Bolivien

Aus einer anderen Perspektive


Die Uhr am Kongress in La Paz geht jetzt anders herum / Foto: Martín Alipaz, La diaria (Efe) archivo junio 2014(Montevideo, 06. Juni 2014, la diaria).- Die Legislative Boliviens hat entschieden, dass sich ihre Uhr jetzt anders dreht. Um klarzumachen, dass Bolivien ein Land auf der Südhalbkugel ist, welches keine Perspektiven des Nordens annehmen möchte, befinden sich die Stundenzahlen der Uhr nun auf der gegenüberliegenden Seite und ihre Zeiger laufen gegen den Uhrzeigersinn.

 

Zeichen für Anti-Imperialismus und De-Kolonialisierung setzen

Für den Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Bolivien, Marcelo Elío, ist die Entscheidung, den Lauf jener Uhr zu ändern, die das historische Parlamentsgebäude seines Landes ziert (die gesetzgebende Versammlung des Vielvölkerstaates), ein Ausdruck der „Entkolonialisierung“ und des „Antiimperialismus“.

„Die Stunde wird genau angezeigt, aber man muss sich geistig umstellen, um wie jemand aus dem Süden zu denken, und nicht in der herkömmlichen, vom Norden vorgeschriebenen Weise“, sagte Elió, wie auf der Homepage des bolivianischen Radiosenders FM zu lesen ist.

Als Außenminister David Choquehuanca den Entschluss bekannt gab, erklärte er, man versuche, die Logik einer Sonnenuhr umzusetzen: „Die Sonne dreht sich auf der Südhalbkugel wie ein Stift, den Sie in die Hand nehmen, nach links. Im Norden geht sie in die andere Richtung“. Und der Minister fügte hinzu: „Wir müssen es nicht kompliziert machen, sondern uns nur dessen bewusst werden, dass wir im Süden leben und nicht im Norden“.

„Technik des Südens“

Verschiedene Politiker*innen Boliviens äußerten sich zu den Gründen dieser Entscheidung. Elío sagte, dass „im Süden die Ideologien geboren werden, die die Welt von den Ungerechtigkeiten des Nordens befreien wollen“. Choquehuanca informierte die Tageszeitung ‚La Razón‘, dass man beabsichtige, mit dieser Idee „den Weg“ und „die Identität“ der Völker der südlichen Hemisphäre wiederherzustellen und man eine „Technik des Südens“ beanspruche“.

Der Außenminister erinnerte zudem daran, dass dies im Rahmen einer Politik geschehe, die in ihrer Verfassung die Whipala-Regenbogen-Flagge als nationales Symbol anerkannt habe und sich für Verteidigung der Kokablätter und die Schätzung der Quinoa-Pflanze einsetze, zitierte die Agentur Efe. Choquehuanca habe außerdem gefragt: „Wer hat gesagt, dass die Uhr sich immer in eine Richtung dreht? Warum müssen wir immer gehorchen? Warum können wir nicht kreativ sein?“

Keine neue Erfindung

Er gab jedoch zu, dass diese Uhr keine neue Erfindung sei. So sagte der Außenminister, dass er selbst ein ähnliches Exemplar in London gekauft habe, welches ihm als ein Produkt ‚für die Menschen des Südens‘ angeboten worden war.

Die Regierung von Evo Morales verteilte weitere 200 Uhren dieses Typs unter den Delegationen, die am G77-Gipfel plus China im bolivianischen Santa Cruz teilgenommen hatten, so der Choquehuanca. Aber diese Geschenke spielten auf mehr an, als nur auf den Blick von der anderen Seite der Hemisphäre. Sie hatten die Form des Landes Bolivien mit einem Zugang zur Küste, den das Land im Jahr 1879 im Krieg gegen Chile verlor. Seitdem ist Bolivien ohne Zugang zum Meer.

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