Mexiko

Die Grenzen des Wachstums


von Clara Jusidman*

grenzen wachstum. Foto: Flickr/Michael Gumtau (CC BY-NC-SA 2.0)(Mexiko-Stadt, 27. Dezember 2012, cimac).- Drei Nachrichten der letzten Tage des Jahres 2012 geben Anlass dazu, über den Sinn der Zeit und die Beziehung zur Erde, die beide unser Leben dominieren, nachzudenken.

Die ersten beiden Meldungen beziehen sich auf das Ende der langen Ära des Maya-Kalenders. Zum einen hat das Volk der Maya vorher gesehen, dass sich am 21. Dezember 2012 die Planeten neu ausrichten und dies das Ende des Kalenders bedeuten würden. Zudem zogen an jenen Tagen fast 40.000 Mayas aus der zapatistischen Bewegung schweigend durch fünf Ortschaften in Chiapas, um uns daran zu erinnern, dass für sie die Zeit, die Welt und das Leben eine andere Bedeutung haben als jene, die von der wesentlichen Konsumkultur auferlegt wurde und auch, dass sich bald etwas verändern werden würde.

Die dritte Nachricht bezieht sich auf ein Interview vom Mai 2012 mit Dennis L. Meadows, emeritierter Professor der Universität von New Hampshire und einer der Autoren der preisgekrönten Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (Originaltitel: „The Limits to Growth“) des Club of Rome.

Veränderungen in Politik, Umwelt, Wirtschaft und Technik

In dem Interview prophezeit der Professor, dass wir in den kommenden 20 Jahren bis zum Jahr 2030 mehr Veränderungen in der Politik, der Umwelt, der Wirtschaft und der Technik erleben würden als die Veränderungen, die sich in einem ganzen Jahrhundert vollzogen haben. Er weist darauf hin, dass „sich diese Veränderungen nicht auf friedliche Weise vollziehen werden“ und dass „das Wachstum teils aufgrund der inneren Dynamik des Systems, teils aufgrund von äußeren Faktoren wie der Energieversorgung, zum Stillstand kommen wird. Energie hat einen sehr großen Einfluss. Die Ölproduktion hat ihr Maximum bereits überschritten und wird zu fallen beginnen“.

dennis meadows. Foto: Flickr/sbamueller (CC BY-SA 2.0) Eine weitere interessante Bemerkung von Meadows ist, dass „die Politiker für kurze Zeit gewählt werden. Ihr Ziel ist es, sich während ihrer Amtszeit als tüchtig und durchschlagend zu erweisen, wobei sie sich nicht darum kümmern, was nach ihnen passiert. Genau deshalb werden hohe Schulden gemacht: Es werden Darlehen für die Zukunft beantragt, um unmittelbar Gewinn zu machen und wenn es darum geht, die Schulden zurückzuzahlen, ist die Person, die diese verursacht hat, nicht mehr zuständig“.

Meadows meint daher, der Zeithorizont der Politiker*innen müsse größer werden, damit diese nicht nur von heute an bis zu den nächsten Wahlen handeln, sondern sich fragen:„Welche Konsequenzen wird mein Handeln in 30 oder 40 Jahren haben?“.

Suche nach dem materiellen Glück

Das Leben auf der Welt wird immer mehr von der Suche nach der kurzfristigen materiellen Freude bestimmt: dem Glücksgefühl, das durch Konsumgüter und Dienstleistungen hervorgerufen wird, die fortwährend von Unternehmen des Marktes produziert, angeboten, gefördert und erneuert werden.

Wachstum als Antrieb des modernen Lebens bedeutet die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen für den Konsum einer immer größer werdenden Weltbevölkerung. Damit die Zahl der Konsument*innen steigt, ist es jedoch unerlässlich, dass die Menschen über Einkünfte verfügen, um diese Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Da deren Produktion allerdings immer weniger Arbeitskräfte benötigt, bleiben Milliarden von Menschen auf der Welt von den Konsummärkten ausgeschlossen, da sie weder Arbeit noch Zugang zu Einnahmequellen haben.

Dies bringt wachsende Ungleichheit unter den Menschen mit sich und schafft die Grundlage für Konflikte und Gewalt.

Erhöhte Ressourcennutzung

Wachstum bedeutet jedoch auch eine erhöhte Rohstoff- und Ressourcennutzung: Land, Wasser, Energie, Mineralien, Tiere und Pflanzen. Diese Ressourcen waren einst allgemein verfügbar, sind nun aber beinahe erschöpft oder wurden privatisiert. Damit ist der Zugang seitens indigener und angestammter Gemeinden beschränkt, die versucht haben, die Ressourcen harmonisch zu nutzen und sie dadurch für kommende Generationen zu bewahren. Vor diesem Hintergrund ruft der Landkauf Chinas in den USA und in Afrika, sowie der Erwerb von Rechten zum Abbau des Unterbodens in verschiedenen Ländern (Tunesien, Mexiko, Peru, Australien) durch transnationale Bergbauunternehmen, zunehmende Proteste der lokalen Bevölkerung hervor.

Ressourcen und der Zugang zur Trinkwasserversorgung sind sehr schnell privatisiert und an transnationale Unternehmen übergeben worden. Auch die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln auf der Welt wird von einer Handvoll großer Unternehmen kontrolliert.

Konflikte und Gewalt nehmen zu

Der Lebensstil, den die Marktwirtschaft vorschlägt, hält folglich keine langfristigen Lösungen bereit, weder was die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Verteilung von notwendigen finanziellen Mitteln angeht, um Konsument*innen mit Kaufkraft hervorzubringen, noch was den Zugang zu ausreichenden Rohstoffen zur Produktion angeht.

Die Konzentration der Produktion und des Konsums wird verschärft und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer mehr auseinander. Wie Meadows in seinem Interview zu verstehen gibt, werden die Konflikte und die Gewalt aufgrund der Löhne, der Märkte und der Ressourcen tendenziell steigen.

Es scheint, dass die Veränderungen hin zu einer Ära größerer Kriege und Konflikte, die in einigen Stelen der Mayas zu erkennen sind, tatsächlich mit den Voraussagen moderner Wissenschaftler*innen für die kommenden 20 oder 30 Jahre übereinstimmen. Diese wiederum erinnern an fundamentale Thesen des Berichts „Die Grenzen des Wachstums“.

Die langfristigen Herausforderungen der Politik

Es stellt sich also die Frage, ob unsere jetzigen Regierungen und Politiker*innen weitsichtig genug sind, um jetzt, da die Pläne und Programme zur Entwicklung des Landes für die nächsten sechs Jahre entworfen werden, zu gemeinsamen, langfristigen und umfassenden Reflexionen über die Zukunft Mexikos anzuregen.

Oder werden sie weiterhin in ihren kurzsichtigen Kämpfen um ebenso kurzlebige Macht und Geld verharren? Wachstum, Umverteilung und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen, scheint die Herausforderung auf lange Zeit zu sein.

Zum Jahresbeginn wünsche ich Ihnen Liebe, Frieden und Freude.

*Clara Jusidman ist Analystin des Sozialen Wandels und Vorsitzende des Vereins Bürgerinitiative und soziale Entwicklung INCIDE Social A.C. in Mexiko.

 

Dieser Artikel ist Teil unseres Themenschwerpunkts:

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