Kolumbien

Basisradios: „Lokal denken – global handeln“. Interview mit Milton Patiño


von Patricia Rendón (Vokaribe,net)

Milton Patiño im Rundfunkdialog mit Vokaribe.net / Archiv M. Patiño, vokaribe.net(Berlin, 27. März 2011, npl).- In der Serie “Rundfunkdialoge” (Diálogos Radiofónikos) berichtet Vokaribe.net über die Entwicklung der Basisradios in Kolumbien. Dieses Mal sprachen wir mit Milton Patiño, einem Pionier der Basisradios in der kolumbianischen Karibik. Das Gespräch mit Milton Patiño haben wir per Internet geführt. Ein sehr spannender Austausch, bei dem er uns seine kritischen und reflexiven Gedanken mitgeteilt hat.

VoKaribe: Zunächst möchten wir dich fragen, wie du den Handlungsraum, die Formen und Nutzungsweisen, die Basisradios heute in Kolumbien haben, beschreiben würdest.

Milton Patiño: Zunächst einmal danke ich euch für die Einladung und dafür, dass ich Teil dieser Dialogreihe sein darf. Es ist mir eine große Freude, mit VoKaribe zu sprechen, insbesondere in dieser Form, die eine neue Phase und eine ausgezeichnete Übung für ein Projekt darstellt, dass ich habe wachsen sehen. Es begeistert mich sehr zu sehen, dass es auf dem Weg der Basisradios vorangeht.

Um deine Frage zu beantworten: ich sehe in Kolumbien drei klar definierte Handlungsräume: Kleine Kommunikationsunternehmen, die mit dem Dienstleistungssektor und dem dritten Wirtschaftssektor verbunden sind sowie Orte des Aufeinandertreffens und der Anerkennung lokaler Kulturen… Und ein dritter Raum, zu dem die Orte gehören, wo andere Stimmen, andere Musik und andere Vorstellungswelten in Erscheinung treten und wo die Forderungen der Basis öffentlich gemacht werden, mit allen Risiken und Chancen, die dies nach sich zieht.

Die Formen und Nutzungsweisen der Basisradios sind konflikthaft in einem Szenarium, in dem verschiedene soziale und bewaffnete Akteure des ungelösten Konflikts in Kolumbien für sich das Recht beanspruchen, die Medien für ihre Interessen zu benutzen. Die Sprecher sehen in Basisradios ein effektives Mittel, lokale Hörerschaften zu erreichen. Um die formellen Auflagen zu vereinfachen, fordern sie, dass sich Basismedien zu Netzwerken zusammenschließen, also nicht von einer eigenen Sendestation in einer Gemeinde senden.

Doch genau dieses Prinzip erleichtert es dem entstandenen Netzwerk, Zugang zu kommerziellen Regularien zu erlangen, ein soziales Projekt zu präsentieren und sich somit in die Logik der Einmischung seitens der Nichtregierungsorganisationen und der Agenturen der Entwicklungshilfe einzufinden.

Patiño bei der Arbeit als Radiojournalist und Produzent / Archiv M. Patiño, vokaribe.netAn Orten, wo es bewaffnete Akteure gibt, können Basisradios sich zu Räumen entwickeln, in denen Visionen des Zusammenlebens realisiert werden. Allerdings muss je nach Region darauf geachtet werden, dass die Räume nicht von der einen oder anderen Konfliktpartei für militärische Ziele benutzt werden.

Auch von Kleinunternehmern kann das Basisradio ausgenutzt werden. Etwa, um Musik zu spielen, die sich wie eine schlechte Kopie eines kommerziellen Radios anhört. Hierbei wird dann vergessen, dass es einen sozialen Grund gibt, dessentwegen eine Lizenz vergeben wurde. Das Soziale ist der Schauplatz, in dem die Gemeinden das Radio als ein kollektives Gut einfordern.

VoKaribe: Welche Wirkung haben für dich gemeinschaftliche und lokale Prozesse?

Patiño: Für mich verdienen sie große Beachtung, meiner Ansicht nach besteht die Herausforderung heute darin, Szenarien zu entwerfen, in denen lokale Ideen mit globalem Handeln verknüpft werden, wie bei den solidarischen Netzwerken im Internet. Lokal denken und global handeln!

VoKaribe: Hat sich das Basisradio nach den Reglementierungen und Legalisierungen in irgendeiner Form gegenüber der Zeit vorher verändert?

Patiño: Wenn ich mich nicht irre, zielen die Reglementierungen einerseits darauf ab, einen Rahmen zu bilden für alle Landkreise mit ihren mehr als 1.000 Sendestationen die bis 2010 eine Lizenz erlangt haben. Andererseits wurden die Auflagen und Möglichkeiten zum gemeinschaftlichen Medienmachen verschärft.

Aber seitdem verändert sich etwas… obwohl die Bewegung der Basiskommunikation hinter den Angeboten des Staates zurückbleibt, der durch sein Kommunikationsministerium die größte Dichte an Gemeinderadios auf dem ganzen lateinamerikanischen Kontinent erreicht. Nur schaffen es die Netzwerke und Knotenpunkte schaffen nicht, autonom zu einem nationalen Treffen oder einer Mobilisierung für eine demokratische Medienpraxis aufzurufen.

VoKaribe: Was du da erzählst, vermittelt uns den Eindruck, dass die Basisradios im Land keine autonome soziale Bewegung repräsentieren?

Patiño: Nein, meiner Ansicht nach ist es zwar durchaus eine Bewegung, aber keine autonome.

VoKaribe: Das staatliche Eingreifen in diese Art von Prozessen zeigt sich in verschiedenen Formen: von der Reglementierung der Radios bis zur Einbindung der Radios in die Konjunkturprogramme der Regierung. Beeinflussen diese Art von Interventionen die Aktivitäten der Radios, ihre Autonomie und die Prozesse, für die sie stehen?

Patiño: In Kolumbien spricht man von der “indigenen Durchtriebenheit”. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass inmitten von Interessen des Staates und Interessen von Agenturen der Entwicklungshilfe auch unsere eigenen Interessen ins Spiel kommen. Und in diesem Spiel kommt es zum Durchdringen und sich durchdringen lassen von Interessen. In manchen Momenten verschmälert man ein Stück die eigene Autonomie, um an eine Ressource zu gelangen – und in anderen Momenten weitet man sie aus, um unsere Interessen zu verteidigen.

VoKaribe: Welche Perspektiven haben die Basisradios in Anbetracht der Tatsache, dass viele von ihnen auch nach zehn Jahren Aktivismus immer noch keine Mittel haben, um sich selbst zu finanzieren?

Patiño: Ich glaube, dass es für die Erhalt eines Basisradios unerlässlich ist, zuallererst ein klar festgelegtes Kommunikationsprojekt zu sein, dem es möglich ist, in der Verwaltung ein Minimum an Personen zu haben, die ihre wirtschaftlichen Einkünfte aus ebendiesem Medium beziehen. Daneben braucht es eine Vielzahl an Freiwilligen, die stundenweise oder halbtags ihren Beitrag zum Radio leisten, ihr Einkommen jedoch aus technischen Tätigkeiten und/oder anderen Erwerbsquellen erzielen. Werbung und die Durchführung von Projekten sind ergänzende Möglichkeiten, müssen aber eindeutig in die Ziele, der Mission und der Vision des Radios als Betrieb und als soziales Projekt eingebunden sein.

VoKaribe: Stehen Basisradios für einen Strukturwandel im Kommunikationssystem des Landes?

Patiño als Dozent beim Audioworkshop / Archiv M. Patiño, vokaribe.netPatiño: Ja, es handelt sich um eine Transformation im Radiospektrum, weil den Gemeinden bestimmte Frequenzen zur Nutzung zugewiesen werden. Das ist in anderen Teilen der Welt viel schwieriger, weil die Frequenzskala schon völlig mit Anbietern gesättigt ist. Ein Ort in diesem Spektrum ist gleichwertig mit den physischen Räumen in einer Stadt, die für die Bewegungsfreiheit von Fußgängern geschaffen werden.

Das Einrichten von solchen Räumen bewirkt neue Formen von Beziehungsmustern und Nutzungsweisen und auch solche, die aus den vorgesehenen Schemata herausfallen. Denn wir Menschen sind aus Emotionen gemacht, aus Ästhetiken, die glücklicherweise über jene Nutzungen hinausgehen, die Makroperspektiven des Entwicklungsgedankens als physische und virtuelle Räume ersinnen und schaffen.

VoKaribe: Das Thema “Friedenskultur” erscheint als ein Ziel vieler Initiativen des dritten Sektors, wie auch von Regierungsinstitutionen im Land. Engagieren sich die Basisradios ebenfalls für diese Aufgabe? Wie wird dieses Anliegen angegangen?

Patiño: ,Zum Frieden in unserem Land beitragen’ und ,die jungen Leute dem Krieg entziehen’ sind Redeweisen, die in den Großprojekten der nordamerikanischen und europäischen NGOs und Institutionen der Entwicklungshilfe auftauchen. Sie entwickeln sich zu einem Joker, mit dem die Erhaltung eines schwerfälligen Bürokratieapparats für die Ausführung, Begleitung und Evaluierung solcher Interventionen gerechtfertigt werden kann.

Wir Kolumbianer sind alle Akteure in einem Konflikt, bei dem vor mehr als 40 Jahren die physische Auslöschung als Lösung des Konflikts angesehen wurde. Und die Massenmedien machen uns zeitweise glauben, dass der illegal bewaffnete Akteur die Ursache und das Ergebnis des bewaffneten Konflikts sei. Als einzig wahren Helden präsentieren sie den Soldat der staatlichen Sicherheitskräfte.

Gleichzeitig verurteilen sie all jene als subversiv, die anders als die aktuelle Regierung denken. Sie richten Sender aus „öffentlichem Interesse“ ein, die jedoch von den Sicherheitskräften, von Armee und Polizei betrieben und als Instrument benutzt werden, um zu demobilisieren, subversive Kräfte zu zermürben. Letztendlich werden sie als ein Mittel zur Kriegspropaganda missbraucht und damit Ziele verletzt, für die der Staat diese Art von Lizenzen auf direkten Weg vergibt.

Das Programm dieser Sender besteht aus Musik für Jugendliche und Zeugenberichten von demobilisierten Guerilla-Kämpfern. Aus Grüßen von jungen Frauen an Soldaten, die diese Sender hören sowie den Anrufen der Soldaten des Vaterlandes aus den Bergen – in Antwort auf die Grüße der jungen Mädchen. Dann kommt noch ein Modethema vor, das allgemein gefallen findet.

VoKaribe: Auch wenn dieses Thema zweifellos Polemik verursacht: Was ist deiner Meinung nach die Rolle der Basisradios im Aufbau von Visionen des Zusammenlebens und einer Friedenskultur inmitten eines andauernden bewaffneten und sozialen Konflikts?

Patiño: Jawohl! Ich glaube, dass das Erschaffen von Visionen des Zusammenlebens und von einer Friedenskultur inmitten eines andauernden bewaffneten sozialen Konflikts nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit ist. Das wird erreicht durch die Beschäftigung mit Themen wie Identität, Selbstwertschätzung, indem man sich attraktive Ressourcen wie Musik und Humor zu Nutze macht.

Und parallel dazu geht es um das Voranschreiten bei Programmen zur Meinungsbildung die von Respekt und Höflichkeit getragen sind und Themen aufgreifen, die für das Land und ein Gebiet wichtig sind. Solange, bis ein Flugblatt oder eine verlorene Kugel uns an einen anderen physischen oder fiktiven Ort zum Arbeiten schickt.

Wir hoffen, dass letzteres niemals geschehen wird. Vielen Dank für deine Beiträge und wir bleiben weiterhin in diesen oder anderen Räumen in Kontakt.

Das Interview führte Patricia Rendón.

(leicht gekürzte Fassung von npl)

alt
http://www.vokaribe.net/

Blog von Milton Patiño: http://sonoarte.blogspot.com/

 


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