Mexiko

Das Ratten-Erratum und der Mais


von Ana de Ita*

Statt buntem einheimischen Mais könnte es bald nur noch Genmais geben / archivo de proyectos, CC BY-NC-SA 2.0, flickr(Mexiko-Stadt, 16. Oktober 2012, la jornada-poonal).- Während die unabhängigen Wissenschaftler*innen des in Frankreich beheimateten Komitees für Unabhängige Forschung und Information über Gentechnik CRIIGEN (Comité de Recherche et d’Information Indépendantes sur le génie Génétique) die Welt über Tumore, Leber- und Nierenschäden, vorzeitiges Altern sowie Störungen des Reproduktionssystems und weitere Anomalien bei mit Genmais gefütterten Ratten informieren (vgl. Silvia Ribeiro, Rattenjagd – Original in La Jornada vom 6. Oktober), beeilt sich Monsanto, den mit Präsident Felipe Calderón geschlossenen Pakt einzufordern, die Aussaat von Genmais in Mexiko noch vor dem Ende seiner Amtszeit freizugeben.

Anträge für über 1.000.000 Hektar Genmaisanbau

Im vergangenen September beantragte Monsanto die ersten beiden Genehmigungen für die kommerzielle Aussaat auf einer Fläche von 700.000 Hektar im Bundesstaat Sinaloa. Einige Wochen später folgte Pioneer Hi-Bred International mit dem Antrag für die kommerzielle Aussaat auf 320.000 Hektar in Tamaulipas. Unter den Genmais-Sorten, die auf das Feld gebracht werden sollen, befindet sich auch der Mais MON 603 von Monsanto, der eine Hauptrolle bei den Versuchen Dr. Seralinis vom CRIIGEN gespielt hat.

Normalerweise werden in Sinaloa 300.000 Hektar Mais im Bewässerungsfeldbau angebaut. Monsanto hat nun allein 700.000 Hektar für den Herbst-Winter-Zyklus beantragt. Bereits im kommenden Dezember will das Unternehmen Genmais auf allen in Sinaloa bestehenden Bewässerungsflächen ausbringen. Dies betrifft die Landkreise Ahome, Angostura, Culiacán, El Fuerte, Elota, Guasave, Mocorito, Navolato, Salvador Alvarado und Sinaloa de Leyva.

Abhängigkeit der LandwirtInnen

In Tamaulipas hat Pioneer die Absicht, die Hektarfläche für den Maisanbau zu verdoppeln und dabei Genmais in den Landkreisen Camargo, Gustavo Díaz Ordaz, Matamoros, Miguel Alemán, Reynosa, Río Bravo und Valle Hermoso zu pflanzen.

Die Landwirt*innen in Sinaloa und Tamaulipas, die Mais für den Markt produzieren, benutzen hybrides Saatgut, das sie Jahr für Jahr von den multinationalen Saatgutproduzenten wie Monsanto, Pioneer und Dow kaufen. Es sind dieselben Unternehmen die das gentechnische veränderte Saatgut produzieren und fördern. Wenn diese Unternehmen beschließen, nur noch transgenes Saatgut zu vermarkten, werden die Bauern und Bäuerinnen keine Option haben. Und diejenigen die sich gegen Gensaaten entscheiden, werden ihre Pflanzungen durch den Anbau ihrer Nachbarn kontaminiert sehen. Ihr Mais wird sich beim Transport, in den Silos, auf Verladebändern und in Lagern mit der Gensaat vermischen. So wie es in USA geschah. Es wird auch in Mexiko unmöglich sein, Genmais von konventionellem Mais zu trennen. Am Ende wird die gesamte Ernte kontaminiert sein.

Tortillas mit Genmais

Sinaloa steht an erster Stelle der Mais produzierenden Bundesstaaten. Die Ernte wird im Juni und Juli eingebracht und trägt etwa 5 Mio. Tonnen zur Gesamtproduktion bei. Der Mais aus Sinaloa kommt in die Großstädte und ist für den menschlichen Konsum bestimmt. Wenn Monsanto die Genehmigungen erhält, werden die Bewohner*innen von Mexiko-Stadt, Monterrey oder Tijuana, um eine wichtige Städte zu nennen, Mitte kommenden Jahres transgene Tortillas (Maisfladen) verzehren.

Diese werden natürlich nicht mit Etiketten versehen sein, auf denen gewarnt wird: „Der Verzehr transgener Tortillas verursacht Krebs, Sterilität und Immunkrankheiten“. Genauso wenig wird ihnen eine Fotografie der Ratten mit tischtennisballgroßen Tumoren beigelegt werden. Die Stadtbevölkerung wird nicht die Wahl haben, Tortillas und andere Maisprodukte zu konsumieren, die gesund und gentechnikfrei sind.

Da der Mais aus Sinaloa in so gut wie alle Winkel des Landes kommt, dehnt sich die Bedrohung auf andere ländlichen Zonen aus. Dort wird der Genmais zudem die örtlichen Arten und Sorten kontaminieren, indem er die Transgene unter den einheimischen Mais streut.

Schätzungen gehen von einem durchschnittlichen jährlichen Maiskonsum von 115 Kilo pro Person und Jahr in Mexiko aus. Der Mais liefert etwa die Hälfte des Kalorienbedarfs und ein Drittel der notwendigen Proteine. Er ist daher ein fundamentaler Nahrungsbestandteil für die gesamte Bevölkerung.

Fiktion einer öffentlichen Befragung

Die Anträge von Monsanto und Pioneer werden derzeit einer öffentlichen Befragung unterzogen. Doch diese Befragung ist reine Fiktion, denn die in ihrem Rahmen vorgebrachten Argumente werden nicht berücksichtigt, wenn die Genehmigungen erteilt werden. Angesichts der fehlenden Verantwortung der Behörden und eines Gesetzes zur Biosicherheit, das die Interessen der Bevölkerung in keinster Weise schützt, muss die Zivilgesellschaft dringend tätig werden, um die kommerzielle Aussaat von Genmais in Mexiko zu stoppen.

Die Ratten in den Experimenten von Dr. Seralini sind ein Zeugnis für die durch Transgene verursachten gesundheitlichen Schäden. In Mexiko gäbe es aufgrund der neuen wissenschaftlichen Befunde und im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip nur eine einzige vernünftige Konsequenz: Der Staat muss das Moratorium für die experimentelle und kommerzielle Aussaat von Genmais wieder einführen, bevor es Auswirkungen auf Menschen gibt und Monsanto sowie die übrigen ein Erratum herausgeben müssen, in dem sie akzeptieren, dass ihre transgenen Lebensmittel schädlich für die menschliche Gesundheit sind.

*Die Autorin arbeitet für das Zentrum für den Wandel in der mexikanischen Landwirtschaft CECCAM (Centro de Estudios para el Cambio en el Campo Mexicano)

 

Der Originalartikel erschien am 16. Oktober 2012 in der mexikanischen Tageszeitung „La Jornada„.

Übersetzung: Entre Campos- Entre Pueblos

CC BY-SA 4.0 Das Ratten-Erratum und der Mais von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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