Lateinamerika

Anstieg der Produktion von Biokraftstoffen besorgniserregend


(Fortaleza, 12. September 2008, adital).- Die internationale NGO Friends of the Earth hat einen Bericht vorgelegt, der die aktuelle Situation der Biokraftstoffproduktion in verschiedenen Ländern Südamerikas analysiert. Das Dokument „Subventionierung der Zerstörung Lateinamerikas“, vorgestellt am 10. September, zeigt, dass die schnell voranschreitende Ausweitung der Biokraftstoffproduktion vor allem großen Unternehmen zugute kommt, jedoch für die lokale Bevölkerung kaum Vorteile bringt.

Der Bericht untersucht die Einflüsse von Unternehmen und internationalen Investoren sowie der Biokraftstoffindustrie auf die Landwirtschaft und die Energiepolitiken verschiedener Länder, um Folgen für die Gesellschaft, Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte aufzudecken. Die Autor*innen des Berichts leben und arbeiten in Ländern Süd- und Mittelamerikas, in denen Biokraftstoffe vermehrt produziert werden, wie zum Beispiel Argentinien, Brasilien, Uruguay, Kolumbien, Costa Rica, El Salvador und Guatemala.

In einer Schlussfolgerung unterstreicht der Bericht, dass eine Ausweitung der Anbauflächen für Biokraftstoffe unweigerlich zu einer Zunahme der Entholzung von Regenwäldern führt und eine Zerstörung von Flora und Fauna mit sich bringt. Die Konsequenzen seien vermehrte Konflikte um Land, die Vertreibung von ländlichen Gemeinden, prekäre Arbeitsbedingungen und eine umweltschädliche Produktionsweise.

Die Kritik des Berichts richtet sich vor allem gegen den lateinamerikanischen Enthusiasmus im Zusammenhang mit der Produktion von Biokraftstoffen: „Keine andere Region der Erde hat diese Idee mit solch übereiferndem Enthusiasmus empfangen wie Lateinamerika. Hier weiteten die Unternehmen die Produktion aus und erstellten die nötige Infrakstruktur, um Zugang zu den Märkten in Europa und den Vereinigten Staaten zu bekommen und diese mit Biokraftstoffen zu versorgen. Brasilien ist zum größten Verfechter der Biokraftstoffe geworden.“ Um Kritik zu vermeiden, würden die produzierenden Länder dem Norden versichern, dass sie die Produktion auf eine nachhaltige und umweltverträgliche Art und Weise ausweiten wollten.

In Brasilien, das vom Bericht als zentrale Nation der neuen Biokraftstoff-Geopolitik bezeichnet wird, seien vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen der Zuckerrohrschneider besorgniserregend. „In vielen Regionen des Landes wurden mit alarmierender Häufigkeit Arbeitsbedingungen vorgefunden, die jenen der Sklaverei gleichen, sogar in modernen Produktionsanlagen.“ Seit die Nachfrage nach Biokraftstoffen ansteige, breite sich die Landwirtschaft in Brasilien auch auf Landstriche aus, die zuvor nicht kultiviert wurden. Dadurch würden Rinderzüchter und Bauern gezwungen, auf anderes Land umzusiedeln.

Weiter heißt es in der Studie, es sei unwahrscheinlich, dass die Ausweitung des Rohrzuckeranbaus zu Vorteilen für ländliche Gemeinden oder die Umwelt führe. „Diese Monokulturen verdrängen kleine und produktive Familienbetriebe. Die Nachfrage nach Pflanzen, die zur Herstellung von Biokraftstoffen dienen, schuf eine wahrhaftige Explosion der Nachfrage nach Land in ruralen Gebieten. Ausländische Investoren, vorneweg George Soros oder der Ex-Weltbankpräsident Michael Wolfensohn, kaufen riesige Flächen zur späteren Ausweitung des Rohrzuckeranbaus und drängen so brasilianische Bauern aus dem Markt, die mit diesen Landpreisen nicht mehr mithalten können.“

Der Bericht betont, welche Rolle die Haltung der jeweiligen Regierungen zum Thema spielt. „Die Regierungen sind auf die neuen Märkte konzentriert, die sich im Zuge der steigenden Nachfrage im Norden nach Biokraftstoffen auftun. Ungeduldig wollen sie immer mehr Land dem Anbau von Rohrzucker, Ölpalmen, Soja und dergleichem öffnen. Sie haben Maßnahmen aufgelegt, die den Anbau von Biokraftstoffen extrem attraktiv machen, darunter Subventionen, Steuernachlässe, Forschungsgelder, Landrechte, Baugenehmigungen für Infrastrukturmaßnahmen und Quoten zu Beimischung von Ethanol und Biodiesel in Kraftstoffe, die beim Transport verwendet werden. So wollen sie die Nachfrage steigern und den Absatz der produzierten Biokraftstoffe sichern und erhöhen.“

Am gleichen Tag, an dem der Bericht vorgestellt wurde, schlug das EU-Parlament vor, die im letzten Jahr beschlossene Maßnahme zu Erhöhung der Marktanteile von Biokraftstoffen einer Überprüfung zu unterziehen. Die aktuelle Regelung sieht vor, dass bis zum Jahr 2020 10% erneuerbarer Krafstoff im Verkehrssektor eingesetzt werden muss. Der Industrieausschluß des Europäischen Parlaments schlägt nun vor, dass der Anteil von traditionellen Biokraftstoffen, wie z.B. Alkohol, der aus Zuckerrohr gewonnen wird, auf sechs Prozent gesenkt werden solle. Die restlichen vier Prozent sollen aus Elektrizität, Brennstoffzellenantrieben und Biokrafstoffen der zweiten Generation kommen, die aus Zellulose und ihren Abfallprodukten hergestellt werden.

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