Brasilien

Amazonasgebiet: Morde an RegenwaldaktivistInnen


José Cláudio Ribeiro da Silva und Maria do Espírito Santo(Lima, 04. Juni 2011, noticias aliadas).- Während Brasiliens Regierung weiterhin mit Nachdruck den Kurs verfolgt, das Land zu einer der weltweit führenden Industrie- und Agrarmächte zu entwickeln, nimmt der Konflikt im Amazonasgebiet immer blutigere Züge an. Innerhalb weniger Tage wurden kürzlich drei Regenwaldaktivist*innen ermordet.

Am 24. Mai wurde das Ehepaar José Cláudio Ribeiro da Silva und Maria do Espírito Santo da Silva im nördlichen Bundesstaat Pará erschossen. Pará ist berüchtigt für die Vielzahl an vergleichbaren Morden. Das Ehepaar hatte sich über viele Jahre für das Naturschutzgebiet Praialta-Piranheira engagiert. Nach Polizeiangaben handelte es sich bei den Tätern um Auftragsmörder.

Lizenz zum Holzen

Die Morde wurden am selben Tag verübt, an dem das brasilianische Abgeordnetenhaus Änderungen an dem aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stammenden Waldgesetz zugestimmt hatte. Das neue Gesetz würde für eine Lockerung der Beschränkungen für Rodungen sorgen, was nach Ansicht von Kritiker*innen eine rasante Beschleunigung der Abholzung der Regenwälder zur Folge hätte.

Drei Tage später, am 27. Mai, wurde der Umweltschützer Adelino Ramos im nordwestlichen Bundesstaat Rondônia ermordet. Am folgenden Tag wurde Erenildo Silveira dos Santos – nach Aussage der Polizei ein Zeuge des Mordes an dem Ehepaar da Silva – ebenfalls umgebracht. Brasiliens Umweltschützer*innen fordern von der Regierung einen besseren Schutz für die Dutzenden von Aktivist*innen, die Zielscheibe von Morddrohungen sind. Präsidentin Dilma Rousseff müsse der Straflosigkeit für die Täter ein Ende bereiten, welche die Regel sei. Bei einer Zahl von 1.580 Morden an Umweltschützer*innen in den letzten 25 Jahren sei es nur in 91 Fällen zu einem Prozess gekommen, lediglich 21 Verurteilungen wurden ausgesprochen.

Wachstum um jeden Preis

In einer Erklärung von 30. Mai forderte die katholische Landpastorale ein entschlossenes Handeln der Regierung. Diese müsse „die Landrechte der indigenen Gemeinschaften im Amazonasgebiet anerkennen und rechtlich fixieren, um den gefräßigen Holzeinschlags– und Landwirtschaftsunternehmen klar ihre Grenzen aufzuzeigen“.

Die jüngsten Bluttaten scheinen Brasiliens Regierung allerdings nicht von ihrem Weg abzubringen, die Industrie des Landes um fast jeden Preis wachsen zu lassen, auch auf Kosten der zerbrechlichen Ökosysteme des Amazonasgebiets. Auf besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen, darunter die isoliert lebenden indigenen Gemeinschaften, wird dabei ebenfalls keine Rücksicht genommen.

Am 1. Juni hat das Brasilianische Institut für Umwelt und erneuerbare Ressourcen IBAMA (Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis) grünes Licht für den Bau des umstrittenen Staudamms Belo Monte im Bundesstaat Pará gegeben. Sollte das 16 Milliarden US-Dollar teure Projekt am Rio Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas, tatsächlich zustande kommen, würde es sich um das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt handeln. Umweltschützer*innen und Aktivist*innen für die Rechte indigener Völker kämpfen mit einer weltweiten Kampagne gegen das Projekt Belo Monte. Sie warnen vor den irreparablen Schäden, die der Umwelt und den Menschen entstünden, sollte das Wasserkraftwerk gebaut und die hierfür erforderlichen Flutungen vorgenommen werden.

 

alt

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