Paraguay

Die zwei Gesichter der Agro-Industrie


von Andrés Prieto

PARAGUAY

(Montevideo, 09. April 2014, la diaria).- Die paraguayische Wirtschaft wuchs im Jahr 2013 um 14,4 Prozent und setzte sich damit an die Spitze der lateinamerikanischen Länder. Damit wurden sowohl die Erwartungen der Regierung wie auch internationaler Institutionen übertroffen. Die explosionsartige Zunahme ist Ergebnis der Zusammenarbeit von lokalen Unternehmer*innen mit Investor*innen aus Brasilien und Argentinien. Doch laut Expert*innen fehlt der Wirtschaft die Basis dafür, um das Wachstum auf lange Sicht zu halten und es zudem auch noch gleichmäßig zu verteilen.

Viertgrößter Soja-Exporteur

Laut einem Bericht der Paraguayischen Zentralbank BCP ((Banco Central del Paraguay) kam die Dynamisierung vor allem aufgrund der guten Ergebnisse in der Landwirtschaft zustande, vor allem bei der Mais- und Sojaernte. Mittlerweile ist Paraguay laut Daten des US-Landwirtschaftsministeriums der viertgrößte Soja-Exporteur weltweit und bei den Produzent*innen an siebter Stelle, hinter Staaten bei denen es sich um völlig andere Dimensionen handelt, wie etwa die USA, Brasilien, China, Argentinien und Indien.

Doch es gibt noch weitere Faktoren, die das Wachstum des kleinsten Mercosur-Mitgliedsstaates beeinflussten. Darunter etwa das Bauwesen, das um 10,2 Prozent anwuchs. Der Dienstleistungssektor legte 9,5 Prozent zu. Hinzu kam laut nationalen Statistiken ein starkes Anwachsen bei Rindfleischexporten, die um 7,8 Prozent zunahmen.

Moderate Prognose

Dennoch, rechnet man die Landwirtschaft aus der Analyse heraus, dann ergibt sich ein wesentlich geringeres Wachstum: 7,7 Prozent. Angesichts des Gewichts, dass dieser Wirtschaftssektor besitzt und da für die Ernte 2013-2014 weniger günstige klimatische Verhältnisse erwartet werden, sind die Erwartungen für die paraguayische Wirtschaft daher wesentlich moderater und liegen bei 4,8 Prozent.

Laut eigenen Schätzungen der Paraguayischen Zentralbank BCP, kann mit dem aktuellen Investitionsniveau (das keine 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht) langfristig das Wachstum pro Kopf nicht mehr als ein Prozent erreichen. Das ist einträglich, aber ist es gesund?

Instabile Wirtschaft

Paraguay rappelt sich von ganz unten auf. Im Jahr 2012 war es das einzige lateinamerikanische Land, dessen Wirtschaft ein reales Wachstum von Minus 1,5 Prozent aufwies. Die politische Krise jenes Jahres und die niedrigen Investitionen in Infrastruktur und Maschinen machten die paraguayische Wirtschaft zu einer der instabilsten in der Region die zudem auch am wenigsten in der Lage war, Wachstum längerfristig zu sichern.

Laut Bericht der landesweiten Erhebung der BCP wuchs die Bildung von Bruttokapital auf noch nie da gewesene Weise im vergangenen Jahr: Die Schätzungen liegen bei 13,4 Prozent – wobei ein starker Rückgang von Minus 7,5 Prozent im Jahr 2012 den Ausgangspunkt bildeten.

Ein großer Teil dieser Investitionen erfolgt ist privat, kommt aus dem Ausland und gelangt, durch Impulse aus öffentlich-privater Zusammenarbeit, in den Bausektor. Die Investitionen gehen aber vor allem in der Landwirtschaft, wo die Steuern auf Gewinne aus der landwirtschaftlichen Ausbeutung extrem niedrig ausfallen.

Mechanisierung der Landwirtschaft

Die Einführung des Agro-Business durch „regionale“ Unternehmer*innen hat zu einer massiven Mechanisierung der Getreideproduktion, neuen Produktionsmethoden und großen Investitionen in die Logistik geführt. Aufgrund dessen haben die Exporte von landwirtschaftlichen Produkten im ersten Drittel dieses Jahres 17 Prozent mehr eingebracht, wie aus statistischen Daten der BCP hervorgeht. Demnach generieren die Exporte von Soja, Öl, Mehl, Getreide und Baumwolle 55 Prozent der Einkommen im Land.

Vor allem der Soja-Sektor (Bohnen und deren Beiprodukte) ist die Haupteinkommensquelle der Wirtschaft, die bis März 1,323 Milliarden US-Dollar generierte. Obwohl der nicht vorhandene Meereszugang für Paraguay eine Reihe von Problemen mit sich bringt (vgl. la diaria vom 3. April 2014), wurden zwischen Januar und März dieses Jahres 2,1 Mio. Tonnen Soja im Wert von 990,5 Mio. US-Dollar verschifft. Bereits jetzt sind es gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres 25 Prozent mehr an Einkommen, die das Land durch diese Ware erwirtschaftet.

Linke fordert mehr staatliche Umverteilung

Laut Presseberichten kann man sagen, dass ein einziger Produzent mit 2.000 Hektar bewirtschafteter Fläche, der alle notwendigen Steuern bezahlt, mit nur einer Ernte bis zu einer Million US-Dollar erwirtschaften kann. Diese Investition ins paraguayische Agro-Business ist gekommen um zu bleiben. Deshalb plädieren soziale und politisch linke Sektoren dafür, die mechanisierte Produktion nicht zu bekämpfen sondern zu schauen, wie der Staat neue Geldquellen abschöpfen könnte um mehr Ressourcen zu erhalten und diese wiederum progressiv verteilen könnte.

Denn damit könnten mehr soziale Gerechtigkeit und ein geschaffen und die Ungleichheiten verringert werden, die zu den höchsten in Lateinamerika gehören. Hinzu kommt noch, dass Paraguay die größte Landkonzentration auf dem Kontinent aufweist. Laut der Paraguayischen Statistikbehörde sind ein Prozent der Landeigentümer*innen im Besitz von 77 Prozent der produktiven Flächen – während 40 Prozent der Landwirt*innen gerade mal ein Prozent des Bodens besitzen.

Mechaniserung und Urbanisierung

Hinzu kommt, dass Agrarunternehmen in einem Land, in dem mehr als 40 Prozent der Bevölkerung in ländlichen Räumen lebt, die sozialen Probleme weiter verschärfen. Die Agro-Industrie benötigt nur sehr wenige Arbeitskräfte und weil sie riesige Flächen benötigt, vertreibt sie Arbeiter*innen des ländlichen Sektors. Diese Vertreibung hat bereits eine schnell zunehmende Urbanisierung bewirkt, und das innerhalb einer generellen Situation, die von prekärer Arbeit und niedrigen Einkommen geprägt ist.

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