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Argentinische Wissenschaftler*innen berichten zu Gesundheits- und Umweltfolgen von Gensoja


Von Gerold Schmidt

"Für heute Soja - für morgen Hunger" / Foto: Véronique Debord-Lazaro, CC-BY-SA-2-0, flickr

„Für heute Soja – für morgen Hunger“ / Foto: Véronique Debord-Lazaro, CC-BY-SA-2-0, flickr

(Mexiko-Stadt, 21. November 2016, poonal).- Die argentinische Wissenschaftlerin Alicia Massarini von der Universität von Buenos Aires zeichnete in Mexiko ein verheerendes Bild von 20 Jahren Gensoja in ihrem Land. Auf dem Forum „Wissenschaft, Technologie und Macht“, veranstaltet von der Organisation ETC und der Vereinigung Gesellschaftlich Engagierter Wissenschaftler*innen UCCS (Unión de Científicos Comprometidos con la Sociedad), beschrieb sie die Folgen für Umwelt, Ernährungsproduktion und Beschäftigung. Der Anbau von Gensoja, der auf einer Fläche von 1 Million Hektar begann, beanspruche inzwischen 22 Millionen Hektar.

Anbau von Gensoja: kurzfristig rentabel – mit langfristigen Folgen

Der großflächige Anbau benötige nur wenige Arbeitskräfte und habe zum Sterben kleiner und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe beigetragen. 300 Dörfer auf dem Land seien aufgrund weggefallener Arbeitsplätze aufgegeben worden. Die Nahrungsmittelproduktion würde verdrängt, da die ausschließlich für den Export bestimmte Gensoja rentabler sei. Der Soja-Boom weite auch die Agrargrenze zu Lasten des Waldes und andere Ökosysteme aus. „Bald werden diesen Böden nicht mehr für die Landwirtschaft taugen und die Wälder sind verloren.“

Jahr für Jahr gehe der Anbau der Gensoja mit dem Versprühen von 250 Millionen Litern von Agrargiften, vor allem von Glyphosat, einher. Der Boden werde so erschöpft, die Menge der Nährstoffe nehme ab. Gleichzeitig produzierten die Agrargifte starke Gesundheitsprobleme im Zentrum Argentiniens, wo 12 Millionen Menschen leben. Glyphosat und andere Gifte würden praktisch über der Landbevölkerung, nur wenige Meter von den Wohnstätten entfernt, versprüht. Die Krebsrate betrage das Dreifache des nationalen Durchschnitts.

Argentinische Studie von Damián Verzeñassi kritisiert Glyphosat-Anwendung

Auf dem erwähnten Forum wurde zum Thema Gesundheitsfolgen auch eine Studie des Arztes und Forschers Damián Verzeñassi von der Universität von Rosario vorgestellt. Sein Team interviewte etwa 100.000 Personen an 26 Orten in der zentralen Sojaregion Argentiniens, die die Provinzen Santa Fe, Córdoba, Entre Ríos und Teile von Buenos Aires umfasst. Dabei stießen sie auf gehäufte Erkrankungen der Schilddrüse, Atmungsprobleme und Fehlgeburten über die in nationalen Statistiken laut Studie so nicht berichtet wird. Das Forscher*innenteam sieht die massive Anwendung von Glyphosat in der Region als wahrscheinliche Ursache für die gehäuften Krankheitsbilder an.

Bereits vor Jahren hatte der 2014 verstorbene argentinische Molekularbiologe Andrés Carrasco auf die Gesundheitsgefahren von Glyphosat und anderer Pestizide aufmerksam gemacht. Wie damals Carrasco wird auch Verzeñassi für seine Forschungen und seinen Aktivismus angefeindet. Als er Mitte Oktober nach einem Auftritt beim in Den Haag durchgeführten „Monsanto-Tribunal“ nach Argentinien zurückkehrte, fand er seine Büroräume an der Universität von Rosario mit einer Kette verschlossen vor. Zudem sah er sich einem Verfahren gegenüber, mit dem sein Dekan offenbar seine Entlassung erreichen wollte. Es gab eine internationale Solidaritätsaktion. Der Rektor der Universität wies den Dekan vor wenigen Tagen an, jegliche Maßnahmen gegen Verzeñassi einzustellen.

Mexiko: Behörden genehmigten Anbau von Gensoja – Maya-Gemeinden wehren sich

Der Vorfall hinderte den Arzt jedoch daran, persönlich nach Mexiko zu kommen. In Mexiko wird seit Jahren kontrovers über den Anbau von Gensoja und die damit einhergehende massive Anwendung von Glyphosat diskutiert. Die Regierungsbehörden hatten 2011 den kommerziellen Gensoja-Anbau in sieben Bundesstaaten auf einer Gesamtfläche von 253.500 Hektar genehmigt. Besonders auf der Halbinsel Yucatán mit den drei Bundesstaaten Yucatán, Campeche und Quitana Roo wehren sich die Maya-Bevölkerung und zahlreiche Organisation aber bisher erfolgreich gegen das Vorhaben

(Hinzugezogene Quellen: http://www.jornada.unam.mx/2016/11/14/sociedad/045n1soc, http://www.jornada.unam.mx/2016/11/09/sociedad/040n1soc ).


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