Guatemala

Die kleine „School of the Americas“


von Dawn Paley*

Exhumacion Coban. Foto: James Rodriguez/mimundo.org(Quito, 04. Dezember 2012, alai).- Die sterblichen Überreste von circa 400 Menschen haben forensische Anthropologen (Gerichtsanthropologen, Anm. d. Ü.) seit dem Februar auf dem Gelände einer Militärbasis in Cobán, Guatemala, zutage gefördert. Schnell wurde klar, dass es sich um eines der größten geheimen Massengräber des Landes handelt. Während des bewaffneten Konflikts, der das Land 36 Jahre lang bis hin zum Völkermord verwüstet hat, diente die Basis in Cobán als strategisches Zentrum zur Koordinierung der militärischen Operationen.

Aber das Besondere an diesem Fall ist, dass die Militärbasis bis heute aktiv ist: Militärs und Polizeikräfte aus dem Ausland besuchen die Basis regelmäßig, um Truppen aus Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Honduras und der Dominikanischen Republik auszubilden (1). Im Jahr 2006 wurde das Militärgebiet von Cobán in CREOMPAZ umgetauft; der Name steht für Regionales Ausbildungskommando für Friedenserhaltende Operationen (Comando Regional de Entrenamiento de Operaciones de Mantenimiento de Paz).

Die erschreckende Geschichte der Militärbasis in Cobán und die Straflosigkeit angesichts der Vernichtung von Männern, Frauen und Kindern bildet einen beunruhigenden Hintergrund für die “Friedensoperationen” von heute.

Identifizierung von Verschwundenen mit DNA-Proben

Überall in Guatemala-Stadt kann man Plakatwände oder Flugblätter an Bushaltestellen finden, die auf die aktuellen Ausgrabungen hinweisen. Auf dem Plakat kann man ganz rechts eine Frau mit Mundschutz sehen, die ein medizinisches Instrument beobachtet. Das selbe Bild könnte in Los Angeles ein Programm zur Gewichtsabnahme ankündigen. Oder in Houston für eine Privatklinik werben. Aber hier nicht. Statt dessen ist der Text betitelt mit: “Ist eines deiner Familienmitglieder zwischen 1940 und 1996 verschwunden?” Und weiter: “Mit DNA-Spuren können wir sie identifizieren. Eine Speichelprobe genügt.”

Die Kampagne wurde von der Guatemaltekischen Stiftung für Gerichtsanthropologie FAFG (Fundación de Antropología Forense de Guatemala) ins Leben gerufen. Die Stiftung will die Überreste der Verschwundenen identifizieren können, indem ihre DNA mit denen noch lebender Familienmitglieder abgeglichen werden. Die Anthropolog*innen der FAFG arbeiten in ganz Guatemala; sie graben aus, sie entstauben, untersuchen und exhumieren schließlich die sterblichen Reste.

Die FAFG ist die einzige Organisation in Guatemala, die sich der Identifizierung der etwa 50.000 Menschen widmet, die während des Bürgerkrieges in Guatemala verschwunden sind. Ihr Vizedirektor José Suasnávar erläuterte im Oktober die Arbeit der FAFG im CREOMPAZ-Gebiet, das eine der größten aktiven Ausgrabungen ist: “Wir haben an etwas über 400 Stellen gegraben und dort glaube ich 60 Gräber und 426 Gebeine gefunden. Die Knochen stammen wie fast überall von Männern, aber es gibt auch Frauen und vor allem hier in CREOMPAZ liegen auch viele Kinder.”

Tote aus dem ganzen Land

Es wird vermutet, dass die meisten der im CREOMPAZ-Gebiet gefundenen sterblichen Reste von Gemeindemitgliedern stammen, die im ganzen Land verschwunden sind. Das waren Männer und Frauen, die vom Militär entführt wurden, während sie für ihre Kinder einkaufen waren; Leute die sich an irgendeinem Morgen von ihren Familien verabschiedet hatten, um zur Schule oder zur Arbeit zu gehen und von denen man nie wieder etwas gehört hat. Durch ihre Untersuchungen haben die forensischen Anthropologen herausgefunden, dass die Personen, die in verschiedenen Landesteilen verschwunden sind, von Soldaten zur Armeebasis nach Cobán gebracht worden sind. Dort wurden sie verhört und gefoltert und wurden schließlich Opfer einer extralegalen Hinrichtung in einem geheimen Grab.

Die Ausgrabungen auf dem CREOMPAZ-Gelände rufen Bilder des nackten Terrors wach. “Auf dieser Militärbasis gibt es einen grundlegenden Unterschied…hier wurden bis zu 62 Menschen in einem einzigen Grab beerdigt, das heißt, sie sind mit einem Mal beigesetzt worden”, so Suasnávar. Nach seinen Angaben weisen einige Überreste Schusswunden auf. Bei den meisten Leichen gibt es Spuren, dass sie festgebunden waren und viele haben Knochen, die gebrochen wurden, verheilt sind und erneut gebrochen wurden. Das zeigt, dass die Opfer verhört und gefoltert wurden, einige über lange Zeit, bevor sie ermordet und ins Grab geworfen wurden.

Die Ausgrabung in Cobán zeigt deutlich die rohe Realität des guatemaltekischen Bürgerkrieges, während dem die als Aufständische bezeichneten Menschen – politische Aktivist*innen und Student*innen, indigene Sprecher*innen oder Gemeindemitglieder und andere – massenhaft entführt und gefoltert wurden. Auch Kinder wurden auf der Militärbasis ermordet und in anonyme Gräber geworfen. Das alles ist in den geschützten Grenzen eines Gebietes unter militärischer Kontrolle passiert.

Von den 28 ehemaligen Militärgebieten, in denen die FAFG seit 1996 Grabungen durchgeführt hat, wurden sterbliche Überreste in 24 gefunden. Einige dieser Ausgrabungen sind noch in Arbeit und es fehlen so einige Basen, Gebiete und Abteilungen, die noch untersucht werden müssen. Doch die Ausgrabung im CREOMPAZ-Gebiet ist wohl die größte Entdeckung von menschlichen Überresten auf einer Militärbasis. “Mit der Unterzeichung der Friedensverträge wurden viele Kasernen oder Militärbasen verkleinert oder geschlossen. Aber hier sind die Militärs die ganze Zeit geblieben”, so Suasnávar über die Basis in Cobán. “Sie sagen zu uns: ‘Wir wussten nicht, dass das alles passiert ist, es war eine andere Zeit, es waren andere Leute, es hilft ja alles nichts.’ Das sagen sie uns in Bezug auf die Funde. Aber die strukturelle Kontinuität und die territoriale Kontrolle über diese Gebiete ist immer militärisch gewesen.”

Militärausbildungen gehen weiter

Trotz der auf der Militärbasis gefundenen Massengräber gehen die militärischen und polizeilichen Ausbildungen weiter. Sie werden von Ländern wie den Vereinigten Staaten und Kanada unterstützt. “Diese Einrichtung hat einen bestimmten militärischen Rang der Vereinten Nationen; die guatemaltekischen Soldaten und Befehlshaber, die sich hier befinden, benutzen das Erkennungszeichen der Blauhelme”, erklärt Iduvina Hernández Batres von der Organisation Sedem (Seguridad en Democracia), die in Guatemala-Stadt ihren Sitz hat. “Aber trotzdem wird hier weiter trainiert; die Einheit befindet sich auf einem Gelände, das, wie man heute weiß, früher ein riesiger geheimer Friedhof war.”

Im Jahr 2011 hat das Pearson Centre aus Ottawa (Kanada) auf dem CREOMPAZ-Gelände einen Workshop über “Polizei und militärische Kooperation bei Friedensoperationen” organisiert (2). Dieser wurde gemeinsam vom kanadischen Außen- und Außenhandelsministerium und dem US-Südkommando finanziert. Einige Soldaten, die im CREOMPAZ trainiert wurden, wurden später bei UN-Einsätzen in Haiti und der Demokratischen Republik Kongo eingesetzt.

Für manche, wie den Professor und Anthropologen Ka’koj Ba Tiul von der Ethnie Poqomchi’, hat das CREOMPAZ eine ungerechtfertigte Imageverbesserung erhalten, indem die Militärbasis zu einem Zentrum zum Erhalt des Friedens umgetauft worden ist: „Es ist eine Mörderschule. Insgeheim wird dort eine militärische Elite zur Aufstandsbekämpfung ausgebildet“, so Ba Tiul, der CREOMPAZ auch als “kleine School of the Americas” bezeichnet (in Anlehnung an die berüchtigte School of the Americas der USA, in der lateinamerikanische Militärs ausgebildet wurden und später den Militärdiktaturen angehörten, Anm. d. Ü.).

“Hier gibt es Ausbilder aus Argentinien, Chile, Kolumbien, den USA und Israel”, erklärte Ba Tiul in seinem nur wenige Kilometer von der Basis entfernten Haus. “Dort werden all diejenigen geschult, die Teil des modernen Modells zur Aufstandsbekämpfung in Guatemala und ganz Zentralamerika sein werden.”

*Dawn Paley ist unabhängige Journalistin. Mehr über ihre Arbeit erfahrt ihr auf dawnpaley.ca.

(1) http://www.canadainternational.gc.ca/guatemala/development-developpement/start.aspx?lang=eng&view=d

(2) http://www.pearsoncentre.org/article5#.UKUaTOOe-A0

CC BY-SA 4.0 Die kleine „School of the Americas“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Im Schatten der Pinguine. 10 Jahre chilenische Studiproteste  Schüler*ìnnen und Studierende in Chile Foto: Nils BrockChile – das Land war lange Zeit kein Ort für soziale Proteste. Auch nach dem Ende der militärisch-zivilen Diktatur 1989 gelang es nie den neoliberalen Konsens im Land aufzubrechen. Doch dann, vor zehn Jahren, kamen die Pinguine. So ganz ernst nahm das Establishment die Teenager anfangs nicht, als sie mit ihren schwarzen Schuluniformen zu Kundgebungen watschelten. Niemand hätte gedacht, dass die Rufe nach ko...
Droht der CIDH die Pleite?  Das frühere CIDH-Mitglied Tracy Robinson und CIDH-Präsident James  Cavallo.Die Arbeit der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, kurz: CIDH, ist durch Finanzierungsprobleme stark gefährdet. Zu der Mission der in Washington ansässigen Kommission gehören der Schutz und die Förderung der Menschenrechte auf dem gesamtamerikanischen Kontinent. Im Jahr 1959 von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gegründet, stellt die CIDH bis heute die für den Konti...
„Iguala ist ein Friedhof“ Von Fabrizio LorussoMiranda Mayo. Foto: Noticias Aliadas(Lima, 27. Mai 2016, noticias aliadas).- Interview mit Xitlali Miranda Mayo, Leiterin der Organisation “Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala” (Comité de Búsqueda Los Otros Desaparecidos de Iguala).Xitlali Miranda Mayo ist Psychologin in Iguala, im Bundesstaat Guerrero im Südwesten Mexikos. Sie koordiniert das „Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala", das na...
Colonia Dignidad: Kommt Ex-Sektenarzt Hopp in Deutschland in Haft? Von Ute LöhningKundgebung gegen Straflosigkeit 2013 in Krefeld, Foto: FDCL, CC-BY-ND-3.0(Berlin, 19. Juni 2016, npl).- Nach Jahrzehnten ergebnisloser Ermittlungen gibt es eine erste Vorentscheidung der deutschen Justiz in Sachen Colonia Dignidad: Hartmut Hopp, der in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilte Arzt der deutschen Sektensiedlung im Süden Chiles und die „rechte Hand“ des Sektenführers Paul Schäfer, lebt seit fünf Jahren unbehelligt in Krefeld. Nun soll er s...
Colonia Dignidad: Kommt Ex-Sektenarzt Hopp in Deutschland in Haft? Kampf für GerechtigkeitEndlich bewegt sich was in Sachen "Colonia Dignidad", der deutschen Sektensiedlung im Süden Chiles, in der Kinder systematisch sexuell missbraucht und chilenische Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden. Nach Jahrzehnten ergebnisloser Ermittlungen gibt es jetzt die erste Vor-Entscheidung der deutschen Justiz. Und nach dem Kinostart des Politthrillers „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ von Florian Gallenberger kündigte auch Außenminister ...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.