Peru

Die unsichere Zukunft der Nichtregierungsorganisationen


von Wilfredo Ardito Vega*

Im Sommer streikten die Mitarbeiter*innen von Amnesty International in London für bessere Arbeitsrechte / www.sozialismus.info(Fortaleza, 06. November 2012, adital-poonal).- Vergangenen Juni protestierten verschiedene katalanische Nichtregierungsorganisationen (NRO) gegen die Mittelkürzungen für Hilfen an die Dritte Welt um 84 Prozent. Einige verzweifelte Mitarbeiter*innen von NROs besetzten die Gebäude der katalanischen Organisation für Internationale Zusammenarbeit, doch im Morgengrauen wurden sie von den Mossos d’Esquadra, den lokalen Polizeieinheiten Kataloniens geräumt.

Weniger Geld aus dem Norden

Dieser Vorfall spiegelt die weltweite Krise wieder, der die NROs ausgesetzt sind. In Peru haben sich diese Organisationen seit den 1970er Jahren stark entwickelt, um Problemen wie der ländlichen Armut und der Verteidigung der Menschenrechte beizukommen oder Frauen zu fördern. Die Löhne der Angestellten und die laufenden Kosten kann man dank der Unterstützung von Kirchen und Regierungen der entwickelten Nationen oder Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bezahlen (Oxfam, Entrepueblos, Ibis).

In den letzten Jahren ging die Finanzierung angesichts der Krise der Länder in der nördlichen Hemisphäre und der wachsenden Zahl konservativer Regierungen in Europa merklich zurück. Gleichzeitig werden Peru und die anderen Staaten Lateinamerikas nicht mehr als prioritär für internationale Hilfen angesehen weil man davon ausgeht, dass sie über genügend Ressourcen verfügen, um ihre sozialen Probleme zu lösen.

Obwohl einige NROs auch schon vor Jahren Finanzierungsprobleme hatten, ist dies gegenwärtig eine sich verallgemeinernde Situation, aufgrund derer einige Organisationen sich gezwungen sehen, ihre Angestellten auf halbe Stellen oder 75 Prozent-Stellen zu setzen.

„Mehr für Weniger“

„Hier verfährt man nach dem Motto „Mehr für Weniger”, frotzelt ein Freund über die Werbung zu einigen Angeboten: Wir arbeiten mehr und man zahlt uns weniger.“ Eine Anwältin erklärt mir das so:„Wir können keine Arbeitsplatzgarantie haben, denn wir wissen nie, ob unsere Projekte erneut angenommen werden. Wir arbeiten hier alle auf Honorarbasis.“ Aus buchhalterischer Perspektive ist das verständlich, doch einige NROs verletzen dadurch schlussendlich eine Reihe von Arbeitsrechten.

„Ich kann das Problem nachvollziehen und akzeptiere deshalb, dass ich nur Honorarverträge unterschreibe“, sagte mir eine Sozialarbeiterin. Monate später, als sie nach zehn Jahren Arbeit in einer Nichtregierungsorganisation entlassen worden war, hatte sie große Sorgen keine Entschädigung zu erhalten, keine Abfindung, keinen bezahlten Urlaub.

Diese Situation beeinträchtigt auch die institutionelle Bindung der jüngsten Mitarbeiter*innen, die obendrein das Gefühl haben, dass ihre Zeit in der NRO sehr kurz sein wird. „Ich weiß, dass ich hier mit dem Kopf an eine Decke stoße, über die ich nie hinauskommen werde“, sagt mir etwa ein Praktikant, der bereits seine Kündigung eingereicht hat.

Loyalität statt Effizienz

Die Mittelkürzung zeigt sich auch im Verlust der öffentlichen Wahrnehmung, da gedruckte Medien wie Zeitschriften oder Newsletter verschwinden und NRO in den Massenmedien keine Rolle mehr spielen. Sich in Facebook oder Twitter zu bewegen, ist kostengünstiger… aber normalerweise kommt man dort über den kleinen Kreis nicht hinaus und erreicht niemals ein Massenpublikum.

Angesichts dieses Panoramas bleiben nur noch die größten Idealist*innen, die Lohnkürzungen und größere Prekarität akzeptieren… Doch es bleiben auch einige mittelmäßige Angestellte: das Loyalität mehr zählt als Effizienz, erweist sich für viele NROs als Falle. „Ich ziehe es vor, dass jene Mitarbeiter bleiben, die am schwierigsten eine neue Arbeit finden würden“, sagte mir beispielsweise die Leiterin einer Institution.

Alle anderen versuchen, in der Wissenschaft unterzukommen oder als Berater*innen tätig zu werden. Doch immer häufiger fällt die Wahl auch auf private Unternehmen, die sich früher heftigst gegen eine Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft gewehrt hatten, die jedoch mittlerweile interessante Programme zu sozialer Unternehmensverantwortung (Jobs in ländlichen Gegenden, Bildungsangebote in Quechua, Teilhabe der Bevölkerung) anbieten. Während der letzten Jahre haben sich zudem einige Bekannte dafür entschieden, in Bergbauunternehmen tätig zu werden.

Abwanderung in Wirtschaft und Wissenschaft

Viele Personen migrieren zudem in jene staatlichen Sektoren, wo der Wille erwartet wird, die Förderung der Mehrheiten als Anliegen anzusehen. Manchmal bedeutet dies auch, zu lernen, persönliche Positionen zu bestimmten Themen außen vor zu lassen. Denn sonst könnten sie von den konservativen Kommunikationsmedien als „Rote“ verschrien werden.

Bereits zu Zeiten von Fujimori gab es eine erste Migrationsbewegung in Richtung Staat, als die Ombudsstelle (Defensoría del Pueblo) viele wertvolle NRO-Mitarbeiter*innen in sich aufnahm. Obwohl sich dies ändern könnte: „Wenn Walter Gutiérrez zum Leiter der Ombudsstelle ernannt wird, werden viele, der Sache verpflichtete Menschen die Tätigkeit in den Ombudsstellen aufgeben“, prophezeite ein Freund. Seltsamerweise denken – wie als Zeichen einer neuen Zeit – andere Mitarbeiter*innen von NROs genau das Gegenteil und geben sich sehr entschlossen, mit Gutiérrez arbeiten zu wollen.

Die Alternative, NROs lokal zu finanzieren, ist sehr schwierig. In unserem Land wird Solidarität noch immer als gelegentlicher Gefälligkeitsdienst angesehen. Viele Menschen würden es vorziehen, direkt einem Kind etwas zu spenden, das eine Operation benötigt, als einem Anwalt oder einer AgrarwissenschaftlerIn.

Wie zu Beginn bereits gesagt, hat diese Krise weltweite Ausmaße: In diesem Jahr haben die Angestellten von Amnesty International in London drei Tage lang für ihre Arbeitsrechte gestreikt.

“Ich gebe den NRO noch fünf Jahre”, sagt mir ein Anwalt, der seit den 1970er Jahren in NROs gearbeitet hat. In den kommenden Jahren werden wir sehen, ob sich seine Voraussage bewahrheitet.

* Der Autor ist Universitätsdozent und Menschenrechtsaktivist, er hat einen Master in Internationalem Recht und ist Doktor der Rechtswissenschaften

 

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