Chile Ecuador
Fokus: Menschenrechte 2016

Die Natur ist nicht stumm


Von Nils Brock

Erdölförderung in Ecuador. Mit verheerenden Folgen für die Natur. Foto: Pororoca red.

(Santiago de Chile,  25. Dezember 2016, npl).- „5. Juni. Die Natur ist nicht stumm. Die Wirklichkeit malt naturalezas muertas, Stillleben. Katastrophen werden Naturkatastrophen genannt, ganz so als ob die Natur der Henker und nicht das Opfer wäre.“ So beginnt eine Kalendergeschichte, die der uruguayische Autor Eduardo Galeano dem Weltumwelttag widmete. Dieser sei zugleich „ein guter Tag, die neue Verfassung eines Landes namens Ecuador zu feiern, das im Jahr 2008 zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Natur als Quell und Träger besonderer Rechte anerkannte.“

Drei Jahre ist das nun her. Damals herrschte Aufbruchsstimmung in Ecuador. Die auf hunderte Millionen Barrel geschätzten Ölvorkommen verhießen dem Land eine goldene Zukunft. Und der von Präsident Rafael Correa propagierte Sozialismus des 21. Jahrhunderts versprach alle daran zu beteiligen. Auch die Zeiten, in denen der ecuadorianische Regenwald als Selbstbedienungsladen fungierte, schienen vorbei. Denn seit 2008 gibt es in Ecuador eine neue Verfassung. Und diese gesteht der Natur besondere Rechte zu. Soll heißen: ihre Unversehrtheit wird zur Norm, der Abbau natürlicher Ressourcen zum Ausnahmefall.

Fürsprache für die Natur

Eine ungewöhnliche Idee. Hervorgegangen war sie aus den Forderungen eines breiten Bündnisses aus indigenen Gruppen, linken Politker*innen und Intellektuellen. Was folgte, waren hitzige Debatten. „Für einige Juristen war es inakzeptabel, dass Tiere und Pflanzen nun Recht hatten. Einige Anwälte moserten, bald werde es wohl auch für Papageien Kommissariate geben“, erinnert sich der damalige Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung, Alberto Acosta. Und in dieser Funktion musste er den Kritiker*innen „dann erklären, dass es ja auch bei den Menschen ein Prinzip der Fürsprache gibt, jemanden, der ihre Rechte verteidigt.“

Alberto Acosta / Foto: pororoca.red

Alberto Acosta ist kein typischer Öko, er war für ein paar Monate sogar Energieminister Ecuadors. Zeit genug, sich für die Folgen der Erdölgewinnung im Amazonas zu sensibilisieren. In seinem Buch über das Buen Vivir, das Gute Leben, vertiefte er die Idee eines nachhaltigen Wirtschaftens im Einklang mit der Natur. Heute lehrt Acosta Ökonomie an der FLACSO-Universität in Quito. Seine Entwicklungsstrategie für Ecuador heißt Post-Extraktivismus. Soll heißen: Ecuador müsse sich Gedanken über den Ausstieg aus der Ölförderung machen, anstatt ständig die Produktion zu erhöhen.

„Dass auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen ein unendliches Wachstum möglich ist, daran glauben nur Verrückte oder Ökonomen“, meint Acosta. Denn wie könne die Wirtschaft angesichts natürlicher Grenzen ständig weiter wachsen? „Wir setzen dabei nicht nur die Natur aufs Spiel, sondern die Existenz der gesamten Menschheit“, warnt er und fordert: „Wir müssen mit dieser ökonomischen Gewissheit vom ewigen Wachstum aufräumen und klar machen, dass rücksichtsloser Rohstoffabbau und Konsumorientierung zerstörerisch sind.“

Chilenische Kupferberge

Julian Alcayaga hat den Namen Acostas nie gehört. Auch dessen Konzepte wie Gutes Leben und Post-Extraktivismus sind dem 71-jährigen Wirtschaftsberater aus Santiago de Chile fremd. Zwar gibt es in Chile kein Öl, dafür jedoch Kupfer und zwar satt. 40 Prozent aller weltweiten Reserven sollen in dem schmalen Land zwischen Pazifik und Anden unter der Erde lagern. Eigentlich eine bequeme Monopolstellung, um im Rahmen eines nationalen Entwicklungsplans Kupfer abzubauen und die Staatskasse zu stärken. „Doch das ist leider reines Wunschdenken“, sagt Alcayaga, denn „die chilenische Politik hat seit Beginn der 1990er Jahre vor allem den Export von Kupfererz gesteigert, ohne jede Veredelung.“ Das erzeuge keinerlei Mehrwert und trage nicht nur Entwicklung des Landes bei, da die Unternehmen kaum Royalties zahlen. „Zudem sind kleinere chilenische Bergbaugesellschaften verdrängt worden, die einstmals wichtigsten Arbeitgeber in der Kupferindustrie“, beschreibt Alcyaga die Demontage von Gießereien und Fabriken, kurzum „der nationalen Kupferindustrie.“

Julian Alcayaga / Foto: pororoca.red

Der Kupferabbau als Motor nationaler Entwicklung – geblieben ist in Chile davon nur der Mythos. Die Realität sieht so aus: Die chilenische Überproduktion drückt permanent auf den Weltmarktpreis. Das nützt transnationalen Unternehmen und nicht den Volkswirtschaften. Wie herauskommen aus dieser Dynamik? Vielleicht mit einer Verfassungsreform wie in Ecuador? Doch auch hier läuft nicht alles reibungslos und die in der Verfassung festgeschriebenen Rechte der Natur geraten oft ins Hintertreffen. Denn in China aufgenommene Milliardenkredite müssen zurückgezahlt werden. So überrascht es nicht, dass die strategische Partnerschaft mit dem Reich der Mitte eine nochmalige Steigerung der Ölexporte vorsieht.

Dem Bergbau geht der Strom aus

Auch in Chile würden transnationale Unternehmen nur zu gern mehr Kupfer abbauen. Doch dazu fehlt es den Bergwerken an Energie. Der Bau dafür vorgesehener Wasserkraftwerke ist ins Stocken geraten, seit sich dagegen auf der Straße dagegen Protest organisiert. „In einem trockenen Land wie Chile die Wasserwege anzuzapfen, führt schnell zu einen gesellschaftlichen Aufschrei“, erklärt sich Alcayaga das Aufbegehren. Dass sich der Zorn auch gegen die Kupferminen richte liege daran, dass sie viel Wasser verbrauchen und die Umwelt belasten. Deshalb sieht er das Engagement sozialer Organisationen und Bewegungen sehr positiv: „Sie haben einige Wasserkraftprojekte gestoppt die allein dem Bergbau genutzt hätten.“

Ob Alcayaga auf seine alten Tage doch noch ein Grüner wird? Eher nicht. Denn politisch interessiert sich der einstige Grubenkumpel und heutige Wirtschaftsberater in erster Linie für eine gerechte gesellschaftliche Nutzung der Kupfereinkünfte und nur am Rande für Mutter Natur. Acosta dagegen will beides in Einklang bringen. Gutes Leben und Rechte für die Natur sind für ihn weiterhin die Schlüsselbegriffe einer nachhaltigen Wirtschaft. Trotz aller Rückschläge in Ecuador bleibt er optimistisch. Es gäbe überall auf der Welt interessante Praktiken: „Wir müssen diese unterschiedlichen Prozesse nur miteinander verbinden: im Andenraum, im Amazonas, in Afrika, in Indien und an vielen anderen Orten. Wir dürfen uns nicht mit den Erfolgen im Kleinen zufrieden zu geben. Unsere große Aufgabe ist es, die Welt zu verändern.“

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