Lateinamerika

Die lateinamerikanische Drogenepidemie


von Rafael Contreras *

(La Paz, 01. November 2009, bolpress).- In der lateinamerikanischen Umgangssprache bezeichnet man Drogenkonsument*innen als „die Harten“ (los duros). Ihre Abhängigkeit lässt sich an einem hohen Vergiftungsgrad ihres Bluts durch den Konsum von Kokain, Heroin, Marihuana und Ecstasy festmachen.

Das Phänomen, von dem man bis vor Kurzem noch dachte, es existiere lediglich in lateinamerikanischen Großstädten wie Bogotá, Mexiko–Stadt, Buenos Aires, Quito, Lima, Sao Paulo oder Rio de Janeiro, scheint auch in die kleineren Orte auf der lateinamerikanischen Landkarte Einzug gehalten zu haben.

Einige Expert*innen zögern nicht, die Situation als eine wahrhaftige Epidemie zu bezeichnen. Das trifft besinders auf die Elendsviertel zu, wo die Leute wenig verdienen, sei es in Peru, Costa Rica, Guatemala oder anderen Regionen. Es scheint paradox, dass ausgerechnet jenes Drittel der Lateinamerikaner*innen, das laut der offiziellen Statistiken unterhalb der Armutsgrenze lebt, potentielle Kandidat*innen für die Drogenepidemie sein sollen.

Die Cocapaste ist chemisch gesehen die freie Base aus Kokain–Sulfat und eigentlich das Produkt eines Zwischenschrittes vom Coca–Blatt, das für Tee verwendet wird, auf dem Weg zum Chlorhydrat des Kokains. Dieses Zwischenprodukt ist sogar billiger als Marihuana – allerdings um ein Vielfaches giftiger. Die Droge hat nach Schätzungen der Lateinamerikanischen Vereinigung der Sachverständigen gegen den Drogenkonsum (Asociación Latinoamericana de Profesionales contra la Droga) verheerende Auswirkungen in der Bevölkerung in der Altersgruppe der zwölf bis 35–Jährigen.

Die schnelle Ausbreitung des Konsums erkläre sich zum einen durch den scheinbar günstigen Preis und zum anderen dadurch, dass Menschen von der Droge sehr schnell abhängig würden, hob die Vereinigung in einem Bericht mit dem Titel „Die Drogenabhängigen der Straße“ hervor.

Die chilenische Psychologin Lilian Rojas Orellana, die sich auf die Arbeit mit Drogensüchtigen spezialisiert hat, bestätigte gegenüber der Agentur Prensa Latina, dass im Falle anderer Rauschmittel eine regelmäßige Einnahme über einen bestimmten Zeitraum erforderlich sei, um überhaupt abhängig zu werden. „Nimmst du hingegen viermal Kokainpaste, steckst du schon im Sumpf der Drogenabhängigkeit fest.“ Die geringen Kosten sind jedoch Illusion. Eine „Kippe“ bekommt man in den Armenvierteln von Santiago de Chile, Bogotá, Lima oder Mexiko–Stadt bereits für wenige Dollar.

Die Wirkung stellt sich sofort ein und ist sehr intensiv, gleich einer intravenösen Injektion von Kokain. Allerdings hält sie nicht lange an, so dass die Abhängigen danach in schreckliche Depressionszustände rutschen, die sie wiederum nur mit einer erneuten Dosis lindern können.

Drogenkranke berichteten im Entzug vom Horror ihres Lebens seit dem Moment, in dem ihnen irgendein Bekannter, fast wie bei einem Spiel, das erste Mal eine Kippe zum Probieren angeboten hatte, damit er die Wirkung der Kokainpaste ausprobieren möge „Ich gab täglich zwischen 15 und 20 Dollar dafür aus“, habe ein Drogenabhängiger der Psychologin Rojas Orellana berichtet. Ein anderer Patient habe der Expertin erklärt, in kürzester Zeit hätten seien seine Ausgaben ins Astronomische gestiegen: „Einmal ging es so weit, dass ich 45 Dollar an nur einem Wochenende dafür ausgab“, zitiert die Psychologin Aussagen ihrer Klienten.

Wie können Arbeiter*innen oder Student*innen, die nur über sehr geringe finanzielle Mittel verfügen an die entsprechenden Beträge kommen, um ihre Drogensucht zu befriedigen – wenn man bedenkt, dass beispielsweise in Ecuador das Mindesteinkommen derzeit nur 140 Dollar im Monat beträgt?

Die Antwort auf diese Frage liegt nicht immer im Diebstahl. Von den Expert*innen wird stattdessen der Drogenhandel genannt. Die Expansion des Drogenhandels wird durch die speziellen Eigenschaften der Kokainpaste gesichert: einer Person wird ein „chicharrón“ (wörtlich: kleines Stückchen geröstete Schweineschwarte) geschenkt, wie die Minimaldosis in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern bezeichnet wird – sobald die Person einmal „am Haken hängt“, wird sie ein sicherer Klient oder eine sichere Klientin sein, ohne dass für die Händler*innen die Notwendigkeit bestünde, große Summen in die „Werbung“ zu investieren. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen– und Verbrechensbekämpfung ONUDD (Oficina de Naciones Unidas para la Droga y el Delito) erklärte dazu jüngst: Auch wenn es unglaublich erscheine: Die Rauschgiftsucht brauche nicht viel Propaganda, um ihre künftigen Opfer zu erreichen. Der Handel mit illegalen Drogen ist nach dem Waffenhandel das rentabelste illegale Geschäft weltweit. Das Geld aus diesen Geschäften wird auch in marode Firmen investiert, die sich mit diesem Geld gesundstoßen. Antonio Maria Costa, Direktor der ONUDD unterstrich, dass angesichts einer Krise des Finanzmarktes der Drogenhandel einige Banken vor dem Zusammenbruch rette, indem er für frisches Kapital und Liquidität sorge.

Nach Ansicht von Giorgio Giacomelli, dem Direktor des Programms der Vereinten Nationen zur Drogenbekämpfung PNUFID (Programa de las Naciones Unidas para la Fiscalización de las Drogas), ist der Drogenhandel sogar das weltweit lukrativste aller illegalen Geschäfte.

Trotzdem ist nicht die Position in einer Rangliste der Gewaltverbrechen entscheidend, sondern vielmehr andere Zahlen: Wenn man Drogenhandel unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität ansieht und die Traumata außer acht lässt, die er im Leben der Menschen verursacht, wird mit diesem Geschäft jährlich ein Gewinn von etwa 500 Mrd. US–Dollar erwirtschaftet. Die UNO stellt in diesem Zusammenhang fest, dass der Drogenhandel wegen der immensen Mittel, die den Akteuren zur Verfügung stehen und aufgrund derer Einfluss auf die Politik genommen werden könne, in den letzten Jahren zu einem enormen und sehr ernst zu nehmenden Problem geworden sei.

* Rafael Contreras ist Leiter der Wirtschaftsredaktion der kubanischen Agentur Prensa Latina

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