Mexiko
Fokus: Frauen und Queer / Mujeres y Queer

„Alle Rechte für Frauen! Schluss mit den Übergriffen!“


Von Montserrat Antúnez Estrada

Protest

Foto: Cimac/César Martínez López

(Mexiko-Stadt, 10. November 2017, cimacnoticias).- Ein Jahr nach der Einführung des „Protokolls zur Verfolgung geschlechtlich motivierter Übergriffe“ in der Autonomen Universität Mexikos UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México) führten von 234 Anzeigen lediglich 150 zu Untersuchungen; in einigen Fällen waren die Täter keine Angehörigen der Universität, in anderen Fällen wurde die Anzeige zurückgezogen. Dies geht aus der Webseite für Gender-Gleichbehandlung der UNAM hervor. Das Protokoll war von der renommierten Hochschule vor einem Jahr im Zuge der Kampagne „He for She“ der UN Frauen eingesetzt worden.

Wie Cimanoticias berichtet, wurden nach Angaben der Webseite 96 Prozent der Anzeigen von Frauen gestellt, aufgrund von geschlechtlich motivierter sexueller, psychischer und physischer Gewalt. 50 Prozent dieser Frauen waren von sexueller Gewalt betroffen. Mit den 234 Anzeigen waren insgesamt 328 Gewalttaten angezeigt worden; bei 21 Prozent handelte es sich dabei um unerwünschte Berührungen; außerdem wurden die Betroffenen gezwungen, bei sexuellen Handlungen zuzusehen.
Bei 23,5 Prozent der Anzeigen handelte es sich um sexuelle Belästigung und Schikanierung; die Universität machte jedoch keine Angaben dazu, um welche Art von sexueller Gewalt es sich bei den übrigen Beschwerden handelt. Psychische Gewalt wurde überwiegend in Form von Beleidigungen (16,2 Prozent) und Geringschätzung (15 Prozent) ausgeübt, auch hier wurden jedoch keine weiteren Auskünfte erteilt, worin die übrigen Übergriffe bestanden.

Lösung der Konflikte durch Mediation umstritten

Von den 150 Untersuchungen wurden in 21 Prozent der Fälle bisher noch keine Sanktionen verhängt. In fünf Prozent der Fälle konnte die Untersuchung nicht abgeschlossen werden, weil die Beschuldigten sich krankmeldeten oder in Rente gingen. In einem Fall beschloss das Universitätstribunal, die Untersuchung nicht fortzuführen.

Was die Lösung der Konflikte angeht, so wurde in 44 Fällen (das entspricht 67 Prozent) durch Mediation eine Lösung erreicht. Mediation bedeutet, dass sich Agressor*in und Geschädigte*r an einen Tisch setzen und eine Übereinkunft erarbeiten, die eine Wiedergutmachung für die/den Geschädigte*n beinhaltet. Diese Methode wurde von Student*innen und Lehrkräften scharf kritisiert.

In ihrem Bericht gestand die UNAM ein, dass die Bearbeitung der Beschwerden ein sehr langwieriger Prozess sei; daher riet die Universität dazu, eine Strategie zu entwickeln, um die Verzögerungen im Universitätstribunal zu verhindern. Dazu häuften sich Beschwerden von Student*innen, dass die Behörden einen großen Teil der eingereichten Anzeigen nicht weiterleiten. So hatten sich im vergangenen Jahr bis Dezember 81 Fälle angesammelt, davon waren jedoch nur drei ans Tribunal weitergegeben worden.

Formen und Akteure der Gewalt

Besonders betroffen von geschlechtlich motivierter, vor allem sexueller und psychischer Gewalt an der UNAM sind Studentinnen des sekundären Bildungsbereichs sowie der Lizenziatsstudiengänge. In 37 Prozent der Fälle handelte es sich bei den Täter*innen um Lehr- und Verwaltungspersonal. 81 Prozent der Anzeigen (189) wurden von Student*innen gestellt, davon waren 62,5 Prozent zwischen 15 und 25 Jahre alt.

Die UNAM-Mitarbeiter*innen sind von geschlechtlich motivierter Aggression nicht ausgenommen; von ihnen stammten neun Prozent der Anzeigen. In 49 Fällen gehörten die Täter*innen dem Uni-Personal an, zu 42,9 Prozent handelte es sich um Mitarbeitende des Campus; 34,7 Prozent waren in den Fakultäten tätig. Die Mehrheit der Übergriffe wurde von Dozenten gegen Studentinnen und Studenten verübt (145 Fälle).

Zwar zeigt die Untersuchung einiger der angezeigten Fälle, dass die Behörden sich in gewisser Weise zu dem Problem verhalten, die Tragweite des Problems wird dadurch jedoch nicht in vollem Umfang deutlich. So erklärten zahlreiche Studentinnen, dass sie sich bei der Anzeige eines Übergriffs und der Berufung auf das Protokoll der Universität erneut in eine Opferrolle gedrängt fühlen und die erlebte Gewalt von den Behörden nicht ernst genommen wird.

Außerdem stand die UNAM in den letzten Monaten immer wieder wegen eines Mordfalls in der Kritik, der sich auf dem Campus ereignet hatte. Lesvy Berlín Rivera Osorio war am 3. Mai vermutlich von ihrem Freund und Ex-Mitarbeiter der Universität umgebracht worden. Obwohl der Verdacht besteht, dass es sich um einen Femizid handelt, hat UNAM-Direktor mehrfach öffentlich bestritten, dass es bei der Tat um einen Fall von geschlechtsspezifisch motivierter Gewalt handeln könnte.

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