Südamerika

Der Gran Chaco – Billigland und abgebrannt


von Laura Zierke

(Berlin, 30. November 2009, npl).- Denkt man an Wälder in Südamerika, dann fällt den meisten der Amazonasregenwald, vielleicht einigen noch die Mata Atlântica in Brasilien ein. Aber der Gran Chaco? Was ist das denn eigentlich?

Tatsächlich ist der Gran Chaco mit ca. 1 Mio. Quadratkilometern das zweitgrößte zusammenhängende Waldgebiet Südamerikas. Die Region erstreckt sich über Paraguay, Argentinien und Bolivien und besteht aus Trockenwäldern und Dornbuschsavannen, Hügelketten, Flüssen und unterteilt sich in feuchte, semi–aride und aride Gebiete.

Ursprünglich lebten dort Indígenas, doch seit mehreren Jahrzehnten ist das Gebiet von Konflikten um Land zwischen Indígenas und Großgrundbesitzer*innen und auch Campesinos geprägt. So wurden aufgrund von Grenzstreitigkeiten zwischen Paraguay und Bolivien von der paraguayischen Regierung die Ländereien an europäischen Siedler*innen vergeben, ohne dabei die Präsenz der Indígenas zu beachten. Die Indígenas in diesen Gebieten lebten zumeist ursprünglich nomadisch. Im Zuge der Kolonisierung ihres Gebietes wurden sie sesshaft gemacht und missioniert. Meist als Tagelöhner*innen, teils aber auch als Angestellte bilden sie heute die untere Klasse der Gesellschaft und fristen ihr Leben in Missionssiedlungen oder an den Stadträndern. Das Leben als JägerIn, SammlerIn und FischerIn unterscheidet sich grundsätzlich von der Wirtschaftsweise der europäischstämmigen Siedler*innen. Seit Beginn des forcierten Zusammenlebens gibt es daher Konflikte im alltäglichen Zusammenleben.

Der Gran Chaco gilt als Wärmepol Südamerikas. Hohe Temperaturen und trockene Winde machen ihn unwirtlich. Trotzdem sehen seit einigen Jahren Immobilienspekulant*innen, Großgrundbesitzer*innen und landwirtschaftliche Unternehmen ein hohes Profitpotential in der Region. Mit der Öffnung für den internationalen Fleischexport haben sich viele paraguayische Landbesitzer*innen auf die Viehzucht umgestellt. Das hatte zur Folge, dass Wald gerodet und Farmen für die Fleischproduktion eingerichtet wurden. Insbesondere ist das billige Land aber ausländischen Investor*innen ins Auge gefallen. In den letzten Jahren wurde paraguayischer Grund und Boden dabei regelrecht ausverkauft.

Satellitenbilder zeigen, mit welchem Tempo unberührte Waldgebiete in Weideflächen und Straßen umgewandelt werden. Benno Glauser von der paraguayischen Nichtregierungsorganisation (NRO) Iniciativa Amotocodie berichtet, dass in den letzten Monaten die durchschnittliche Rodungsquote bei etwa 1.200 Hektar pro Tag lag.

Produziert werden also vor allem Rindfleisch und genmanipuliertes Soja, aber auch die Vorkommen von Edelhölzern und Pelztieren werden schonungslos ausgeplündert. Folgen von Landwirtschaft und Viehzucht sind die Versalzung der Böden und des Wassers, die vollständige, unwiederbringliche Zerstörung der Wälder und die Erosion der Böden. Insbesondere in Argentinien und Bolivien haben Erdölförderung und Bergbau die Verschmutzung der Gewässer zur Folge. Durch das Roden der Wälder wird unter anderem auch der Wasserhaushalt durcheinander gebracht, teils gibt es Überschwemmungen, andererseits fehlt es in weiten Gegenden immer mehr an Wasser. Auch die Verschmutzung des Trinkwassers durch den Gebrauch von Pestiziden und Bioziden beim Anbau von Soja, Reis und Baumwolle und durch die Erdölförderung betreffen die Bewohner*innen des Gran Chaco.

Mit der Verwandlung in eine Produktionslandschaft wird auch die Vielfalt der menschlichen Lebensweisen und –welten zerstört. So leben Mitglieder der indigenen Gruppe Ayoreo in den Wäldern des Gran Chaco, ohne einen Kontakt zur Außenwelt zu haben. Ihr Lebensraum wird durch die immer neuen Produktionsflächen zusehends kleiner. Aber auch die Grundlagen für die Subsistenzwirtschaft von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen schwinden durch die industrielle Landwirtschaft. Nicht zuletzt ist mit der Verwandlung eines riesigen Ökosystems in eine Produktionslandschaft auch das globale Klima in Gefahr.

(der gleichnamige Audiobeitrag der Kampagne „Knappe Ressourcen? – Gemeinsame Verantwortung!“ kann unter der URL http://www.npla.de/onda/content.php?id=974 kostenlos angehört oder heruntergeladen werden)

CC BY-SA 4.0 Der Gran Chaco – Billigland und abgebrannt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Der Gran Chaco – Billigland und abgebrannt Im Herzen Südamerikas befindet sich ein riesiges Waldgebiet: der Gran Chaco. Bewohnt wird er von wenigen Menschen, aber immer mehr wollen ihren Profit aus den dortigen Ressourcen ziehen. Ohne Sinn und Verstand werden Waldressourcen vernichtet. Und die Konflikte zwischen Indigenen, Campesin@s und Großgrundbesitzer*innen um Land und Rohstoffe verstärken sich dabei mehr und mehr.
onda-info 220 Dieses onda-info steht mal wieder fast völlig im Zeichen der Ressourcennutzung und -konflikte. Unser erster Ressourcen-Beiträg dieser Sendung beschäftigt sich mit der Frage, welche Zusammenhänge es zwischen Elektroautos, Lithiumabbau in Bolivien, Umweltfragen und bolivianischer und internationaler Politik und Wirtschaft gibt. Hierzu haben wir Roberto Delgado, Spezialist für Entwicklung staatlicher Politik aus Bolivien befragt. Wer kennt den Gran Chaco? Dieses zweitgrößt...
ondainfo 187 Bericht über El Teje - Südamerikas erste Travesti-Zeitschrift. Radio Ayoreo - Indigene aus dem Gran Chaco machen Radio gegen das Vergessen ihrer Kultur Als Freiwilliger mit den Peace Brigades nach Lateinamerika - ein Bericht im Rahmen unserer Freiwilligen-Reihe. Musik: Actitud Maria Marta.
ondainfo 176 Chilenische Mapuche-Aktivistin beendet Hungerstreik. Dezentrales Weltsozialforum 2008; Bericht über WSF-Aktivitäten in Mexico DF. Hintergründe über die Tradition des Karnevals in Oruro/Bolivien. Solidarische Ökonomie in Argentinien: Die Textilkette Cadena Textil justa y solidaria vernetzt alle an der Herstellung beteiligten Akteure. Musik: Los de Abajo und Enrique Morante & Largatija Nick
ondainfo 139 Magazin zu aktuellen Themen aus Lateinamerika Themen: 1. Entwicklung des Mercosur nach dem Beitritt Venezuelas 2. Fünf Mitglieder aus dem Volk der Awá sind am 9. August in der Gemeinde Altaquer im Departamento Narinio im Süden Kolumbiens ermordet worden In der Friedensgemeinde San José de Apartadó ist ein geplantes Massaker öffentlich geworden (http://www.kanalb.org, , http://www.kolko.de) 3.70.000 Lehrer und Lehrerinnen legten im gesamten mexikanischen Bundesstaat O...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.