Haiti

Das verzweifelte Bedürfnis nach einem sicheren Dach über dem Kopf


von Héctor Miranda

(Havanna, 12. April 2010, prensa latina).- Dreieinhalb Monate nach dem verheerenden Erdbeben suchen Tausende von Haitianer*innen aus Port–au-Prince noch immer nach einer festen Bleibe. Einige suchen aus freiem Willen, andere werden dazu gezwungen.

Nach der Tragödie vom 12. Januar, die 222.570 Menschenleben sowie 310.928 Verwundete forderte, haben sich einige hunderttausend Bewohner*innen der haitianischen Hauptstadt auf eine Odyssee begeben – auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf.

In der ersten Zeit quartierte man sich noch irgendwo provisorisch ein. Viele Menschen gehen aber jetzt das Risiko ein, mit Beginn der Regenzeit von den Wassermassen überschwemmt zu werden.

Aufgrund dieser Umstände zogen hunderte von Familien in andere Landesteile um, immer begleitet von der Unsicherheit, ohne Arbeitsplatz und ohne ein sicheres Dach über dem Kopf dazustehen. Die Spuren des Erdbebens hinter sich lassend, suchten sie nach einer ruhigeren Zone im Land.

Anderen blieb gar nichts anderes übrig, als irgendwo in der Hauptstadt ihr provisorisches Zeltlager aufzuschlagen. Jetzt jedoch, fast dreieinhalb Monate nach dem Erdbeben, fällt das Gespenst der Vertreibung erneut über sie her.

Jene Menschen, die noch kurze Zeit zuvor im untersten Teil des Golfplatzes von Petionville lebten, haben einen Exodus in Richtung Corail in Gang gesetzt. Von dort können sie jedoch nicht mehr ohne Weiteres in die Hauptstadt pendeln, um einer Arbeit nachzugehen.

Dabei handelt es sich jedoch lediglich um zehn Prozent derer, die auf diesem Sportfeld zusammengepfercht waren und deren Zahl ist geradezu winzig verglichen mit der Gesamtmenge derer, die voraussichtlich noch wegziehen müssen. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass alle auf dem Golfplatz Campierenden binnen kürzester Zeit gezwungen sein werden, ihren Standort zu verlassen, da der Eigentümer dies verlangt.

Das könnte der Grund für die bereits begonnene Umsiedlung der Obdachlosen sein, denn das Argument der Überschwemmungen täuscht niemanden, der mit den Bedingungen in Port-au-Prince vertraut ist. In der Hauptstadt gibt es noch Dutzende von Lagern, die bedroht sind überschwemmt zu werden, sobald der Regen einsetzt.

Abgesehen davon, dass es nur eine Zwischenlösung ist, ist es für die Regierung ein ernst zu nehmendes Problem, Menschen von einer Stelle zur anderen umzusiedeln. Denn dort, wo die Menschen nun hingehen, gibt es keine optimalen Lebensbedingungen, ganz zu Schweigen von der Möglichkeit zu arbeiten oder seinen Lebensunterhalt zu erwerben.

Diese Aussicht erfordert auch weiterhin zwingend die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser. Damit wird zugleich verhindert, dass die Menschen eine für den Aufbau des Landes und für das Wohl der eigenen Familie sinnvolle Aufgabe übernehmen können.

Derweil lassen sich an einigen noch sehr wenigen Stellen Bauarbeiten beobachten; durch die Erdbewegungen nimmt die Zerstörung der beschädigten Gebäude noch weiter zu. Nichtsdestotrotz geht das Beseitigen der Trümmer in einem extrem langsamen Tempo voran oder ist schlecht organisiert. Es werden wohl noch Jahre vergehen, bis alle Trümmer und Rückstände auf den zerstörten Grundstücken ihren endgültigen Platz finden.

Viele Straßen sind weiterhin mit Bergen von Betonabfällen, Metalldrähten und Steinen bedeckt. Sogar Hauptverkehrstraßen sind davon betroffen, wie die von Port-au-Prince ins benachbarte Leoganne. Dort ist auf einigen Abschnitten Schutt angehäuft, was das an sich schon unübersichtliche Verkehrsnetz verkompliziert.

Es ist jedoch nicht alles schlecht in Port-au-Prince und dem ganzen westlichen Departement. Der Schulunterricht hat vor Kurzem wieder begonnen. Wenn auch nicht für alle gleichzeitig, so ist doch die Wiederaufnahme des Schulbetriebs für die Kinder ein Zeichen des Fortschrittes. In einigen Camps, insbesondere denen am Stadtrand, werden Großraumhäuser aus Holz errichtet. Sie dienen dem Schutz derBewohner*innen für Zeiten in denen Überschwemmungen und Stürme drohen – saisonale Wetterextreme, die in etwa einem Monat erwartet werden.

Somit würden ab dem 1. Juni die großen Probleme für die Regierung und für die helfenden internationalen Organisationen erst anfangen. Denn neben dem Risiko, dass viele Camps von den Stürmen und Wassermassen zerstört werden könnten, bringt der Regen auch einen Anstieg von Krankheiten mit sich. Die Zahl der von Malaria, Typhus, und Durchfall Infizierten könnte dann steigen. Insbesondere Kinder und ältere Menschen wären als verwundbarste Altersgruppen hiervon betroffen.

Immerhin haben diejenigen Menschen, die bereits durch das Beben irgendeine Form der Amputation erlitten haben, ungefähr 4.000 an der Zahl, ihre Wunden bereits auskuriert. Jetzt erholen sie sich in der Hoffnung, bald eine Prothese zu erhalten, mit der sie ihr Leben wieder aufnehmen können. In dieser Funktion leisten die kubanischen Ärzt*innen und Mitarbeiter*innen Fundamentales. Jeden Morgen füllen sich die Krankensäle der Stadt und der umliegenden Gemeinden mit medizinischem Helfer*innen, die alle ihr Bestes dafür geben, dem Leid ein Ende zu setzen.

 

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