otramerica).- Susana, María und Claudia sind in der argentinischen Stadt Jujuy verhaftet worden. Ihnen wird die Straftat der Tötung wegen illegaler Abtreibung zur Last gelegt. Susana litt an einer Blutinfektion, einer sogenannten ‚Sepsis‘, die sie sich aufgrund eines unsachgemäß durchgeführten Schwangerschaftsabbruchs zugezogen hatte. Als sie ein Krankenhaus aufsuchte, wurde sie von der behandelden Gynäkologin angezeigt, die die Polizei informierte und der Justiz Bericht erstattete.

Unmenschliche Haftbedingungen

Die Staatsanwältin Silvia del Valle Farral schaltete sich ein und entschied, eine Wache vor dem Krankenzimmer aufstellen zu lassen. Susana wird der Tatbestand des Mordes vorgeworfen; Maria und Claudia, die ihr geholfen haben, soll ein Prozess wegen vorsätzlicher Tötung gemacht werden.

Manuela Castañeira, Leiterin der Frauengruppe Las Rojas, berichtete, dass Susana, María und Claudia bereits zwei Monate im Gefängnis des Kommissariats 24 der argentinischen Stadt Ledesma unter unmenschlichen Bedingungen verbracht haben: ohne fließendes Wasser und Licht, ohne Kontakt zu Außenwelt und mit einer Matratze für drei Personen.

„Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit“… So lautet der Text auf einem Plakat an der Tür des Kommissariats 24 von Ledesma. „Hier wurden während der Zeit des Staatsterrorismus Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen“ ist die Überschrift des Textes, in dem die Vorkommnisse der ‚Nacht des Stromausfalls‘ (Noche del Apagón) beschrieben werden. Im Text wird weiter ausgeführt, dass das Kommissariat ein geheimes Gefangenenlager war, in dem in jenen schrecklichen Tagen hunderte Aktivist*innen festgehalten wurden.

Eine Zelle von zwei mal zwei Meter Größe

Flyer Protestaktion für die inhaftierten Frauen in Juyuy / mujerestrabajadoras.com.arIn diesem Kommissariat, in einer Zelle von zwei mal zwei Metern Größe, nur mit Licht, welches tagsüber vom Innenhof her hineindringt, ohne Tür, aber mit Gitterstäben, mit einer Matratze für eine Person und einigen Decken auf dem Boden – so sind die drei Frauen untergebracht.

Um auf die Toilette gehen zu dürfen, müssen sie schreiend auf sich aufmerksam machen und einmal in der Woche oder gar nur alle zehn Tage erhalten sie die Erlaubnis zu duschen. Unter diesen Bedingungen werden Susana Díaz, María Cuella und Claudia Guaraná seit fast zwei Monaten festgehalten.

Die drei waren zuvor in prekären Arbeitsverhältnissen bei der Gemeindeverwaltung von Calilegua beschäftigt. Morgens fegten sie die Straße – mit dem Versprechen auf einen unbefristeten Vertrag. Nachmittags hütete Susana Kinder. Sie war in der Gemeinde sehr beliebt, was sich auch darin äußerte, dass diese Unterschriften sammelte, damit Susana wieder im Kindergarten arbeiten dürfe, in dem die Kinder sie sehr liebgewonnen hatten.

Die Geschichte von Susana unterscheidet sich nicht wesentlich von der vieler, unzähliger Frauen, die ihre Kinder alleine erziehen, die der Schwarzarbeit nachgehen müssen oder unsichere Arbeitsverträge haben … Susana lebte mit einem gewalttätigen Mann zusammen, der die wenigen Sachen verkaufte, die sie mit viel Mühe erworben hatte; der sie vor den Augen ihres Kind schlug, der ihr permanent nachspionierte, der ihr das wenige Geld nahm, das sie verdiente, um damit wegzugehen und wiederzukommen, um sie abermals zu schlagen. Es war ihr bereits gelungen, sich zu trennen, als sie feststellte, dass sie schwanger war.

Prekäre Bedinungen für einen Schwangerschaftsabbruch

Susana überdachte unzählige Male alle Möglichkeiten. Mit einer mehr als unsicheren Tätigkeit, alleinerziehend, ohne eigene Wohnung, ohne Perspektive für das Kind. So entschloss sie sich zu einer Abtreibung. In Calilegue wird das Medikament Misoprostol (ein Medikament zu Weheneinleitung und zur Unterstützung eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs, Anm. d. Ü.) an jeder Ecke wie Aspirin verkauft. Es gibt Kliniken, die Abtreibungen vornehmen und von denen jeder weiß, wo sie sich befinden. Es gibt in den öffentlichen Krankenhäusern Ärztinnen mit Doppelmoral, die privat Abtreibungen vornehmen, sich aber lautstark gegen Schwangerschaftsabbrüche aussprechen.

Susana ließ eine Abtreibung vornehmen – der Art, wie sie mehr als 500.000 Frauen in Argentinien vornehmen lassen. Die der Grund dafür sind, dass hunderte von Frauen jedes Jahr aus Gründen gesundheitsgefährdender Bedingungen sterben. Susana unterzog sich dem Schwangerschaftsabbruch, aber die prekäre Durchführung führte zu einer Infektion. Die Hälfte der Placenta blieb in der Gebärmutter zurück – etwas, das bei einer natürlichen Geburt nicht passiert. Extreme Blässe und Blutungen brachten sie dazu, das Krankenhaus Oscar Frías in Ledesma aufzusuchen.

Dort führte die Ärztin María Marta Scaro die Behandlung durch, führte aber aber auch eine regelrehte Befragung durch. Die Ärztin log, als sie in der Krankenakte angab, dass Susana ein Kind geboren habe und benachrichtigte Fabián Chaile, den Chef der Kriminalpolizei der Stadt Libertador. Dieser beschuldigte Susana, das Kind verkauft zu haben. Chaile nahm Susana noch im Krankenhausbett fest. Danach verhaftete er María Cuella und Claudia Guaraná wegen vermeintlicher Komplizenschaft.

María wurde zuhause festgenommen, als sie gerade das kleinste ihrer vier Kinder stillte. Das Baby weinte bei dem Versprechen, dass seine Mama gehe, aber wiederkäme. María ist bis heute nicht wiedergekehrt. Sie wurde gezwungen, ohne Anwalt auszusagen. Auf die Anschuldigung hin, das Baby an Menschenhändler*innen verkauft zu haben, beschreibt sie, wo der Fötus begraben wurde.

Claudia suchte man bei der Arbeit auf. Bis heute ist sie nicht wieder nach Hause gekommen. Ihre Kinder werden von ihrer Familie versorgt. Claudia wurde von Chaile gegen eine Tisch gestoßen, bevor er sie zwang, das auszusagen, was er hören wollte, ohne Beisein eines Anwalts. Chaile benachrichtigte die Staatsanwältin von San Pedro, Silvia Del Valle Faral. Ohne die Frauen überhaupt zu befragen, leitete sie ein Verfahren ein – bei Susana wegen Mordes in zweifach qualifizierter Form und bei María und Claudia wegen Mordes in einfach qualifizierter Form.

Ein mit Gitterstäben gekröntes Jahrzehnt

Kampagne für das Recht auf Abtreibung in Peru / Foto: agencia púlsarDie ‚K‘-Geschichte (der Kirchnerismus, Anm. d. Ü.) umfasst viele Kapitel. Das abgedroschenste ist das der Präsidentin und der Frauen. Die Regierung eignete sich dabei die Kämpfe der Frauenbewegungen an, die durch die sozialen Bewegungen Ende der neunziger Jahre den Kampf für die Rechte der Frauen intensiviert hatten und durch Tausende berufstätiger Frauen ohne Arbeit gestärkt worden waren, die mit ihrer Stimme und ihrer Kraft bei den Protesten auf der Straße in den Mittelpunkt rückten. So erhielt die Frauenbewegung einen neuen Schub, um sich für ihre Rechte einzusetzen.

Die Regierung Kirchner tat so, als würde sie sich des Themas annehmen – wie in vielen anderen Fällen auch. Es gab zahlreiche Gesetze, aber keine konkreten Fortschritte. Die Zahl der Frauenmorde steigt weiter an, während die Mörder in Freiheit bleiben. Die Gewalt gegenüber Frauen wächst – aber es gibt weder Unterstützung noch Arbeit oder Wohnraum für die Frauen, die davon betroffen sind. Die Netzwerke des Frauenhandels funktionieren und bleiben straffrei. Entführte und zur Zwangsprostitution gezwungene Mädchen verschwinden. Abtreibungen müssen weiter heimlich durchgeführt werden – Frauen sterben.

Zehn Jahre der ‚K‘-Geschichte und zehn Jahre, während der ein wichtiger Teil der Frauenbewegung die Regierung hat gewähren lassen, hinterlassen ein niederschmetterndes Ergebnis: Nun können auch die Frauen wegen Mordes festgenommen werden. Zu den Todesdrohungen kommt nun die sichere Verurteilung zum Tode. Das ist die Botschaft an die Frauen, wenn die heimliche Abtreibung fehlschlägt … Wie viele Frauen werden jetzt ein Krankenhaus aufsuchen – selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist – wenn sie dabei Gefahr laufen, angezeigt zu werden?

Eine Kampagne für drei Frauen

Als die Frauengruppe Las Rojas durch die Medien erfuhr, dass die Frauen festgenommen worden waren, handelte sie sofort. Natürlich begegneten sie den von den Medien in Jujuy kolportierten Behauptungen mit Skepsis, die durchdrungen sind von Vorurteilen, Machismus und der Doppelmoral einer Provinz, in der heimliche Abtreibungen und der Verkauf von Babys ein sehr profitables Geschäft darstellen. Und obwohl dies vor aller Augen passiert, wird nicht darüber gesprochen. Und darum kümmert sich weder die Provinz- noch die nationale Regierung. Selbstverständlich sind diejenigen, die dafür zahlen, die armen Frauen.

Mit einer Escrache-Aktion, bei der verantwortliche Personen öffentlich geoutet werden, organisierten Las Rojas umgehend eine Protestkundgebung vor der Provinzverwaltung von Jujuy. Gemeinsam mit anderen Organisationen verschafften sie sich Gehör und forderten in einem Gespräch mit einer Beamtin der Verwaltung die sofortige Freilassung von Susana, María und Claudia.

Ende Juli reiste die Gruppe nach nach Libertador. Sie besuchten die Frauen und lernten ihre Familien kennen. Und sie gaben ein Versprechen ab: Dass sie mit all ihren Kräften für die Freiheit der drei Freundinnen kämpfen würden und für das Recht, immer und überall eine Schwangerschaftsunterbrechung vornehmen zu dürfen. Die gesamte Frauenbewegung müsse diese Kampagne aufnehmen. Denn wenn die drei Frauen von Calilegua verurteilt würden, so bedeutete das auch die Verurteilung der mittellosen Frauen. Eine Kampagne gegen die Tatsache, niemals über seinen eigenen Körper entscheiden zu dürfen, gegen die Bedrohung, im Falle einer heimlichen Abtreibung mit dem Tod bestraft zu werden und gegen die Drohung mit Gefängnis, sollte man ein öffentliches Krankenhaus betreten.

Auf internationaler Ebene hat die Kampagne sehr wichtige Unterstützung bekommen: durch ein Video, in dem Marianne Mollman (ehemals Sprecherin von Human Rights Watch und Mitglied des Instituts für weltweite Arbeit und Menschenrechte IGLHR (Institute for Global Labour and Human Rights) sowie Verónica Cruz von der Frauenrechtsorganisation Las Libres aus Mexiko sowie die Mitarbeiterin von Las Rojas, Manuela Castañeira, die Freilassung der drei Frauen fordern.

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