Guatemala

Die Opfer aus der Anonymität herausholen


von Danilo Valladares (IPS)

(Montevideo, 11. Januar 2010, comcosur).- Von 1960 bis 1996 wurde Guatemala von einem Bürgerkrieg zermürbt. Nun will eine NGO die Identität Tausender Opfer klären, die während des Krieges verschwanden oder ermordet wurden. Ihre sterblichen Überreste sollen untersucht und ihre Identität durch Vergleiche mit der DNA von Angehörigen der Opfer bestimmt werden. Nach Angaben der Wahrheitskommission CEH (Comisión para el Esclarecimiento Histórico) forderte der bewaffnete Konflikt zwischen dem guatemaltekischen Militär und der linksgerichteten Guerilla etwa 150.000 Todesopfer. Weitere 45.000 Menschen verschwanden spurlos.

Mit ihrer Kampagne „Mein Name ist nicht xx“ will die regierungsunabhängige Stiftung für forensische Anthropologie in Guatemala FAFG (Fundación de Antropología Forense de Guatemala) die Angehörigen dieser Verschwundenen motivieren, DNA-Proben abzugeben, damit diese mit den von öffentlichen Friedhöfen stammenden oder in versteckten Gräbern geborgenen Knochenresten verglichen werden können. „Mein Name ist nicht xx. Durch eine DNA-Probe meiner Angehörigen kann meine Identität festgestellt werden. Bitte rufen Sie die Nummer 1598 an.“ So lautet ein Aushang in einem der Linienbusse, die in der Hauptstadt Guatemalas verkehren. Im November vergangenen Jahres war die NGO mit diesem Aufruf an die Öffentlichkeit gegangen.

Während des 36 Jahre andauernden Bürgerkriegs wurden Tausende von Menschen auf Friedhöfen namenlos begraben und in geheimen Massengräbern und Kasernen verscharrt, größtenteils von Angehörigen des Militärs. Den Angaben von Menschenrechtsorganisationen zufolge weiß man nichts über den Verbleib dieser Menschen, und auch die Identität der Toten bleibt größtenteils ungeklärt. „Mein Bruder Rubén Amílcar Farfán wurde am 15. Mai 1984 gewaltsam verschleppt. Er war damals 38 Jahre alt. Seitdem versuchen wir herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Wir haben an verschiedene Türen geklopft, aber unser Bitten und Flehen hat auf die Behörden keinen sonderlichen Eindruck gemacht. Sie haben uns nicht gesagt, was mit ihm passiert ist“, so Aura Elena Farfán, Vorsitzende der NGO Famdegua – Vereinigung der Angehörigen von Verschwundenen (Asociación de Familiares de Detenidos Desaparecidos de Guatemala) gegenüber IPS. „Unsere Angehörigen wurden verschleppt oder ermordet und irgendwo verscharrt. Sie sind Menschen, und sie verdienen es nicht, einfach als ‚xx – Identität unbekannt‘ zu verbleiben“. Gemeinsam mit ihrer Mutter und einem Bruder hat die Aktivistin nun ihre DNA-Probe bei der FAFG abgegeben, damit die Suche nach Rubén weitergehen kann.

Jorge Molina, Koordinator der Kampagne, erklärte gegenüber IPS, das vorrangige Ziel sei es, den Opfern ihre Würde zurückzugeben und durch die Ermittlung ihrer Identität den Angehörigen die Möglichkeit zu bieten, ihre Toten gemäß ihres Glaubens zu bestatten. Man habe bei der Bestimmung der Identität auf den DNA-Vergleich zurückgegriffen, da es sich oft als aussichtslos erwiesen habe, ausschließlich mit Fingerabdrücken, Zahnbefunden, dem Knochenbefund zu arbeiten oder die Identifizierung der Opfer gar anhand ihrer Bekleidung vorzunehmen. Vielen Opfern habe man einfach etwas anderes angezogen, oder sie wurden an andere Orte verbracht, so dass es unmöglich war, sie anhand des archäologischen Befunds zu identifizieren, so Molina.

Bisher haben etwa 2.000 Personen eine DNA-Probe eingereicht. Mindestens 12 Personen konnten durch den DNA-Vergleich identifiziert werden, und man hofft, dass künftig weitere Erfolge erzielt werden können. Wie Molina erklärte, sollen diesen Monat die Gruften des in der Hauptstadt gelegenen Friedhofs La Verbena untersucht werden. Hier befinden sich über 3.000 als xx-unbekannt gekennzeichnete Gräber. „Wir vermuten, dass in 889 dieser Gräber Menschen liegen, die zwischen 1979 und 1983 verschwunden sind“.

Die Identifizierung von Kindern stellt einen besonderen Fall dar. Denn die meisten Kinder wurden lebend gefunden, erklärte Evelyn Blanco, Leiterin des Internationalen Forschungszentrums für Menschenrechte (Centro Internacional para Investigaciones en Derechos Humanos) gegenüber IPS. „Wir haben 450 Fälle von Kindern untersucht, die im Zuge des bewaffneten Konflikts verschwunden waren, und bei den meisten konnten ihre Familien wieder gefunden werden.“ Die Wahrheitskommission CEH geht davon aus, dass während des Bürgerkriegs insgesamt etwa 5.000 Kinder verschwunden sind.

Die von der Stiftung für forensische Anthropologie geführte und von der EU unterstützte Kampagne leiste einen wichtigen Beitrag zur Auffindung der Opfer des Bürgerkriegs, so Blanco. Derzeit arbeite man daran, die Familien von sechs guatemaltekischen Kindern ausfindig zu machen, die Opfer des Bürgerkriegs wurden und nun in Italien und der Schweiz leben. Im Augenblick würden die entsprechenden Schritte eingeleitet, um eine DNA-Probe der sechs Kinder zu erhalten. „Insgesamt haben wir über 60 Kinder in Europa ausfindig gemacht“, erklärte Blanco. Um die Angehörigen der Verschwundenen umfassend betreuen zu können, setzen sich Menschenrechtsgruppen für die Verabschiedung eines Gesetzes ein, das die Bildung einer Nationalen Kommission zum Auffinden Verschwundener vorsieht. Diese soll 15 Jahre lang tätig sein und über ein eigenes Budget verfügen. Bei der Identifizierung der als verschwunden gemeldeten Personen soll ihr eine eigene Datenbank zur Verfügung stehen. Der Gesetzesentwurf wurde dem Parlament jedoch bereits im Jahr 2006 vorgelegt und wartet seither auf seine Verabschiedung.

„Für den Kampf um die Wahrheit ist es sehr wichtig, dass alle Menschen, die ermordet wurden, ein würdiges Begräbnis erhalten. Bisher bleibt die Identität der meisten Opfer jedoch weiterhin ungeklärt“, so Rosalina Tuyuc von der Koordinationsstelle der guatemaltekischen Witwen CONAVIGUA. Die Angehörige der Ethnie der Cakchiquel erklärte, seit 1990 seien 40 Prozent aller exhumierten Personen anonym wieder bestattet worden. „Leider hat das Nationale Entschädigungsprogramm keine Gelder für die Identifizierung aller Ermordeten zur Verfügung gestellt“, so Tuyuc weiter.

Das Entschädigungsprogramm wurde im April 2003 mit einem Jahresbudget von 35 Millionen US-Dollar ins Leben gerufen. Durch ein Zusammenwirken von Politik, Projekten und Aktionen sollten die Menschen entschädigt und unterstützt werden, die am meisten unter dem bewaffneten Konflikt gelitten hatten. Um die Würde der Opfer wieder herzustellen, reiche es jedoch nicht aus, sie zu identifizieren, so Tuyuc. Das gelinge nur, wenn ihnen Gerechtigkeit widerfahre. „Damit die Geschichte sich nicht wiederholt, muss ein Präzedenzfall geschaffen werden, und zwar im Hinblick auf das Verschwindenlassen von Menschen und im Hinblick auf die Massaker und den Genozid, damit nicht nur die physischen Akteure, sondern auch die geistigen Urheber der Verbrechen bestraft werden können.“

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