Brasilien

Bergwerkskatastrophe: Menschen zu spät vor Schlammlawine gewarnt


von Joana Tavares, Mariana

Foto: Joana Tavares, Brasil de fato, CC_BY-NC-ND_2.0(Mariana-Berlin, 19. November 2015, brasil de fato-poonal).- Der 5. November 2015 wird in Erinnerung bleiben als der Tag der größten Berbau-Katastrophe, zu der es in Brasilien je gekommen ist. Der Dammbruch zweier Rückhaltebecken einer Eisenerzmine im Bundesstaat Minas Gerais löste eine Gifte mit sich führende Schlammlawine aus, die eine Ortschaft unter sich begrub und mindestens 17 Menschen das Leben kostete. Die genauen Auswirkungen der Katastrophe sind noch nicht messbar.

In Paracatu de Baixo, einem 300 Seelen-Ortsteil der Stadt Mariana waren nahezu alle Häuser, die Schule, Bars, Geschäfte und die Kirche entweder vom giftigen Schlamm bedeckt oder unter diesem begraben. Die Flut kam hier drei Stunden nach dem Dammbruch an. Noch zwei Wochen nach dem Horror wirkt die Gemeinde wie ein Kriegsschauplatz. Wo früher Straßen waren, verlaufen nur noch schmutzige Pfade. Kein Mensch ist unterwegs. Herrenlose Hunde streunen durch die Gegend auf der Suche nach sauberem Wasser. Einige LKW´s und Bagger räumen langsam einen Teil der schlammigen Überreste weg.

Staat überlässt die Menschen ihrem Schicksal

Die Mine, von der das Unglück ausging, gehört Samarco, einem Gemeinschaftsunternehmen der brasilianischen Vale und von BHP Billiton – im Bergbausektor zwei Giganten. Ein Direktor von Vale hat in der Nähe ein Landhaus. Er ist jetzt aber nicht hier. Genau so wenig wie die Feuerwehr, die Militärpolizei und die Assistência Social, die im Namen eigentlich die Aussage trägt, dass sie Menschen in Not beisteht. Bei den Aufräumarbeiten lässt sich kein Vertreter des Staates blicken, niemand spricht mit den wenigen Menschen, die in der kleinen Geisterstadt geblieben sind, die gut 100 Kilometer von Belo Horizonte, der geschäftigen Hauptstadt des Staates Minas Gerais entfernt liegt. Auch am Tag der Tragödie selbst wurden die Menschen allein gelassen.

Bewohner*innen erzählen, sie hätten sich am Abend jenes 5. November auf dem zentralen Platz des Ortes befunden, gleich sollte ein Fußballspiel beginnen. Auf einmal tauchte über ihren Köpfen ein Hubschrauber der Feuerwehr auf: Man habe 15 Minuten Zeit, um sich von hier zu entfernen. Zwar hatten die Menschen von der Katastrophe gehört, die wenigen Stunden zuvor Bento Rodrigues nahe Mariana getroffen hatte. Doch lag der Ort ja viele Kilometer entfernt. Sicher konnte man dennoch nicht sein, dass der Schlamm nicht auch ihre Häuser ergreifen würde.

Leichen und Tierkadaver von Flutwelle mitgerissen

Vom Hubschrauber aus erklang also die Warnung, aber niemand stieg aus, um bei der übereilten Flucht zu helfen. Kein Vertreter des Staates und kein Vertreter des Unternehmens stand den Menschen zur Seite, als die Schlammlawine sich ergoss und tote Menschen und Tierkadaver mit sich riss. Paracatu de Baixo war ein Ort, in dem die BewohnerInnen gerne lebten. Nichts ist mehr, wie es war. Es gibt kein Wasser, kein Licht – und keine Informationen. Ein Mann erzählt, man gehe hier jeden Sonntag in die Kirche. Sein Haus sei verschont geblieben, Gott habe es geschützt. Die Menschen hier seien arm, sie kämpften hart, um sich das wenige zu verdienen.

Den Unternehmen sei kein Vorwurf zu machen, sagt der Mann. Er glaube nicht, dass sie in irgendeiner Weise für die Situation verantwortlich seien. Die Schuld trage das Leben. Die Frau und die Kinder des Mannes sind in Mariana in Hotels und Pousadas untergekommen, ebenso wie die Mehrzahl der Bewohner*innen von Bento Rodrigues. Andere Menschen fanden bei Verwandten, die in der Region leben, eine Bleibe.Sie erhalten vom Staat keine Unterstützung.

Schlamm ergießt sich nach zwölf Stunden über einen Ort

Den Ort Barra Longa bewahrte auch eine Entfernung von 60 Kilometern von der Stelle des Dammbruchs nicht vor dem Schlamm: Hier kam er zwölf Stunden danach an. Eine Warnung gab es nicht. Die Wucht der Flut war so groß, dass sich kaum die Haustüren öffnen ließen. Dutzende weiterer Orte in der Region wurden von der Schlammflut heimgesucht. Der Schlamm ergoss sich im Lauf der Zeit auch in den Atlantik und verschmutzte Tausende von Quadrakilometern Meer. Fische gehen zugrunde, die Auswirkungen auf die Wasserlebewesen insgesamt lassen sich nicht messen.

Der Umweltingenieur Eduardo Barcelos hebt hervor, dass der Schlamm nicht nur Gifte in sich trage, sondern auch Pflanzen, Tier, Menschen und Weidefläche weggespült habe, ebenso wie Reste von Baumaterialien, Klärschlamm und Abwasserrohre. Der Schlamm enthalte Metalle, er führe giftige und Krebs hervorrufende Substanzen mit sich. Die Wirkung auf den Stoffwechsel erfolge nicht sofort, sondern mitunter erst nach langer Zeit. Fatalerweise fiel die Katastrophe auch noch mit dem Beginn der Regenzeit in Minas Gerais zusammen, die hier von November bis Februar dauert.

Und da die Gegend gebirgig sei, komme der Schlamm noch schneller voran. Barcelos zufolge wird der Schlamm nirgends hängen bleiben. Er werde noch viele andere Orte erreichen.

Betroffene finanzieren selbst Untersuchungen

Umweltstellen fertigen Gutachten über die Zusammensetzung des Schlamms an. Währenddessen hat sich auch die Gesellschaft mobilisiert. Auf Basis einer kollektiven Finanzierung wurden weitere Untersuchungen vorgenommen. Das Bergbauunternehmen Samarco indes bestreitet, dass das Wasser Schwermetalle enthalte. Obwohl unabhängige Gutachten dies längst bestätigt haben.

Die öffentlichen Organe dagegen pflegen eine distanzierte und bewusst unklar gehaltene Sprache. Schlüssige Antworten werden vermieden, während die Bevölkerung den Bruch eines dritten, dreimal so großen Dammes fürchtet. Das Risiko eines Bruchs des 1978 fertiggestellten riesigen Dammes macht schon mindestens seit 2005 die Runde. Die Arbeiter hatten nachts Angst, dort zu bleiben. Die Menschen leben ständig mit der Gefahr eines noch größeren „Unfalls“.

Und was macht Samarco? In der Presse beteuert das Unternehmen, dass die Region 24 Stunden am Tag überwacht werde. Sollte es zu einem Dammbruch kommen, würden die Alarmglocken diesmal rechtzeitig schrillen. Womit das Unternehmen nicht beruhigt, sondern das Risiko zugibt.

Bergbau prägt die Identität von Minas Gerais seit Jahrhunderten

Der Bergbau hat in Minas Gerais eine lange Tradition. Schon vor 300 Jahren erkundeten die Portugiesen hier Goldminen. Und als die Vorkommen erschöpft waren, ging es mit Eisenerz weiter. In den kleinen Städten in Minas Gerais hat sich den Menschen ins Gedächtnis eingeprägt, was sie von ihren Großeltern hörten, und die wiederum von ihren Großeltern: Wo es eine Mine gibt, gibt es Arbeit. Und damit Geld.

Die alten Häuser der Erz-Barone dienen heute als Sitze der Bergbauunternehmen. In Minas Gerais sind viele Minen in Betrieb, einige stillgelegt, während andere wiederum kurz davor stehen, den Betrieb aufzunehmen. Genau genommen sind es nur zwei Bergbauunternehmen: Vale und eben Samarco.

 

Dieser Artikel ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts:

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