Uruguay

Bergoglio ist nicht Charlie – Meinungsfreiheit und Religion


Man darf nicht mit Gewalt reagieren, aber man kann es doch

Wie vorherzusehen war, wiederholte der katholische Monarch seine Verurteilung des Attentats und unterstrich den Wert der Meinungsfreiheit. Dennoch, „es gibt Grenzen“, fügte er hinzu: „Man darf den Glauben der anderen nicht provozieren, ihn nicht beleidigen. Man darf sich über den Glauben nicht lustig machen. Das darf man nicht“. Zusammengefasst also: Meinungsfreiheit, ma non troppo [aber nicht zuviel davon, Anm. der Ü.]. Überdies, auch wenn man „nicht mit Gewalt reagieren darf“, so ist es doch nach Ansicht von Bergoglio „normal“, dass angesichts gewisser „Provokationen“ eine Reaktion erfolge. So ließ er beispielsweise verlauten, „[w]enn Doktor [Alberto] Gasbarri [Verantwortlicher der päpstlichen Reisen, der sich in diesem Moment an seiner Seite befand] schlecht über meine Mutter spricht, kann er mit einem Faustschlag rechnen“. Mit anderen Worten: Man darf nicht mit Gewalt reagieren, aber man kann es doch, zumindest in bestimmten Situationen. Besonders dann, wenn es sich um heilige Dinge handelt: Nicht mit der Alten und mit der Kirche schon gar nicht.

Nur diejenigen, die auf das Image eines „Schweinehirten, der krampfhaft progressiv ist“, hereingefallen sind, dürften sich überrascht zeigen, nun in so wenigen Worten solch fundamentale Widersprüche zu finden. Es überrascht auch nicht, dass in Frankreich, als sich gerade einmal der Staub der Kämpfe über die noch warmen Särge von Charb, Cabu, Wolinski, Tignous, Maris und den anderen sieben Ermordeten von Charlie Hebdo gelegt hatte, der große Rabbiner und die wichtigsten Sprecher des Islam die altbekannten Reflexe ihres absolutistischen Monotheismus wiedererlangten (entschuldigt bitte die Redundanz) und die Massenmedien mit ähnlich klingenden Äußerungen wie die von Bergoglio überschütteten. Sie waren selbstverständlich weniger von tangoartigen Referenzen an die Alte durchzogen, doch auch bei ihnen sollten die Äußerungen dazu dienen, für sich selbst einen Raum zu fordern, der frei bleiben müsse von allen satirischen Launen.

Pierre Desproges: „Es ist möglich, über alles zu lachen, aber nicht mit jedem“

So bestätigt sich einmal mehr die Definition des Judaismus von Pierre Desproges, einem anderen französischen Humoristen, der 1988 verstarb und zu Beginn der 1980er Jahre für kurze Zeit bei Charlie Hebdo mitarbeitete. Desproges definierte diesen wie folgt: „Religion der Juden, die auf dem Glauben an den einzigen Gott fußt, wodurch sie sich von der christlichen Religion unterscheidet, die auf dem Glauben an den alleinigen Gott basiert, und die sich noch weit mehr von der Religion der Moslems unterscheidet, die entschieden monotheistisch ist.“

Desproges ist auch der Autor des bekannten Aphorismus, wonach es „möglich ist, über alles zu lachen, aber nicht mit jedem“. Ganz offensichtlich ist Bergoglio nicht „jeder“, genauso wenig wie es der Großrabbiner von Frankreich ist oder die Vertreter des Islam. Keiner von ihnen ist Charlie, oder sie sind es bereits ein bisschen weniger als noch vor einigen Tagen. Vielleicht waren sie es auch nie, so wie es sicher auch viele Gläubige jener Religionen nicht sind, die sie repräsentieren. Klar ist, dass nicht Charlie zu sein, ganz unzweifelhaft legitim ist.

Mehr noch: Glücklicherweise ist nicht die ganze Welt Charlie. Es geht auch nicht darum, in diesem Falle Einigkeit zu fordern, sondern ganz im Gegenteil, festzustellen, dass die Forderung nach Geschlossenheit von der anderen Seite herrührt, genau genommen von den monotheistischen Religionen, deren innerer Antrieb die Unterscheidung ist zwischen der Wahrheit, die notwendigerweise einzig ist, und dem Falschen, dem Unechten, dem Zweifelhaften, dem Fehler. Das geht sogar soweit, dass es angebracht erscheint sich zu fragen, ob das Attentat, das die Wände einer Pariser Redaktion mit Blut bespritzte, nur ein bedauerliches Furunkel des Monotheismus oder vielmehr der Ausdruck einer seiner intrinsischen Logiken ist, zur letzten Konsequenz geführt.

Ein verwundbarer Pakt

Das aeronautische Coming Out von Bergoglio bietet also eine willkommene Erinnerung daran, als ob das überhaupt nötig wäre, dass mit Massakern – und das von Charlie Hebdo war nur eines davon – oder auch ohne, man weit davon entfernt ist, das Problem gelöst zu haben wie man sich in Gesellschaften, die vorgeben offen zu sein, mit den Botschaftern des Absoluten und seinen AnhängerInnen auseinandersetzt. Wie kann man den Totalitarismus der monotheistischen Religionen in Schranken halten? (Ja, Totalitarismus: eine einzige Wahrheit, ausgesandt von einem einzigen, omnipräsenten, allwissenden und omnipotenten Gott). Wie kann man das Recht auf den Witz garantieren und – warum auch nicht – auch das Recht darauf, der eigenen Geringschätzung von Weltsichten Ausdruck zu verleihen, die das außerordentliche Privileg für sich beanspruchen, als ausschließliche Wahrheit akzeptiert zu werden? Wie die Bevormundung hinsichtlich dessen zurückweisen, wie jedes Individuum die eigene Existenz zu verstehen und zu leben hat, auf die Legionen von Klerikern keinesfalls verzichtet haben? Und schließlich, wie die Bestie zähmen, die weiß, wie man seine VerläumderInnen beißt, indem sie die Rollen mit bewährter rhetorischer Effizienz umzudrehen weiß (die KritikerInnen sind die Intoleranten)?

Man wird sagen, dass einige Antworten auf diese Fragen bereits mit der Schaffung der laizistischen Staaten gegeben worden sind. Der Pakt scheint vernünftig (dem Kaiser, was des Kaisers ist, Gott, was Gottes ist), und verschiedene Staaten unterschrieben ihn mit relativem Erfolg seit ungefähr einem Jahrhundert: Frankreich, die Türkei oder Uruguay, das dem Uralt-Batllismo (1) einen Laizismus verdankt, der genug Luft zum Atmen lässt, auch wenn er weder perfekt noch vollendet ist. Dieser Pakt ist verwundbar und in Uruguay hat er bei Gelegenheiten von durchschlagender Gewalt Risse bekommen. Es ist nicht angebracht, darauf jetzt näher einzugehen, schon deshalb weil – selbst wenn der Laizismus solide und allgemein respektiert wäre – es damit nicht getan wäre.

Ein titanisches Unterfangen

Auch die schlichte Säkularisierung ist nicht ausreichend, wenigstens, wenn sie im schwächeren Wortsinne verstanden wird, das heißt, als Privatisierung des Religiösen und der durch diesen Rückzug erreichten Befreiung eines öffentlich-neutralen Raumes. All das ist zwar unabdingbar, aber keinesfalls hinreichend. Selbst die größten Schutzwälle können eines Tages überrollt werden. Es geht also um etwas anders – und das ist ein langfristiges Unterfangen: Es geht darum, den Monotheismus, ja sogar die Religion hinter sich zu lassen. Komplett.

Ein titanisches Unterfangen, das erfordert, alle Ideen des Absoluten – nicht umsonst ist der „Relativismus“ eine Zielscheibe der immer wiederkehrenden Rhetorik des Vatikans – und folglich der Transzendenz abzulegen. Nachdem einige Jahrtausende in dem Glauben vergangen sind, dass im Obergeschoss jemand leben würde, durch den unser Apartment im Untergeschoss Sinn machen würde, wäre es möglich – und meines Erachtens sogar wünschenswert – das Obergeschoss, das in Wahrheit leer ist, zuzumauern. Und zwar so, dass niemand dort mehr eindringen kann, und es schlussendlich dann zu zerstören.

Die Schaffung einer Gesellschaft, die mit einer zu allem bereiten Freude akzeptiert, in einer Welt zu leben, in der es nur ein Untergeschoss gibt, ist möglicherweise eine Utopie. Aber es gibt keinen Grund, dies nicht zu versuchen, und in diesem Bemühen ist es am besten, auf gute Abrissfirmen zu setzen. Karikaturen, die von Charlie Hebdo zum Beispiel, tragen zweifellos zu diesem Ziel bei, da sie wie eine gute Säure auch, dabei helfen, die festen Bestandteile zu lösen.

Fußnote:

(1): Battlismo: Politische Strömung in Uruguay zu Anfang des 20. Jh., die auf den zweimaligen Präsidenten Uruguays José Batlle y Ordóñez zurückgeht. Mehr Informationen unter: http://es.wikipedia.org/wiki/Batllismo

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