Mexiko

Ayotzinapa: CIDH widerspricht weiterhin der „historischen Wahrheit“ der mexikanischen Regierung


Eine Delegation der CIDH besucht die Hinterbliebenen der Verschwundenen von Ayotzinapa. Foto: Flickr/Daniel Cima (CC BY 2.0)

Eine Delegation der CIDH besucht die Hinterbliebenen der Verschwundenen von Ayotzinapa. Foto: Flickr/Daniel Cima (CC BY 2.0)

(Mexiko-Stadt, 17. November 2016, poonal).- James Cavallaro, Präsident der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) forderte am 10. November vor der mexikanischen Presse die Regierung auf, ihre Narration über die gewaltsam verschwundenen Studenten der Lehreruniversität von Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero zu ändern. Mehrfach betonte er, die vom ehemaligen mexikanischen Generalbundesstaatsanwalt Jeśus Karam als „historische Wahrheit“ vorgetragene angebliche Verbrennung der Studenten auf der Müllhalde von Cocula sei physisch unmöglich. Die Kommission werde die andauernden Untersuchungen auf der Grundlage der „soliden Arbeit“ und der Empfehlungen der Unabhängigen Interdisziplinären Expert*innengruppe (GIEI) der CIDH begleiten.

Die fünfköpfige GIEI hatte ein Jahr lang umfangreiches Material über die in der Stadt Iguala von lokaler Polizei und Mitgliedern des organisierten Verbrechens in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 durchgeführte Attacke auf die Studenten zusammengetragen und in zwei ausführlichen Berichten ausgewertet. Ihre Berichte widersprachen in wesentlichen Punkten den Regierungsschlussfolgerungen und warfen den Behörden unter anderem Ermittlungsmanipulationen sowie die Nichtverfolgung bestimmter Ermittlungslinien vor. Insbesondere nahm die GIEI die „historische Wahrheit“ Karams detailliert auseinander.

Das Mandat der GIEI endete am 30. April dieses Jahres nachdem die mexikanische Regierung zuvor klar gemacht hatte, eine zweite Mandatsverlängerung komme für sie nicht in Frage. Nach schwierigen Verhandlungen einigten sich Regierung und CIDH auf einen Folgemechanismus, bei dem es um „Monitoring“ und „Beratung“ geht, wie die Empfehlungen der GIEI umgesetzt werden. Für die CIDH wird ihr Mexiko-Berichterstatter Enrique Gil Botero diesen Prozess koordinieren. Ein Erfolg ist fraglich. So versichert die mexikanische Generalbundesstaatsanwaltschaft, deren Spitze erst gerade wieder ausgetauscht wurde, sie habe die Empfehlungen der GIEI „zu 93 Prozent“ erfüllt. Ein offizielles Abrücken von der „historischen Wahrheit“ gibt es bis heute nicht. Auch die am 21. Oktober erfolgte Verhaftung von Felipe Flores, des seit dem Verbrechen flüchtigen ehemaligen Polizeichefs von Iguala, hat bisher keine Klärung des Schicksals der 43 Studenten erbracht. Zumindest sind etwaige neue Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

CC BY-SA 4.0 Ayotzinapa: CIDH widerspricht weiterhin der „historischen Wahrheit“ der mexikanischen Regierung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Drei Jahre ohne die 43 aus Ayotzinapa Von Orlando Oramas Leon Drei Jahre ist die Todesnacht von Iguala schon her. Und die Studenten bleiben immer noch verschwunden. Foto: Prensa Latina (Mexiko-Stadt, 26. September 2017, prensa latina).- Inzwischen sind schon drei Jahre vergangen, seitdem die 43 Studierenden aus der Escuela Normal Rural von Ayotzinapa spurlos verschwunden sind. Genauso wie der Verbleib der Studierenden ist auch der Umgang der Justiz mit diesem Verbrechen weiterhin ungewiss. Wieder einmal...
Regierung zeigt kein Interesse am Schicksal der 43 aus Ayotzinapa Drei Jahre nach dem Verbrechen wurden die 43 verschwundenen Lehramtsstudenten aus Ayotzinapa noch immer nicht gefunden. Foto: Desinformémonos (Oaxaca-Stadt, 27. September 2017, educa/desinformémonos).- Drei Jahre nach dem gewaltsamen Verschwindenlassen der 43 Lehramtsstudenten aus Oaxaca hält die mexikanische Regierung noch immer an ihrer Version der „historischen Wahrheit“ fest. Die wahren Schuldigen seien noch immer nicht bestraft worden, beklagten Organisationen der Zi...
Drei Jahre nach Ayotzinapa Von José Luis Avendaño C. Grafik: Alai (Mexiko-Stadt, 26. September 2017, alai).- Ich will, dass dieser Monat endlich aufhört. Dass endlich der Oktober kommt, obwohl der seine eigene Spur der Tragödien hat: In einem Jahr jährt sich zum 50. Mal das Massaker von Tlaltelolco, welches am Wendepunkt 1968 verübt worden ist; ein halbes Jahrhundert seit dem Mord an Che Guevara in Bolivien, der schon lange eine historische Figur in Lateinamerika war und zu einem lebenden Beispi...
onda-info 417 Unser Radiomagazin onda-info diesmal mit zwei Beiträgen zu Mexiko! Wenige Tage vor dem schlimmen Erdbeben wurde in Mexiko eine Frau ermordet – eine von sieben, jeden Tag. Mexikanische Radiomacherinnen haben in einer Reportage Stimmen im Gedenken an Mara Castilla gesammelt; Stimmen der Wut und des Widerstands. Mexiko ist auch ein wichtiger Markt für europäische Unternehmen. Gerade wird an einer Neuauflage des Handelsabkommen mit der EU gefeilt. Und was aus den intransparenten ...
Spioniert Mexiko Journalist*innen und Menschenrechtsgruppen aus? Die bekannte mexikanische investigative Journalistin Carmen Aristegui hatte schon mehrfach mit Repression zu kämpfen. Hier bei protestierenden Arbeiter*innen auf dem Zócalo in Mexiko-Stadt 2010. Foto: Wikipedia (Mexiko-Stadt/Berlin, 21. Juni 2017, desinformémonos/poonal).- Am Montag, 19. Juni hat die New York Times den Artikel "wir sind die neuen Staatsfeinde" veröffentlicht, eine Reportage über Spionage gegen Aktivist*innen und Journalist*innen in Mexiko. Dort wird dokum...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.