Kuba

Das Wagnis, auf eigene Rechnung zu arbeiten


von Dixie Edith

alt(Lima, 03. Dezember 2011, semlac).- „Wenn die Frauen nicht beginnen, mit den gängigen Traditionen zu brechen, können sie nicht die Möglichkeiten ausschöpfen, die sich durch die Reformen in der Arbeitsgesetzgebung auftun.“

Derzeit durchläuft Kuba einen Prozess weitreichender Umstrukturierungsmaßnahmen im Beschäftigungssektor. Dieser kann für Männer und Frauen sehr unterschiedliche Auswirkungen haben, wenn man sich anschaut, wie in der Vergangenheit damit auf der Insel umgegangen wurde.

Rosa María Núñez wohnt in der Hauptstadt und ist 57 Jahre alt. Die studierte Soziologin hat sich bereits in den 90er Jahren selbstständig gemacht. SEMlac gegenüber erklärte sie, dass wenn die Frauen nicht begännen, mit den gängigen Traditionen im Land zu brechen, könnten sie nicht die Möglichkeiten ausschöpfen, die sich mit den angekündigten Neustrukturierungen im Bereich der Arbeitsgesetzgebung auftäten.

“Als ich wegen eines ärztlichen Gutachtens 1994 pensioniert wurde, kam mir die Idee, mich selbstständig zu machen. Ich entschloss mich dazu, einen Friseursalon in meinem Haus aufzumachen. Das war das einfachste und gewöhnlichste, abgesehen davon, dass es mir nicht sonderlich Spaß macht. Ich dachte nicht daran, dass ich meine beruflichen Kenntnisse für eine andere Art von Beschäftigung nutzen könnte. Das hat mich frustriert, und ich blieb in der Tradition festgefahren“, erzählte Núñez.

Rationalisierungen geplant

Dieser Hinweis kann sehr nützlich sein in Zeiten, in denen Kuba plant, die staatlichen Stellen weitreichenden Rationalisierungsmaßnahmen zu unterziehen. Die angekündigten Kürzungen werden in einer ersten Stufe etwa 500.000 Arbeiter*innen betreffen, insbesondere diejenigen, die nicht direkt in der Produktion, sondern im Verwaltungssektor beschäftigt sind. Laut den Angaben des Nationalen Amtes für Statistik ONE liegt der Anteil der Frauen bei den Angestellten im staatlichen zivilen Sektor bei etwas mehr als 42 Prozent. In diesem Sektor sind 80 Prozent der Verwaltungsstellen von Frauen besetzt.

Kubas Präsident Raúl Castro stellte bei der Schlusssitzung in der Nationalversammlung klar, bei den Maßnahmen zum Stellenabbau werde eine “strikte Einhaltung des Tauglichkeitsprinzips” beachtet, wenn es darum geht festzustellen, “wer zu Recht auf seinem Posten sitzt.” Gleichzeitig fügte er hinzu, dass jegliche Form von Bevorzugung vermieden werde. Ebenso werde man sich Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht oder anderen Merkmalen mit Nachdruck entgegenstellen.

Wenn jedoch die Mehrzahl der zu rationalisierenden Stellen von Frauen belegt ist, werden sie notwendigerweise viel härter von dem Stellenabbau betroffen sein, auch wenn sie dem zitierten Tauglichkeitskriterium entsprechen.

Frauen in die Landwirtschaft

Um dieser Situation zu begegnen, sieht Dr. Norma Vasallo, Psychologin und Vorsitzende der Frauenprofessur der Universität von Havanna, eine Alternative darin, Anreize zu schaffen, um die Frauen in den selbstständigen Sektor einzugliedern, insbesondere im landwirtschaftlichen Bereich. “Allerdings liegt gerade in dieser Branche der Anteil der Frauen bei lediglich 17,4 Prozent, was unter anderem daran liegt, dass diese Tätigkeit traditionell als männlich angesehen wird, und zwar gleichermaßen von den Männern und Frauen in der Branche“, gab sie SEMlac bekannt.

Mit Verweis auf die Daten einer 2007 in der landwirtschaftlichen Produktionseinheit Ignacio Agramonte, in der zentralen Provinz Camagüey, durchgeführten Studie stellte die Wissenschaftlerin klar, dass zwar keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Bildungsniveau festzustellen seien. Asymmetrien würden jedoch bei den von den Beteiligten wahrgenommenen Erwerbsmöglichkeiten deutlich. “Das lässt sich auf den vorherrschenden Glauben zurückführen, dass es Arbeiten für Männer und Arbeiten nur für Frauen gäbe, wobei es an letzteren im landwirtschaftlichen Sektor mangelt“, erklärte Vasallo gegenüber SEMlac.

Zweifel an der eigenständigen Arbeit

Die kubanische Regierung setzt gerade auf diese Art von Arbeit auf eigene Rechnung, auf die sich Núñez und Vasallo beziehen, als neue Beschäftigungsquelle für diejenigen, die aus dem staatlichen Sektor ausscheiden. Laut offiziellen Aussagen geht die Ausweitung der Gewerbetätigkeit als „eine weitere Erwerbsalternative“ einher mit der Aufhebung bestehender Beschränkungen, die bislang bei der Verleihung neuer Genehmigungen und der Vermarktung einiger Produktionen bestehen. Gleichzeitig soll für diejenigen, die sich zur Selbstständigkeit entschließen, die Anstellung von untergeordneten Arbeitskräften flexibler gestaltet werden.

Durch eine Steuerneuregelung werden Abgaben auf Verkäufe und auf die Anstellung von Arbeitskräften erhoben. Die Reform sieht zudem einen Sozialversicherungsbeitrag vor. Diese Steuern sollen sich zu den bisherigen, von dem persönlichen Einkommen abgezogenen Beiträgen summieren.

Ministerium: 178 Tätigkeiten auf eigene Rechnung möglich

Admi Valhuerdi Cepero, erste Vizeministerin im Ministerium für Arbeit und Soziale Sicherheit, erläuterte gegenüber der Zeitung “Granma”, dass die Arbeit auf eigene Rechnung in 178 Tätigkeiten umgesetzt werden könne. In 83 davon könnten die selbstständigen Gewerbetreibenden Arbeitskräfte anstellen, ohne dass diese notwendigerweise Familienangehörige oder Mitbewohner*innen des Inhabers sein müssten.

Darüber hinaus erklärte Valhuerdi, dass die Vergabe neuer Genehmigungen für Selbstständige vorerst keine Tätigkeiten mit einschließt, die keinen zulässigen Markt für den Erwerb von Grundstoffen aufweisen. Dazu zählen neben Karosseriereparaturen auch Beschäftigungen im Bereich der Herstellung und des Verkaufs von Gegenständen aus Granit und Marmor, sowie unter anderem aus Eisen und Aluminium.

Die Flexibilisierung der Gewerbetätigkeit sieht zudem eine Ausweitung der Möglichkeiten zur Vermietung von Wohnraum vor. Es ist nun erlaubt, Häuser an Personen zu vermieten, die zeitweise im Ausland wohnen; ebenso ist es ab jetzt nicht mehr verboten, ganze Wohnungen und Wohnraum für einen unbestimmten Zeitraum zu vermieten.

Selbstständiger Sektor von Männern dominiert

Aus einer Gender-Perspektive betrachtet mangelt es allerdings auch diesen neuen Optionen nicht an Hürden und Herausforderungen. “In Kuba ist der selbstständige Sektor bislang ein von Männern dominierter Raum, der Anteil der Frauen liegt bei 23,1 Prozent. Darin besteht gleichzeitig eine Herausforderung für die Kubanerinnen: Wie schaffen wir es, mehr Frauen den Zugang zu einer eigenständigen Beschäftigung zu ermöglichen – als eine Alternative zum Rückgang anderer Erwerbsmöglichkeiten?“ fragt sich Vasallo.

Für Núñez hingegen besteht die Herausforderung für die Frauen darin, “offen zu sein, wenn sie sich dafür entscheiden, ein selbstständiges Gewerbe zu eröffnen.“ Die Sorgen der zur Friseuse konvertierten Soziologin entstammen den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit auf der Insel. Die heftige Wirtschaftskrise in den 90er Jahren, die als “besondere Phase in Friedenszeiten“ bezeichnet wurde, rief in dem Land eine wirtschaftliche Mobilität hervor, die sich vom traditionellen Sektor zu den aufstrebenden Märkten hin ausrichtete, angetrieben von der Suche nach besseren ökonomischen Verhältnissen.

Die Frauen bildeten darin keine Ausnahme. Viele verlagerten ihre Arbeit von qualifizierteren Tätigkeiten hin zu Jobs, die sich durch eine geringere Spezialisierung bei höherem Lohnniveau auszeichneten. Eine Studie des Forschungszentrums für Psychologie und Soziologie CIPS (Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas), die bereits vor einigen Jahren durchgeführt wurde, kam zu dem Schluss, dass die Erwerbsmöglichkeiten für Arbeitsuchende außerhalb des Staatssektors für Männer und Frauen ungleich verteilt vorliegen.

“Besondere Phase in Friedenszeiten”

Eine der Autorinnen der Studie, die Psychologin Mareelén Díaz Tenorio, stellte fest, dass die Männer Strategien entfalteten, die eine Arbeit außer Haus nötig machten, während die Frauen hingegen den Varianten den Vorzug gaben, bei denen sie zuhause arbeiten können. “Die jungen Frauen aus Havanna verlassen das häusliche Umfeld um Produkte zu verkaufen, die von ihnen selbst oder von anderen Frauen hergestellt worden sind, oder von denen unklar ist, wo sie herkommen. Frauen älterer Generationen ziehen es dagegen vor, Arbeiten im Haushalt zu verrichten“, so die Forscherin.

Nach den Angaben der ONE sind etwa 26 Prozent der derzeit auf selbstständiger Basis Beschäftigten in Kuba Frauen. Allerdings verrichten diejenigen, die sich für diesen Weg entscheiden, ausgerechnet die am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten: Verkäuferinnen in Cafeterias, Weberinnen, Näherinnen, Friseusen und Köchinnen.

Zudem bilden sie den Großteil der Berufstätigen, die den Kindern und Jugendlichen Nachhilfe erteilen, von Sprachen bis hin zu grundlegenden Unterrichtsfächern, um deren Schulleistungen aufzubessern. Diese Tätigkeit ist bis heute noch nicht offiziell anerkannt worden, soll jedoch zu denen gehören, die künftig genehmigt werden.

“Die Frauen repräsentieren die Mehrheit an der technischen und gewerblichen Kraft des Landes. Es wäre ideal, wenn eine zukünftige Struktur der eigenständigen Gewerbetätigkeit auf diesen erworbenen Fähigkeiten aufbauen würde; die Frauen sollten mehr dazu übergehen, beispielsweise als Multiplikatorinnen zu arbeiten, die Unterrichtsinhalte vermitteln, anstatt lediglich als Haushaltsbedienstete beschäftigt zu sein“, analysiert Núñez.

(Foto: Reno Massola)

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