Honduras

Die Familie zum Tod von Berta Cáceres


Von Copinh

Bertas Rede in Guise Januar 2013. Foto: Erika Harzer (CC BY ND 30)

Bertas Rede in Guise Januar 2013. Foto: Erika Harzer (CC BY ND 30)

Dokumentation (La Esperanza, 5. März 2016, copinh).- Am Totenbett unserer Bertha – unserer Mutter, unserer Tochter, unserem Leitbild.

Wir – ihre Töchter Olivia, Bertha und Laura, ihr Sohn Salvador, ihre Mutter Austra Bertha, begleitet von unseren Familienangehörigen, Freundinnen und Freunden – möchten der Öffentlichkeit mitteilen, wie wir uns in diesem Moment tiefster Betroffenheit fühlen.

Unsere Bertha ist für uns die größte Inspiration. Deshalb ist es uns wichtig, der Wahrheit über ihr Leben und ihren Kampf Gehör zu verschaffen. Angesichts dieser Umstände möchten wir zuerst für all die nationale und internationale Solidarität danken, die uns zuteil wird.

Wir danken ihrem indigenen Volk, den Lenca, für seine Unterstützung. Diesem Volk widmete Bertha den größten Teil ihres Widerstandes. Der Volksgruppe der Garífuna, mit denen sie sich im Kampf und in den Idealen verbrüderte. Allen Organisationen und sozialen Bewegungen in Honduras, Lateinamerika und in der Welt, die unseren Schmerz zu ihrem gemacht haben. Wir danken für all die unermesslichen Bekundungen von Zuneigung und Beileid durch die honduranische Bevölkerung, die beweisen, dass ihr Kampf der würdige Kampf der Völker ist und das, was die Welt benötigt.

Ihr Widerstand war das Motiv für ihre Ermordung

Man kann die Wahrheit hinsichtlich des Verbrechens, das ihr Leben beendete, nicht verfälschen. Wir kennen ganz genau die Motive ihrer niederträchtigen Ermordung: Ihr Widerstand und ihr Kampf gegen die Ausbeutung der Natur und der Güter, die der Allgemeinheit gehören, ebenso wir ihre Verteidigung des Volkes der Lenca. Ihre Ermordung ist ein Versuch, den Kampf des Volkes der Lenca gegen jegliche Form der Ausbeutung und der Enteignung zu beenden. Ein Versuch, die Errichtung einer neuen Welt zu unterbinden.

Die Umstände um ihren Tod fallen inmitten des Kampfes der Lenca gegen den Bau des Staudammprojektes Agua Zarca am Fluss Gualcarque. Wir fordern, dass aufgeklärt wird, inwiefern das Betreiberunternehmen DESA (Desarrollos Energéticos S.A.), welches das Projekt entwickelt, verantwortlich ist. Das Unternehmen DESA und die internationalen Finanzorganisationen, die das Projekt unterstützen, wie die holländische Entwicklungsbank FMO, der FinnFund aus Finnland, die Banco Centroamericano de Integración Económica BCIE, die Finanzgruppe FICOHSA ebenso wie das Unternehmen CASTOR und die Unternehmensgruppe der Familie ATALA – sie alle machen wir verantwortlich für die Verfolgung, die Kriminalisierung, die Brandmarkung, die permanenten Todesdrohungen gegen Bertha, gegen uns und gegen das Komitee der Indigenen Völker Honduras COPINH (Consejo Cívico de Organizaciones Populares e Indígenas de Honduras).

Der Staat hat Verfolgung und Ermordung begünstigt

Wir machen den honduranischen Staat verantwortlich dafür, den Schutz unserer Bertha in hohem Maße behindert und damit ihre Verfolgung, Kriminalisierung und die Ermordung begünstigt zu haben. Und wir machen ihn dafür verantwortlich, die Interessen des Unternehmens über die der Entscheidungen und der Willensbekundungen der Gemeinschaften gestellt zu haben. Wie ist es möglich, dass Institutionen wie die Polizei, die Armee und das Sicherheitsministerium, die die Interessen und Einrichtungen des Unternehmens DESA schützen, dieselben sind, die behauptet haben, den Schutz und die Sicherheit unserer Bertha zu garantieren? Wie ist es möglich, dass die Polizei, die Armee und der honduranische Staat, die ihre Unversehrtheit schützen sollten, dieselben sind, die sie mit dem Tod bedroht, sie angefeindet und verfolgt haben?

Die Verantwortlichen für ihren Mord sind Unternehmensgruppen, die sich mit der Regierung des Landes verbündet haben. Es sind die Gemeindeverwaltungen und Repressionsorgane des Staates, die hinter den sich in der Region ausbreitenden Abbauprojekten stehen. Die Finanzierer dieser todbringenden Abbauprojekte sind ebenfalls verantwortlich für den Tod sowohl unserer Bertha als auch für den vieler anderer Menschen, die gegen die Ausbeutung der Gebiete kämpfen. Denn mit ihrem Geld machen sie es möglich, dass wirtschaftliche Interessen über die jahrhundertealten Rechte der Völker gestellt werden.

Wir werden nicht zulassen, dass sich ihr Bild in ein leeres Symbol verwandelt. Unsere Bertha steht für den ständigen und tatkräftigen Kampf für die Verteidigung des Lebens und des Bodens und gegen dieses System der Ausbeutung und der Plünderung.

Internationale und unparteiische Untersuchungskommission gefordert

Angesichts der nachweislich fehlenden Objektivität bei den im Land begonnenen Ermittlungen fordern wir die Bildung einer internationalen, unparteiischen Kommission, um das Verbrechen zu untersuchen. Diese Kommission soll sich zusammensetzen aus Mitgliedern der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, aus Mitgliedern von internationalen Menschenrechtsorganisationen und aus den zuständigen Regierungsebenen.

Wir wollen, dass man ihre Integrität als Widerstandssymbol respektiert. Sie ist eine immerwährende Kämpferin gegen den Rassismus, das Patriarchat und das kapitalistische, unterdrückerische und mörderische System. Ihr Kampf ist geprägt von einem starken Antiimperialismus, was sich permanent in ihren internationalen Aktivitäten zeigt; und in der totalen Ablehnung des Staatsstreiches, der von den Vereinigten Staaten finanziert und gefördert wurde. Dieser Putsch war der Beginn der Übergabe des nationalen Territoriums an multinationale Unternehmen – auf Kosten der Rechte des Volkes der Lenca und der honduranischen Bevölkerung.

Wir verlangen die sofortige und definitive Aufhebung der Konzession der DESA für den Fluss Gualcarque, so dass dieser frei fließen kann. Wenn die Regierung wirklich für Gerechtigkeit sorgen will, dann fordern wir die Aufhebung aller Konzessionen, die den Bergbau, die Staudämme und die Wälder betreffen sowie für all die Projekte, die gegen die nationale Souveränität verstoßen.

Wir verlangen physische, rechtliche und seelische Unversehrtheit für unsere Familie, für die Gemeinschaften – insbesondere für die am Fluss Río Blanco – und für alle im Komitee der Indigenen Völker Honduras COPINH organisierten Menschen.

Die Mutter eines ganzen Volkes wurde ermordet

Bertha kämpfte nicht nur für die Umwelt, sondern auch für einen Wechsel des Systems, gegen den Kapitalismus, den Rassismus und das Patriarchat. Man hat nicht nur unsere Mutter ermordet, sondern die Mutter eines ganzen Volkes. Wir rufen dazu auf, die Kundgebungen, Anklagen und Solidaritätsbekundungen stärker werden zu lassen, um so wirkliche Gerechtigkeit zu fordern.

„Menschen, wachen wir auf! Es bleibt keine Zeit mehr, denn unser Bewusstsein wird dadurch erschüttert, dass wir die Selbstzerstörung nur betrachten. Die Selbstzerstörung, die basiert auf kapitalistischer, rassistischer und patriarchalischer Ausplünderung!“

Bertha lebt!!

Verfasst in La Esperanza, im Departamento Intibucá, am 5. März 2016.

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