{"id":4198,"date":"2023-09-09T09:07:56","date_gmt":"2023-09-09T08:07:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/?p=4198"},"modified":"2023-09-09T09:20:12","modified_gmt":"2023-09-09T08:20:12","slug":"abschied-in-santiago","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/de\/abschied-in-santiago\/","title":{"rendered":"Abschied in Santiago"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Manos-1024x628.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"393\" class=\"aligncenter size-large wp-image-4199\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Manos-1024x628.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Manos-300x184.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Manos-768x471.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Manos.jpg 1062w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Der Putsch zerst\u00f6rte auch Hoffnungen deutscher Internationalisten &#8211; und trennte zwei Freunde<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDen kurzen Weg zur bundesdeutschen Botschaft gehen die beiden Freunde gemeinsam. Sorgen und Ungewissheiten lassen sich kollektiv besser schultern, auch das haben sie in den 1000 Tagen des chilenischen Sozialismus gelernt, der vor wenigen Tagen, am 11. September 1973 ein j\u00e4hes Ende gefunden hat. Ganz in ihrer N\u00e4he, \u00fcber dem Regierungssitz La Moneda, steigt noch immer Rauch auf. Von hier aus wandte sich Pr\u00e4sident Salvador Allende im Radio ein letztes Mal an die Bev\u00f6lkerung: Er dankte den Arbeiter*innen, warnte vor d\u00fcsteren Zeiten und verbreitete zugleich Mut, dass sich \u00bberneut die gro\u00dfen Wege auftun werden, auf denen der freie Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht\u00ab.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNorbert Lechner und Franz Hinkelammert gehen an diesem Morgen auf gro\u00dfen, menschenleeren Stra\u00dfen durch Santiago, doch freie Menschen sind kaum zu sehen. \u00bbFrei\u00ab, das bedeutet in diesen Tagen, nicht zu denen zu geh\u00f6ren, die verhaftet und gefoltert werden &#8211; nicht mehr und nicht weniger. Um frei zu bleiben, m\u00fcssen sie vorsichtig sein. Rundfunkspots und Plakate rufen die Patrioten Chiles dazu auf, alle verd\u00e4chtigen Subjekte zu denunzieren, \u00bbmarxistische Agitatoren\u00ab und \u00bbAusl\u00e4nder\u00ab seien besonders gef\u00e4hrlich. Kein Wunder, dass die beiden Inhaber bundesdeutscher Reisep\u00e4sse den Blickkontakt mit den wenigen Passanten meiden.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nHinkelammert ist in jedem Sinne verd\u00e4chtig. Der 1,90 Meter gro\u00dfe linke \u00d6konom und Befreiungstheologe mit wildem blonden Haar und Rauschebart ist kaum zu \u00fcbersehen und ziemlich bekannt. Lechner ist etwas unscheinbarer, seine staatstheoretischen Arbeiten kennen nur wenige. Die akademischen und politischen Interventionen des Soziologen sind eher subtil. Ganz allm\u00e4hlich wird er in den n\u00e4chsten Jahren die \u00bbInnenh\u00f6fe der Demokratie\u00ab, die subjektive Dimension von Politik ausleuchten: \u00bbUm zu leben, darf man die Narben nicht vergessen, Narben, wo die Haut ihre Empfindlichkeit verloren hat.\u00ab Auch Hinkelammerts Reaktion auf den Putsch l\u00e4sst nicht lange auf sich warten. Den religi\u00f6sen Unterst\u00fctzern Pinochets bescheinigt er eine \u00bbTheologie des V\u00f6lkermordes\u00ab, \u00f6konomische Apologet*innen des brutalen Regimewechsels in Chile &#8211; wie Margaret Thatcher und Ronald Reagan &#8211; gei\u00dfelt er als \u00bbG\u00f6tzen des Todes\u00ab, die im Namen des Neoliberalismus einen \u00bbspirituellen Vernichtungskrieg\u00ab f\u00fchrten.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNoch wissen sie an diesem Morgen nicht, wie viel Unterst\u00fctzung sie in der Botschaft der BRD erwarten k\u00f6nnen. Beide hatten Deutschland bewusst den R\u00fccken gekehrt, um sich als Internationalisten in der \u00bbDritten Welt\u00ab zu engagieren. Hinkelammert empfand das Dasein im nur oberfl\u00e4chlich entnazifizierten Westteil des Landes als unertr\u00e4glich, als \u00bbLeben zwischen Schwerverbrechern\u00ab. Lechner, der als Kind im Nationalsozialismus, aber auch in den Diktaturen Portugals und Spaniens aufwuchs, blieb Deutschland nach seiner R\u00fcckkehr als Jugendlicher fremd. Auch er f\u00fchlte sich als Fremder, der \u00bbSchwierigkeiten hat, sich seiner Tr\u00e4ume zu erinnern und sie auszudr\u00fccken\u00ab. Das Santiago der sp\u00e4ten 60er Jahre ist da um einiges weltoffener, der Abstand zur bleiernen Nachkriegszeit der Alten Welt gro\u00df und mit Salvador Allende als erstem gew\u00e4hlten marxistischen Pr\u00e4sidenten wird das Land ab 1970 f\u00fcr viele linke Intellektuelle und Aktivist*innen endg\u00fcltig eine zweite Heimat.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNun ist Allende tot. Die chilenische Linke und ihre internationalen Unterst\u00fctzer*innen haben der massiven Gewalt der neuen Machthabenden am Ende nichts entgegenzusetzen. Trotz des internationalen Aufschreis, in den auch Regierungen einiger westlicher Staaten wie Frankreich, Schweden und Italien einstimmen: Wer w\u00fcrde schon eine direkte Intervention im \u00bbHinterhof der USA\u00ab vom Zaun brechen? Noch dazu im Namen eines \u00bbdemokratischen Sozialismus\u00ab, den die UdSSR bereits 1968 in Prag bek\u00e4mpft hatte und den im Westen vielleicht ein Willy Brandt spannend fand, aber mehr auch nicht. 1974 erh\u00f6ht die BRD ihre Exporte nach Chile um 40 Prozent, die Importe wachsen um 65 Prozent. Dass auch die DDR nach 1973 unter Vermittlung der Schweiz chilenisches Kupfer einf\u00fchrte, ist eine andere Geschichte.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIn der diplomatischen Vertretung der BRD in Chile werden Lechner und Hinkelammert von Botschafter Kurt Luedde-Neurath empfangen, ein studierter Jurist, Tr\u00e4ger des 1969 verliehenen Bundesverdienstkreuzes erster Klasse sowie ehemaliges Mitglied der NSDAP und der SA. Luedde-Neurath ist kurz angebunden: Ja, wenn sie Sorge um ihre Sicherheit h\u00e4tten, k\u00f6nnten sie bleiben. Aber die Botschaft der BRD sei kein Hotel und mit der n\u00e4chsten freien Maschine w\u00fcrden sie nach Deutschland ausgeflogen. Auf keinen Fall w\u00fcrde er ihre Anwesenheit im Land guthei\u00dfen, solange weiter der Sturm tobe. Niemand spricht. Dann steht Lechner auf, bedankt sich und geht zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe, zur\u00fcck nach Hause. Hinkelammert bleibt sitzen und ist schon bald zur\u00fcck in Deutschland.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nEs ist nicht das Ende einer Freundschaft. Als Menschenrechtler und Forschende f\u00fcr die Unesco und die Freie Universit\u00e4t Berlin werden die beiden weiter engen Kontakt halten, zwei unbequeme Stimmen, zwei ungleiche Lautst\u00e4rken. Nein, zu Ende geht an diesem Tag etwas anderes und es beginnt etwas, \u00bbf\u00fcr das uns zun\u00e4chst die Worte fehlten\u00ab, erinnert sich Lechner in einem Interview 2004. Allende hatte mit viel Zuversicht das zwangsl\u00e4ufige Auftauchen neuer, gro\u00dfer Wege versprochen. Die \u00dcberlebenden h\u00e4tten diesem Versprechen jedoch noch etwas anderes hinzuf\u00fcgen m\u00fcssen, n\u00e4mlich \u00bbuns aus der Niederlage herauszudenken (&#8230;), den Impuls zu geben, f\u00fcr eine neue Art des Denkens und der Politik, am Rand der gro\u00dfen Avenidas\u00ab.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNorbert Lechner lebt bis an sein Lebensende 2004 in Santiago, ein Jahr zuvor erh\u00e4lt er die chilenische Staatsb\u00fcrgerschaft. Franz Hinkelammerts neue Heimat wird Costa Rica, wo er 1976 ein befreiungstheologisches Institut gr\u00fcndet und bis zu seinem Tod im Juli 2023 die Marxsche Religionskritik verteidigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Putsch zerst\u00f6rte auch Hoffnungen deutscher Internationalisten &#8211; und trennte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4199,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[960],"tags":[],"class_list":["post-4198","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-berichte-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4198","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4198"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4210,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4198\/revisions\/4210"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}