Peru

Die Kinder des „Leuchtenden Pfads“


von Zoraida Portillo

Sendero Luminoso-Unterstützer*innen aus Schweden. Foto: Flickr/Mikael Altemark(Lima, 04. Juni 2011, semlac).- Beinahe zufällig gelang die Rettung zweier Kinder aus den Händen des „Leuchtenden Pfads“ (Sendero Luminoso). Der Sack, den Sergio Velázquez während einer Militärkontrolle über seiner Schulter trug, hatte Verdacht bei den Soldaten erweckt. Der achtjährige Junge indessen, den Velázquez bei sich führte, machte sich plötzlich von der Hand des Mannes los und klammerte sich an einen der anwesenden Soldaten. In dem Sack selber fand die Patrouille ein sechsjähriges Mädchen, das durch Medikamente ruhig gestellt worden war.

Gefunden wurden die Kinder am 13. März inmitten eines zentralen Waldgebiets der Gegend, die als VRAE (Valle del Rio Apurímac y Ene) bekannt ist. Das Gebiet gilt als eine der letzten Hochburgen des „Leuchtenden Pfads“, der hier mit örtlichen Drogenkartellen zusammen arbeitet. Zwar verschwiegen die Behörden die Namen der Kinder. Trotzdem wurde bekannt, dass das Mädchen mittlerweile ihren Eltern übergeben worden war, die schon eine Vermisstenanzeige erstattet hatten. Der Junge hingegen musste an ein Heim übergeben werden, da weder die Behörden noch er selbst Auskunft über seine Herkunft geben konnte.

Schon im Jahr zuvor war die Befreiung zweier Minderjähriger gelungen. Unter ähnlichen Umständen, aber in einem anderen Abschnitt des Gebiets konnten die beiden zehn und elf Jahre alten Kinder geborgen werden. Aber auch hier ist es noch nicht gelungen, die Eltern ausfindig zu machen. Nach Angaben der Tageszeitung “La Voz de Humanga” aus Ayacucho befinden sich die Kinder deshalb zurzeit in einem Kinderheim von Tambo-La Mar.

Angstzustand wie in den 80er Jahren

Die jüngste Rettungsaktion erhöhte allerdings die Alarmbereitschaft der Behörden. Sie lenkte die Aufmerksamkeit erneut auf die Entführung von Minderjährigen, die der „Leuchtende Pfad“ schon in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts während der zunehmenden Konfrontation mit dem peruanischen Staat praktiziert hatte. Speziell in dieser Zone herrschen heute immer noch der gleiche Angstzustand und eine ähnliche Anspannung vor, wie sie drei Viertel des Landes in den schlimmsten Jahren des Bürgerkrieges erlebt hatten. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit Heer und Polizei. Den kürzeren Part ziehen dabei meist die regulären Streitkräfte, die weder über ausreichende Ortskenntnis verfügen noch logistisch auf die Konfrontationen vorbereitet sind. Darin dürfte vielleicht auch der Grund zu suchen sein, dass weder bei den Polizeidienststellen, noch bei Staatsanwaltschaften oder bei den für den Schutz von Kindern und Jugendlichen zuständigen Einrichtungen auch nur eine einzige Anzeige bezüglich des Verschwindens von Minderjährigen besteht. Es stellt sogar jedes Mal ein großes Problem da, die Eltern überhaupt ausfindig zu machen.

Víctor Montes, General und Chef der lokalen Militäroperationen, äußerte gegenüber der Presse, dass die Entführung von Minderjährigen in dieser Region leider nach wie vor konstant sei. Für viele handle es sich hierbei um ein Niemandsland. Die Zusammenstöße zwischen Polizeibehörden und Aufständischen seien allgegenwärtig, die staatliche Präsenz minimal und das Gelände unwirtlich und unübersichtlich. „Es ist bedauerlich, dass sich diese Verbrechen in regelmäßigen Abständen wiederholen. Die Kinder“, so Montes gegenüber dem Fernsehsender Canal N, “werden ihren Eltern entrissen, in Lager gebracht und anschließend von fremden Personen erzogen”.

Kinderhandel ist offenes Geheimnis

Dass der Kinderhandel in der besagten Region ein offenes Geheimnis ist, bestätigt auch ein Bewohner des Territoriums der lateinamerikanischen Nachrichtenagentur SEMlac (Servicio de Noticias de la Mujer de Latinoamérica y el Caribe): „Es ist weithin bekannt, dass die Kinder in den Händen des „Leuchtenden Pfads“ nicht nur politisch indoktriniert, sondern auch im Waffengebrauch geschult und als Kämpfer ausgebildet werden. Ebenso bekannt ist, dass viele gewaltsam ihren Eltern entrissen werden, andere aber freiwillig den Aufständischen übergeben werden, da das nötige Geld fehlt um die Kinder groß zu ziehen.“ Der anonym bleibende Informant fügte hinzu, das Klima in dieser Gegend sei von einer permanenten Angst geprägt. Zu der Furcht vor “den Augen und Ohren der Partei” – der Leuchtende Pfad besitzt ein weites Netz an Informanten – geselle sich zudem die Sorge, die Einnahmen aus dem Drogenhandel zu verlieren. Denn der Leuchtende Pfad selbst besitzt nicht nur Labore, in denen das Chlorhydrat der Koka-Pflanze angereichert wird. Er verfügt auch über ein ausgedehntes Netz an Abnehmer*innen der Basisprodukte.

Insgesamt ist die Existenz von Kindern und Jugendlichen in den Reihen des Leuchtenden Pfads schon seit Jahren gut dokumentiert. Nach Ansicht des ehemaligen Leiters der Abteilung zur Bekämpfung des Terrorismus und jetzigen Vizeministers für Innere Sicherheit, Marco Miyashiro, wurden in den achtziger Jahren in den Basislagern der Aufständischen sogenannte “wawahuasis revolucionarios” (auf Quechua soviel wie „Kinderaufsichtshäuser“) errichtet, in denen die Kinder groß gezogen und ausgebildet wurden. “Sie (die Rebellen) erklärten jedoch, dass es sich bei diesen Kindern um ihren eigenen Nachwuchs handle. Von daher hätten sie auch das volle Recht, sie gemäß ihrer Prinzipien und ihrer Ideale zu erziehen”, sagte Miyashiro vor einiger Zeit in einem Interview gegenüber SEMlac.

Militäraktion ließ Verhandlungen scheitern

Die jüngste Rettungsaktion der beiden Minderjährigen stellt nun allerdings in Frage, ob alle in den Lagern des Leuchtenden Pfads befindlichen Kindern von dessen Mitgliedern abstammen. Gleiches gilt auch für die Frauen, die diese Kinder versorgen. Erst im Januar dieses Jahres gab Francisco Diez Canseco, der Präsident des nationalen Friedensrats, bekannt, dass seine Organisation mit dem Leuchtenden Pfad Verhandlungen führe. Dabei ginge es nicht zuletzt um die Rückgabe von fünf der 60 Kinder, die die Rebellen laut eigenen Angaben in ihrer Gewalt hätten. Wie Diez Canseco dem Radiosender Radioprogramas del Perú mitteilte, war der Friedensrat schon im November vergangenen Jahres von Mitliedern des Leuchtenden Pfads kontaktiert worden. Eine militärische Operation aber habe neue Verhandlungen scheitern lassen.

Auf Nachfrage von SEMlac antwortete Diez Canseco, er ruhe nicht eher, als bis die Gespräche “um des Wohlergehens und der Gesundheit der Frauen und Kinder” wieder aufgenommen würden. Außerdem wies er darauf hin, dass laut Informationen des Friedensrats die Kinder in den Händen des Leuchtenden Pfads nicht aus der Region des VRAE selbst stammen, sondern aus anderen Andenhochebenen wie Huancavelica.

Es gibt ein unter den Bewohner*innen des VRAE bekanntes Gerücht, das auch der bereits erwähnte anonyme Informant bestätigt. Demnach locke der Leuchtende Pfad viele Jugendliche von umliegenden, aber auch weiter abgelegenen Orten und bringe sie zu ihren Lagerplätzen. Dort würden sie mit der Erziehung und der Aufsicht über die Minderjährigen beauftragt, wobei ihnen jeglicher Kontakt zu Verwandten oder Freunden verboten sei. Mittlerweile haben es einige Fernsehkanäle geschafft, bis zu den Lagern der Aufständischen vorzudringen und sogar Minderjährige zwischen neun und elf Jahren zu einem Interview zu bewegen. Auf die Frage nach ihren Eltern jedoch schweigen alle.

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