Mexiko

Chihuahua: Durchschnittlich ein Frauenmord pro Tag


von Gladis Torres Ruiz

(Mexiko-Stadt, 14. Juli 2010, cimac).- In Chihuahua ist die Zahl der Frauenmorde in diesem Jahr so stark angestiegen wie noch nie zuvor. „Jeden Tag wird eine Frau gewaltsam ums Leben gebracht. Die Zahl der im Jahr 2010 begangenen Frauenmorde ist bereits so hoch wie die Summe aller Morde aus den letzten fünf Jahren“, erklärt Irene Miramontes, Leiterin der staatlichen Beobachtungsstelle für Frauenmorde und Gewaltsames Verschwindenlassen – Gerechtigkeit für unsere Töchter (Observatorio Estatal del Feminicidio y Desapariciones de Justicia para Nuestras Hijas) in einem Telefoninterview.

Die Zahlen habe man durch die Auswertung von Pressemeldungen und Archiven sowie Zugangsgesuche zu Informationen der Behörden ermittelt, so Miramontes. Da von staatlicher Seite in Mexiko keine verlässlichen und öffentlich zugänglichen Statistiken erstellt werden und die Zahlen der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Chihuahua sehr durcheinander gingen, hätten verschiedene Organisationen Untersuchungen durchgeführt.

Aus den Daten der staatlichen Beobachtungsstelle geht hervor, dass die Zahl der Frauenmorde in den letzten beiden Jahren deutlich zugenommen hat: während 1993 noch 29 Frauenmorde registriert wurden, seien vom 1. Januar 2010 bis zum 11. Juli 2010 bereits 207 Frauen im Staat Chihuahua umgebracht worden. In 16 Jahren habe man insgesamt 884 ermordete Frauen registriert. Nach Ansicht von Miramontes haben das Schweigen über die Existenz derartiger Straftaten ebenso wie die Straffreiheit zu dem stetigen Anstieg der Mordrate geführt.

Die Leiterin des Zentrums für Frauenrechte, Alma Gómez Caballero, erklärte in einem Telefoninterview, dass diese Fakten die momentane Situation wider spiegelten, die einer Zunahme von Gewalt eher noch förderlich sei. Außerdem sei die Zahl der Vergewaltigungen ebenfalls alarmierend hoch: Durchschnittlich werde jeden zweiten Tag eine Frau im Bundesstaat vergewaltigt, so Gómez. “Diese Angaben basieren auf offiziellen Daten, das heißt: auf Vorfällen, die gegenüber den Behörden angezeigt worden sind. Die Zahl der Vergewaltigungen könnte real durchaus höher sein, da eine große Zahl der Opfer aus Angst oder wegen mangelndem Zugang zum Rechtssystem gar nicht erst Anzeige erstattet“, gab die Menschenrechtlerin zu bedenken.

Früher hätten die Behörden den Opfern die Schuld gegeben, weil sie sich angeblich aufreizend gekleidet hätten, heute schiebe man die Morde der organisierten Kriminalität in die Schuhe, so Imelda Marrufo vom Frauennetzwerk Cuidad Juárez. In der Mehrzahl der Fälle werde jedoch damals wie heute niemand für diese Straftaten verurteilt.

Zu all dem komme noch hinzu, dass die vom mexikanischen Staat zur Verbesserung der Situation geschaffenen Institutionen und Organisationen völlig unzureichend arbeiten, unterstrich Marrufo Nava vom Frauennetzwerk in Ciudad Juárez.

Die staatliche Beobachtungsstelle „Gerechtigkeit für unsere Töchter“ sehe es daher als unerlässliche und sehr dringende Aufgabe an, dass Institutionen, die zur Vorbeugung, Beendigung und Bestrafung des Frauenmordes ins Leben gerufen wurden, ihren Zweck erfüllen und positive Resultate erbringen, erklärte deren Leiterin Irene Miramontes. Die mexikanische Justiz müsse außerdem den Zugang zur Justiz garantieren und dafür sorgen, dass die Menschenrechte gemäß den bereits ratifizierten internationalen Abkommen auch eingehalten würden. Sie erinnerte daran, dass der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte den mexikanischen Staat am 16. November 2009 für einen der wichtigsten Fälle von Frauenmord in Cuidad Juárez, der unter dem Namen „der Fall González und Andere vs. Mexiko“ (Campo Algodonero) bekannt ist, verurteilt hatte (vgl. poonal 877).

Der Gerichtshof hatte den mexikanischen Staat in seinem Urteil angewiesen, eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, um Frauenmorde angemessen zu untersuchen, die Schuldigen zu bestrafen und künftig zu garantieren, dass sich derartige Vorfälle nicht wiederholen werden. Diese Auflagen habe der mexikanische Staat größtenteils nicht erfüllt, was zu der gegenwärtigen Situation beigetragen habe, so Miramontes.


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